Am 5. Juni 2000 wurde Alberto Adriano von rechtsradikalen Neonazis angegriffen. Wenige Tage später erlag er seinen schweren Verletzungen. Jetzt, ein Jahr, viele verpuffte Lippenbekenntnisse, Lichterketten, Rock-gegen-Rechts-Initiativen und noch viel mehr Neonazi-Opfer später, initiierte Adé von Bantu das Brothers Keepers Projekt, ein Zusammenschluss afrodeutscher Musiker.
Gegen zugedrückte Augen
Der schon lange im HipHop-Geschäft aktive Adé (früher Weep Not Child, jetzt Bantu) brachte im Herbst letzten Jahres zunächst einige afrodeutsche Künstler zusammen, um gemeinsam einen Track als Statement zum politischen Status quo in Deutschland aufzunehmen. Daraus entwickelte sich innerhalb weniger Monate ein großes und schlagkräftiges Projekt, das sich nun nicht mehr nur auf Musikalisches allein konzentriert. So ist eine Vereinsgründung ebenso in Planung, wie weitere andere außermusikalische Events, um Rechtsradikalismus und einer Mainstream-Politik des zugedrückten Auges entschieden entgegen zu treten. Mit Afrob, Xavier Naidoo, Torch, Sékou, Joy Denalane (beide Freundeskreis), Denyo 77 (Absolute Beginner), Brooke Russell und Samy Deluxe sind genügend Künstler mit an Bord, die der Gruppe einiges an medialer Schlagkraft verleihen dürften.
Und das ist auch nötig, wie viele der beteiligten Künstler aus eigener Erfahrung wissen. Allen voran Torch, ehemalig Frontrapper bei Advanced Chemistry. Er hat schon 1992 in "Fremd im eigenen Land" die Situation von Afrodeutschen in Deutschland beschrieben. Doch in diesen Anfangstagen von deutschsprachigem HipHop interessierte sich kein größeres Publikum für die damals noch kleine subkulturelle Strömung und damit verpuffte auch ihr politisches Engagement weitgehend wirkungslos. Doch durch die massiven Erfolge von weitgehend Polit-freiem HipHop und der festen Etablierung in der Mainstream-Popkultur ist der Raum für politische Inhalte wieder größer geworden. Bestes und jüngstes Beispiel hierfür ist der Erfolg von Jan Delays "Searching For The Jan Soul Rebels".
"Was wir reichen, sind geballte Fäuste und keine Hände" (Xavier Naidoo)
Die Motive der Brothers Keepers-Mitglieder dem Projekt beizutreten sind so individuell wie verschieden. Ihre Gemeinsamkeit aber liegt in der Kritik am Status quo in Deutschland und dem Wissen, "dass wir alle Opfer sein könnten" (Xavier Naidoo). Wie gegenwärtig und bedrohlich die rechte Gewalt ist und wie zögerlich bis taten- oder hilflos der Staat den Neonazis gegenübersteht, haben viele der Beteiligten selbst erfahren. Etwa auf der kürzlich abgeschlossenen "HipHop gegen Rechts"-Tour durch ostdeutsche Städte, die in Wurzen von (staatlichen) Schikanen in "national befreiten Zonen" überschattet wurde. Vor diesen Hintergründen haben die Künstler zusammen "Adriano (Letzte Warnung)" aufgenommen.
Mit dem eindrucksvollen Gemeinschaftstrack will das Projekt aber nicht den Zeigefinger heben, sondern vorrangig Verantwortung übernehmen. So werden die Erlöse der Single an die Hinterbliebenen von Alberto Adriano und an andere Rechtsradikalismus-Opfer gehen. Und damit dürften Verse wie die Folgenden aus "Adriano (Letzte Warnung)" dann auch nicht so einfach verpuffen: "Im Landtag diskutiert man über einen Antrag / Und währenddessen plant der nächste Nazi seinen Anschlag / Die Schandtat wird bedauert, doch was ich mich dann frag: / "Warum steht schon wieder ne schwarze Familie am Grab?" / Deine Seele muss am Arsch sein, wenn Du Umstände beklagst / und Kanaken dafür jagst."
Die Single "Adriano (Letzte Warnung)" erscheint am 2. Juli auf Downbeat / WEA. Es folgen das Album und die Sister Keepers-Single.
Cover: Copyright liegt bei WEA Records.
Weiterführende Links:
Jan Delay-Rezension
Link zur 60 Hz-Tour-Kritik
Homepage des Brothers Keepers-Projektes (im Aufbau)