Der Name Jerry Bruckheimer steht in Hollywood schon seit jeher für Kinospektakel in Übergröße. Nicht umsonst wird der Erfolgsproduzent in der Branche nur "Master of desaster" genannt. Seit den Tagen von "Top Gun", einer von Bruckheimers ersten Megaerfolgen, ist dem findigen Bastler von Multiplex-Kassengaranten auch der Umgang mit Amerikas Militärmaschinerie, die inzwischen immer mehr eine Allianz mit den Film-Generälen aus Hollywood eingeht, vertraut. Um nun den jährlichen Wettlauf um den Titel "Aufwändigster Film des Jahres" zu gewinnen, nahm sich der Nachkomme deutscher Einwanderer eines der uramerikanischsten Traumata vor: Den Angriff japanischer Truppen auf Pearl Harbor, eine der empfindlichsten Schlappen den das kollektive US-Selbstbewusstsein jemals erleiden musste.
Boy meets Girl
Wie Bruckheimer selbst immer wieder beteuert, soll "Pearl Harbor" eigentlich eine Liebesgeschichte sein. Und gemäß der Maxime, dass sich die besten Geschichten für einen Mega-Erfolg immer in zwei Sätzen erzählen lassen, kann man auch diese Film-Megalomanie auf einen knappen Nenner bringen: Boy (Ben Affleck) liebt Girl (Kate Beckinsale), zieht aber in den Krieg, um seinem Land zu dienen. Der beste Freund unseres Helden (Josh Hartnett) verliebt sich in das Girl, da der Held für tot gehalten wird, bis dieser wieder auftaucht - Verwirrung der Gefühle zwischen Held 1, Held 2 und Girl inklusive. Und all dies vor der malerischen Schablone des Ereignisses, das die USA zum offiziellen Eintritt in den 2. Weltkrieg bewegte. Die Bösen sind diesmal natürlich nicht die so beliebten Deutschen, sondern das japanische Kaiserreich.
Der Konzern mit der Maus zieht in den Krieg
"Pearl Harbor" ist ein visuell beeindruckendendes, aber künstlerisch äußerst unbefriedigendes Machwerk. Da sind auch die zahlreichen historischen Ungenauigkeiten keine wirkliche Überraschung. Die Tatsache, dass Pearl Harbor eine Niederlage war, wird mit aller Gewalt und geballtem Stareinsatz in den Nebenrollen konsequent negiert. Der amerikanische Vergeltungsschlag auf Tokio dagegen, wird zur Heldentat stilisiert. Das hier, im Gegensatz zum Bombenabwurf auf den Militärhafen Pearl Harbor, auch zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung zu beklagen waren, wird elegant unter den 140 Millionen Dollar teuren Teppich gekehrt.
Bearbeitete Wirklichkeit verkauft sich eben besser als das Original. Wer wüsste das besser als der Disney Konzern, der "Pearl Harbor" produziert hat und vertreibt? So mutiert der 2. Weltkrieg für die popcorntütenschwingende Zielgruppe zur neuesten Attraktion von "Disney World". Jede Explosion produziert einen Haufen Schutt und Rauch, aber Tote werden nur in leinwandsprengenden Totalen präsentiert und das ohne sichtbare Wunden. Natürlich, niemand hätte bei Bruckheimer und seinem Hausregisseur Michael Bay ("Armageddon") erwartet, dass sie die extreme Darstellung des Krieges eines Steven Spielberg aus "Der Soldat James Ryan" anstreben. Ein so "sauberes" Sterben zugunsten der niedrigeren Jugendfreigabe ist jedoch schon fast eine Perversion.
Luftangriffe zum Schwelgen und wunderschöne Bombenabwürfe
Ein weiteres Ärgernis: Die elegische Schönheit, der von Werbefilmer Bay auf Cinemascope-Format gebannten Bilder. Nach 45 Minuten Bombardement auf den hawaiianischen Hafen blickt man entweder gähnend auf die Uhr oder kapituliert staunend vor der computernachbearbeiteten, perfekt choreographierten Schlachtenkulisse. Ist es mal wieder typisch deutsch, dass diese Disneyfizierung von Gräueln wie Krieg und Tod einen faden Nachgeschmack hinterlässt? Ist es mal wieder typisch zu erwähnen, dass Fließband-Pyromane Bruckheimer der Konsumierung von Pathos, Stars and Stripes keine einzige Möglichkeit zur Reflektion des Gesehenen entgegengesetzt hat?
Der US-Patriotismus und seine Inkompatibilität zum Rest der Welt
An den US-Kinokassen wurde das Luxus-"Schiffe versenken" des Herrn Bruckheimer bereits abgestraft. Trotz des Starttermins am - den Veteranenverbänden besonders wichtigen - "Memorial Day" konnte "Pearl Harbor" keine neuen Umsatzrekorde aufstellen. In Deutschland, wo das Mega-Spektakel in einer um zehn Minuten gekürzten Fassung in die Kinos kommt, ist das Ergebnis noch unklar. Die Entscheidung, den zutiefst revisionistischen und auf "guten alten amerikanischen Werten" beruhenden Schlussmonolog entfallen zu lassen, mag eine gute Idee gewesen sein. Retten kann dieser Kompromiss für den nicht-amerikanischen Markt jedoch auch nicht mehr viel.
Am Ende der Schlacht bleibt eine Menge Rauch - etwas wenig für ein so komplexes Thema wie den 2. Weltkrieg. Das kann man bei cineastischen Luftnummern wie "Armageddon" vielleicht noch hinnehmen. Ein historisches Thema wie "Pearl Harbor" in der Kategorie "Gesehen und schon wieder vergessen" wiederzufinden, enttäuscht aber nicht nur, es verärgert geradezu.
"Pearl Harbor" (USA 2001)
seit dem 7. Juni 2001 in den deutschen Kinos
Drehbuch: Randall Wallace
Produzent: Jerry Bruckheimer
Regie: Michael Bay
Mit:
Ben Affleck (Rafe McCawley)
Josh Hartnett (Danny Walker)
Kate Beckinsale (Evelyn Stewart)
Foto: Copyright liegt bei Touchstone Pictures