Zwei Seiten der gleichen Medaille
Autor : Bert Große E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 16.07.2003
Egal ob Wahlkampf, Haushaltsentwurf oder Unternehmenskrisen, Politik hat immer Erklärungsbedarf. Ein neuer Sammelband untersucht das Spannungsfeld von Politik und PR. Von Bert Große.
Studien zum weiten Feld der Public Affairs haben derzeit Konjunktur. Ein kritischer Grundton ist dabei häufig nicht zu überhören. Lobbyisten dienen Partikularinteressen, setzen den Willen ihres Kunden mit allen Mitteln durch und agieren nicht selten in legalen Grauzonen. Nur ein übles Klischee? Der Sammelband "Vom schlichten Sein zum schönen Schein? Kommunikationsanforderungen im Spannungsfeld von Public Relations und Politik" gibt Antworten.
PR im Mittelalter und was danach kam
Politik und Kommunikation waren seit jeher symbiotisch verbunden. Kunczik/Zipfel zeigen, dass die Herrschenden sich bereits im Mittelalter über die Bedeutung der öffentlichen Meinung und Möglichkeiten ihrer Beeinflussung im Klaren waren. Auch unter Friedrich dem Großen oder Bismarck wurden spezielle Institutionen zur Steuerung der öffentlichen Meinung eingerichtet. Konrad Adenauer war in Sachen PR ein höchst moderner Kanzler. Das 1949 gegründete Bundespresseamt schaltete Anzeigenkampagnen, gründete Auslandsbüros und nutzte erstmals in Deutschland das Instrument der Meinungsforschung.
Martell und Ries erklären in ihren Beiträgen die Arbeit professioneller Lobbyisten. Informationssammlungen, Argumentationsentwicklung und Kontaktpflege gehören zu den wichtigsten Tätigkeiten. Die Agenturkunden profitieren von einem politischen Frühwarnsystem, dem Wissen um parlamentarische Arbeitsabläufe und Möglichkeiten zur Beeinflussung sowie engen persönlichen Kontakten. Auch politische Krisenkommunikation stellt ein Arbeitsfeld dar. Ob Elchtest, Chemieunfall oder Glassplitter im Babybrei, plötzlich ist er da, der Super-GAU. Für jedes betroffene Unternehmen ist der Schaden immens. Johanssen macht in seinem Beitrag deutlich, dass Krisen nicht immer zu verhindern sind; Prävention, strukturiertes Krisenmanagement und mediale Offenheit aber dabei helfen können, verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen, wenn der worst case eingetroffen ist.
Wahlkampfprognosen und ihre Grenzen
Der zweite große Teil des Buches ist im Hinblick auf die Bundestagswahl 2002 der Wahlkampf-PR gewidmet. Einen umfangreichen Überblick über US-amerikanischen Wahlkampf bietet der kürzlich verstorbene Wolfram Brunner. Seine Analyse der Kampagnenbestandteile und ihres Zusammenwirkens gehört zu den derzeit informativsten Untersuchungen über Wahlkampf‚ made in USA'. Sein Fazit: High Tech, das heißt Geld, Fernsehen und professionelle Berater machen nur einen Teil der Kampagne aus. Ohne überzeugende Konzepte, die persönliche Ansprache und die Hilfe vieler Freiwilliger, also High Touch, kann kein Kandidat siegen. Flankiert wird der Artikel durch eine Analyse der Präsidentschaftswahl 2000 von Holtz-Bacha. Ihr Fazit: Der Trend zum permanenten Wahlkampf ist nicht mehr aufzuhalten, die Vermischung von Campaigning und Governing schreitet fort.
Insgesamt überzeugt der Band, vor allem in Bezug auf die langfristig angelegten Beiträge ist er mit Sicherheit ein Gewinn. Angesichts von Ristaus kompletter Fehleinschätzung der SPD-Kampagne im Vorfeld des Bundestagswahlkampfes 2002 zeigt sich jedoch wieder einmal die Grenze politischer Prognosefähigkeit. Als Ergebnis einer Fachtagung fasst der Band den aktuellen Forschungsstand zusammen und dürfte daher nicht nur für Wissenschaftler und Fachleute interessant sein.
Becker-Sonnenschein, Stephan; Schwarzmeier, Manfred, (Hrsg.),
Vom schlichten Sein zum schönen Schein? Kommunikationsanforderungen im Spannungsfeld von Public Relations und Politik
Wiesbaden, (2002), Westdeutscher Verlag, 274 S.,
ISBN 3-531-13714-X, 21,90 Euro
Das Copyright des Bildes liegt beim Westdeutschen Verlag.
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