Ochsentour, die 13.: Kaffeesatzleser, Schaumschläger, Handaufleger (03. Juni 2002)
Autor : Sead Husic E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 03.06.2002
Die Sozialdemokraten kündigen die Aufholjagd an. Nur wie die Wahl noch
gewonnen werden kann, weiß niemand. Von Sead Husic.
Die SPD hat das richtige Konzept für die kommenden Wochen und Monate
gefunden, um die Wahl am 22. September zu gewinnen. "Die Aufholjagd hat begonnen",
verkündet folglich Franz Müntefering, der Generalsekretär der einstigen
Arbeiterpartei. "Münte" zieht durch die Talkshows der Republik und verspricht,
dass die SPD noch in "der letzten Viertelstunde des Wahlkampfes zwei Tore
schießen" werde.
Tatsächlich beobachten Demoskopen seit etwa einem Monat kleine
Gewinne für die Sozialdemokraten und noch kleinere Verluste für die CDU/CSU.
Jetzt, so heißt es bei Mitarbeitern der SPD-Wahlkampfzentrale, komme der
Umschwung. Der Kanzler, mit Wohnsitz in Berlin-Tiergarten nahe Mitte, hole auf.
Aber warum? Ist die Kampagne der Kampa besser geworden? Haben Matthias
Machnig, der Kampa-Chef oder "Münte" die richtigen Themen gefunden?
Stunde der Kaffeesatzleser
Niemand weiß es und doch schreiben viele Journalisten davon. In den
kommenden Wochen, wenn die Umfragen nochmals einen Aufschwung für die Kanzlerpartei
melden, dann werden viele sagen: "Ja, die SPD hat jetzt das und jenes gemacht
und dieses Thema aufs Tapet gebracht und jenen Auftritt toll organisiert."
Viele Journalisten werden dann behaupten, dass der Kampa-Chef sein Gespür für
die Stimmung in der Bevölkerung wieder gefunden habe. Nach einer
Schwächephase und schwachen Slogans scheine die SPD ihre Kraft gesammelt zu haben, wird
es heißen.
Und was wissen wir tatsächlich? Nichts. Deshalb schlägt wieder die Stunde
der Kaffeesatzleser, Schaumschläger und Handaufleger. Nirgends lassen sich
diese drei Gruppen so schön beobachten, wie in den Redaktionen der Hauptstadt,
bei den Diskussionsforen der Politiker und in den Besprechungszimmern der
Wahlkampfleiter.
Zunächst zu den Kaffesatzlesern: Sie glauben genau zu wissen, weshalb die
Genossen die Wahlen 1998 gewonnen haben. Ebenso, wie die CDU/CSU weiß, wieso
sie am Wahltag abstürzte. Merkwürdig. Obwohl die einen mit ihren Mitteln von
vor vier Jahren nicht so erfolgreich sind, wie sie es doch eigentlich sein
müssten und die anderen aus ihren Fehlern angeblich gelernt haben und es nun
glauben besser machen zu können, bestätigen die Umfrageergebnisse weder die eine
noch die andere Seite.
...und der Schaumschläger
Die Schaumschläger sind nicht besser. Es sind die Journalisten der großen
deutschen Tageszeitungen und Magazine, die noch wenige Wochen nach der Kür von
Edmund Stoiber zum Kanzlerkandidaten analysierten, dass die Union zu viele
Kampagnenzentralen, eine in Berlin, eine in der Münchner Staatskanzlei, habe,
und dass sich CDU-Wahlkampfchef Laurenz Meyer mit seinem CSU-Pendant Erwin
Huber nicht verstehe und überhaupt, gegen die moderne SPD-Kampa der
CDU-Wahlkampf doch sehr altbacken wirke.
Und dieser Tage? Ist halt alles anders, liegt es an der falschen Wahl der Themen. Ein Berliner Journalist, dessen Name hier nicht erwähnt sein will, und der bald zwanzig Jahre als politischer Journalist arbeitet, saß vor einigen Wochen in einer Volontärsrunde, um aus dem Nähkästchen zu plaudern. Auf die Frage, wie er denn die Chancen der Sozialdemokraten
auf einen Wahlsieg einschätze, wusste er zunächst keine Antwort. Er konnte
den jungen Kollegen jedoch berichten, dass noch nie in der Nachkriegszeit eine
Regierung nach nur einer Wahlperiode abgewählt worden wäre.
Bis zur Abwahl von Helmut Kohl konnte man übrigens überall hören, dass der Einheitskanzler
die Wahl deswegen kaum verlieren könne, weil es noch nie einen "Kanzlersturz"
durch eine Wahl gegeben hätte. Heute verweisen diese Experten gerne auf die
Tatsache, dass der Abstand vor vier Jahren zwischen der SPD-Opposition und der
regierenden Kohl-Partei viel größer war und dann doch noch
zusammengeschrumpft sei, was also für einen Sieg der Genossen spreche. Als einer der
Nachwuchsredakteure einwarf, dass dies weder neu noch eine Begründung sei, erwiderte
der Redakteur: "Ja, aber es gibt doch eine Themenhierarchie."
Mag sein. Doch
lässt sich die genaue Rangordnung offensichtlich erst hinterher ermitteln.
Schaumschlägerei hilft, um diese Tatsache zu überdecken.
...und der Handaufleger
Schließlich kommen die Handaufleger. Die Politiker, die gewählt sein wollen,
die Ämter wollen, die siegen wollen. Sie wissen auf jede Frage eine Antwort.
Ob zur Nationalmannschaft, dem Amoklauf in Erfurt oder den vier Millionen
Arbeitslosen. Wenn sie an der Macht seien, dann könnten sie, dann würden sie,
dann wüssten sie, was zu tun sei. Nur wie die Wahlen zu gewinnen sind, wissen
dann doch nicht so genau. Sie zeigen, wie Edmund Stoiber, ihre manikürten
Hände auf großen Plakaten. Oder sprechen von der Politik der ruhigen Hand, wie
Gerhard Schröder. Oder sie glauben an die unsichtbare Hand des Marktes, wie
die FDP.
Sie kommen, sie sehen das Problem und legen die Hand auf.
Der Wähler bleibt verwirrt. Erkenntnisse gibt es auch in der Hauptstadt der
Kaffeesatzleser, Schaumschläger und Handaufleger nicht zu finden. Es sei an
Bertold Brecht und den Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann verwiesen:
Und die Gesellschaft steht betroffen,
vor dem Spiegel
und sieht sich selbst
– und alle Fragen bleiben offen.
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Leserkommentar
von
Nina
am 08.06.2002
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Nicht bissig
Ist das wirklich eine Kolumne ? Ich verstehe darunter eine witzige und satirische Seitenhiebe auf den Wahlkampf. Hier allerdings werden im Was-war-Stil Binsenweisheiten runtergebetet, die jedem aufmerksamen Zeitungsleser schon lange bekannt sind. Schade, man könnte aus der Ochsentour mehr rausholen.
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