Vor etwa zwei Jahren als eigenständige deutsche Ausgabe des englischen Traditions-Wirtschaftsblattes Financial Times gegründet, hat die pastellfarbene Financial Times Deutschland (FTD) nun ein Tabu gebrochen: Als erste Tageszeitung in der deutschen Pressegeschichte hat sie am vergangenen Montag eine
Empfehlung zur Bundestagswahl
abgegeben. Vorausgegangen war eine hitzige Debatte über die Position der Redaktion, die schließlich die Chefredaktion mangels Konsenses beendete, indem sie ihre Meinung durchsetzte.
Pro Union
Nach einem Abwägen der Vor- und Nachteile der einzelnen Parteien kommt die Empfehlung zu dem Schluss, dass CDU/CSU zwar Defizite bei gesellschaftspolitischen Themen hätten, in puncto Wirtschaft und Außenpolitik aber deutlich vorzuziehen seien: "Trotz aller Bedenken bietet die Union die besten Aussichten für eine Politik, die Wachstum und internationale Integration in den Mittelpunkt stellt", so der abschließende Tenor.
Keine Parteibindung?
Die FTD bemüht sich, im Vorspann zu relativieren: "Anders als andere Zeitungen" in ihrer täglichen Berichterstattung, ließe man sich trotz der Empfehlung keinem politischen Lager zuordnen; bereits die nächste Wahlempfehlung könne anders ausfallen. Eine Wahlempfehlung sei jedoch unabdingbar, denn nach Ansicht der Redaktion vernachlässigten Zeitungen eine ihrer wesentlichen Aufgaben, wenn sie nicht vor Wahlen klar Stellung bezögen. e-politik.de hat sich darüber mit dem Journalistik-Professor Dr. Walter Hömberg (58) unterhalten.
Interview
e-politik.de: Herr Professor Hömberg, hat die FTD die Grenzen des Journalismus wie Überparteilichkeit und Unabhängigkeit überschritten?
Prof. Dr. Walter Hömberg: Unsere Zeitungslandschaft ist seit dem Zweiten Weltkrieg vom Typ der Forumspresse bestimmt. Im Unterschied zu Richtungsblättern, wie sie in der Weimarer Republik vorherrschten, vermitteln Forumzeitungen ein breites Spektrum politischer und gesellschaftlicher Positionen. Eine explizite Wahlempfehlung für eine Partei ist da ein Rückschritt.
e-politik.de: Aber in angelsächsischen Ländern ist es üblich, vor Wahlen Empfehlungen in der Presse abzugeben.
Hömberg: Das ist richtig, Wahlempfehlungen haben dort eine Tradition. Unterschiedliche Blätter geben dabei durchaus unterschiedliche Empfehlungen ab. Unsere Tradition ist aber eine andere.
e-politik.de: Wie groß kann der Einfluss einer solchen Empfehlung auf Leser und Wähler sein?
Hömberg: Den Einfluss halte ich nicht für sehr groß. Verbände, Gewerkschaften und gesellschaftliche Gruppierungen aller Art formulieren ja auch Wahlempfehlungen. Wichtiger sind sicher die Themen der Berichterstattung und ihre Kommentierung über einen längeren Zeitraum. Außerdem: Die Leser der FTD lesen ja auch andere Zeitungen und Zeitschriften, hören Radio und verfolgen das Fernsehprogramm.
e-politik.de: Die FTD-Empfehlung spiegelt ja eher die Meinung der Chefredaktion wider - ist sie dann überhaupt ernst zu nehmen?
Hömberg: Dieses Verfahren überzeugt nicht. Eine solche Entscheidung sollte man nicht 'par ordre du mufti' fällen. Das Vorgehen der FTD ist von anderen Zeitungen ja auch heftig kritisiert worden.
e-politik.de: Gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen der latent niedrigen FTD-Auflage und der jetzigen Publicity-trächtigen Aktion?
Hömberg: Das ist Spekulation. Ich glaube eher, dass hier die Tradition des englischen Mutterblattes die wichtigste Rolle gespielt hat.
e-politik.de: Stichwort "Amerikanisierung des Wahlkampfes" mit Internet, Duellen und Wahlempfehlungen: Wird das Beispiel der FTD in Deutschland Schule machen?
Hömberg: Wohl nicht. Aber dass Wahlkämpfe immer stärker mit medialer Inszenierung zu tun haben, dürfte uns mit Sicherheit auch in Zukunft beschäftigen.
e-politik.de: Vielen Dank für das Gespräch.
Copyright des Bildes liegt bei Prof. Dr. Walter Hömberg