Kolumbien gilt heute als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Bis zu 35.000 Menschen fallen jedes Jahr Gewaltverbrechen zum Opfer. Längst reagieren die meisten Kolumbianer mit Schulterzucken, mit ratlosem, hoffnungslosem Schweigen auf Nachrichten über Anschläge und Entführungen. Sie können sich in der Regel an nichts anderes erinnern, denn die gesamte rund 180jährige Geschichte Kolumbiens, einer der ältesten Demokratien Lateinamerikas, gleicht einer Chronik der Gewalt.
La Violencia
1830 zerfiel das 11 Jahre zuvor von Simón Bolívar, dem großen Unabhängigkeitskämpfer gegründete "Großkolumbien". Es entstanden Panama, Ecuador, Venezuela und Kolumbien. Bald schon entbrannte in Kolumbien ein erbitterter Bürgerkrieg zwischen den Anhängern der föderalistischen, laizistischen Liberalen und denen der Konservativen. Alleine dem "Krieg der 1.000 Tage" zwischen 1899 und 1902 fielen über 100.000 Menschen zum Opfer. Unter diesen Voraussetzungen gelang es den zahlreichen, schnell wechselnden Regierungen nicht, das Land zu stabilisieren und den Staat zu stärken. So blieb die Wirtschaft marode und die Verwaltung schlecht organisiert - bis heute.
Seinen Höhepunkt erlebte der beinahe hundertjährige Bürgerkrieg zwischen 1948 und 1957. Bis heute sprechen die Kolumbianer von dieser Zeit schlicht als "La Violencia" ("Die Gewalt"). Elitenkämpfe um die Kontrolle der politischen Macht und der staatlichen Institutionen stürzten das Land neun Jahre lang in Chaos und Anarchie.
Die soziale Frage und Guerillas
Auch die sozialen Missstände trugen zu einem Klima von Gewalt und Instabilität bei: seit den 50er Jahren bekämpften sich Großgrundbesitzer auf der einen, Kleinbauern und Siedler auf der anderen Seite, es kam zu illegalen Landbesetzungen und Massakern. In diesem Umfeld entstanden Anfang der 60er Jahre die Guerilla-Bewegungen, die das öffentliche Leben in Kolumbien seither entscheidend prägen. Bis heute sehen sich vor allem die FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens), die größte Guerilla-Gruppe, als Interessenvertreter der Campesinos, der ausgebeuteten Bauern.
Erst 1958 gelang es Liberalen und Konservativen, die blutigen Kämpfe beizulegen und die so genannte "Nationale Front" ("Frente Nacional") zu schließen. Als Folge dieses Paktes teilten beide Parteien in den folgenden 16 Jahren die wichtigsten politischen Ämter unter sich auf und initiierten halbherzige Reformen der Verwaltung, an den sozialen Spannungen änderte sich jedoch wenig.
Auch kam es auf Grund der in Kolumbien selbst im lateinamerikanischen Vergleich stets hohen Kriminalitätsrate und etlicher nicht befriedeter lokaler Konfliktherde mit der Zeit zu einer Militarisierung des Staatsapparates. Zwar waren in Kolumbien nur selten Militärs an der Macht, seit mehreren Jahrzehnten ziehen sie jedoch im Hintergrund die Fäden.
Das Scheitern bisheriger Friedensinitiativen
Der konservative Präsident Belisario Betancur unternahm zwischen 1982 und 1986 einen ersten ernsthaften Versuch, das Land zu befrieden: Er verabschiedete eine umfassende Amnestie, setzte eine Friedenskommission und ein Komitee zur Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen ein. Statt Repression und Militarismus werde es Dialog und wirkliche Reformen geben, lautete eine der Parolen jener Tage. Außerdem versprach er, das Land aus der traditionell engen Verbindung zu den USA zu lösen und stärker auf einen eigenen außenpolitischen Kurs zu setzen. Doch schließlich endeten seine Initiativen ebenso wie die Befriedungsversuche seiner Nachfolger Virgilio Barco und César Gaviria im Nichts.
1998 trat der Konservative Andrés Pastrana mit einer neuen Friedensinitiative zu den Präsi-dentschaftswahlen an und gewann, getragen von neuen Hoffnungen der Kolumbianer. Doch sein Plan, mit dem er die Wirtschaft sanieren, die Armee modernisieren und gleichzeitig Guerilla und Drogenmafia bekämpfen wollte, erwies sich als nicht realisierbar - trotz finanzieller Hilfe aus den USA. Vier Jahre später musste auch er sein Scheitern eingestehen und trat zu den Präsidentschaftswahlen am 26. Mai 2002 gar nicht mehr an.
Unklare Allianzen - unklare Aussichten
Die Guerilla ist die eine Geißel Kolumbiens, die Drogenmafia die andere. Bis heute ist es dem Staat trotz internationaler Bemühungen nicht gelungen, die Kokainproduktion zu senken. Im Gegenteil: Im letzten Jahrzehnt ist sie von rund 65 auf über 680 Tonnen jährlich angestiegen.
Seit vielen Jahren finanzieren die Drogenbarone auch die zahlreichen paramilitärischen Einheiten, die insbesondere im ländlichen Kolumbien auftreten. Denen werden zugleich gute Kontakte zu rechtsgerichteten politischen Kreisen und in die Armeespitze nachgesagt. Gleichzeitig kooperieren jedoch auch die Guerillabewegungen mit der Drogenmafia. Überhaupt ist es längst schwierig geworden, die Kontrahenten im kolumbianischen Konflikt klar auszumachen. Ideologische Unterschiede zwischen rechts und links sind oft verwischt. Allianzen, meist reine Zweckbündnisse zur Durchsetzung eigener Interessen, werden rasch geschlossen und ebenso rasch wieder aufgelöst. Nur der Staat ist stets schwach geblieben in Kolumbien.
Ob ausgerechnet der am 26. Mai mit großer Mehrheit neu gewählte Präsident Alvaro Uribe in der Lage sein wird, der Chronik der Gewalt in Kolumbien zu beenden, erscheint mehr als fraglich. Hat er doch bereits im Wahlkampf stets betont, mit ihm werde es keinerlei Gespräche mit der Guerilla geben.
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