Il giro di boa ist ein Ausdruck aus der Seglersprache, der bei einer Regatta die Wende an einer Boje bezeichnet. Der Terminus ist zugleich der Titel des jüngsten, im Frühjahr 2003 erschienenen Kriminalromans des sizilianischen Autors Andrea Camilleri. Commissario Salvo Montalbano, mittlerweile neben Donna Leons Guido Brunetti und Henning Mankells Kurt Wallander einer der Kultkommissare in der derzeitigen Kriminalliteratur, steht wieder vor einer schweren Aufgabe, die ihn an seine persönlichen Grenzen bringt.
Auch Kommissare altern
Montalbano, mittlerweile in den Fünfzigern, nimmt mit Bestürzung gewisse Alterserscheinungen an sich wahr. Beim morgendlichen Schwimmen im Meer vor seinem Wohnort Marinella kollidiert er mit einer Leiche. Diesmal ist es das Opfer, das den Ermittler sucht, und Montalbano sieht es als seine Gewissenspflicht an, dem Fall auf eigene Faust nachzugehen, obwohl in der offiziellen Untersuchung wenig auf ein Verbrechen hinweist. Gleichzeitig wird Sizilien und auch die Umgebung Vigatas und Montelusas, die beiden fiktiven Schauplätze der Krimireihe um Montalbano, immer mehr von illegalen Einwanderern überschwemmt, die von Schleppern nachts auf Booten an der sizilianischen Küste abgesetzt werden. Montalbano wird auch hier mit seiner Vergangenheit konfrontiert, als er einem Flüchtlingskind zu helfen versucht. Später wird sich sein Handeln als fataler Eingriff erweisen. Die Fäden zwischen dem unbekannten Toten im Meer und den Flüchtlingsströmen beginnen sich zu verweben.
Das soziale Netzwerk Montalbanos
Wie in seinen vorhergehenden Fällen wird die Figur Montalbanos wieder mit einer Reihe bekannter, inzwischen fast liebgewonnener Personen umstellt: Ingrid, die schöne Schwedin, ist ebenso mit von der Partie wie Catarella, der trottelige Polizist, der eine seltsame Wandlung durchlebt zu haben scheint. Mimi Augello steht im üblichen Spannungsverhältnis zu seinem Chef, und auch Livia, die in der Ferne lebende Dauerverlobte Montalbanos, lässt am Telefon von sich hören.
Ein Commissario entwickelt sich
Und dennoch ist in diesem Band vieles anders. Das beginnt damit, dass Montalbanos Lieblingslokal "Calogero" schließen muss und der Feinschmecker-Polizist in eine ernste Krise stürzt. Des Weiteren stellen sich gesundheitliche Alarmzeichen bei dem Kommissar ein, ihm scheint die Spannkraft und Elastizität der früheren Fälle zu fehlen. Ähnliches trifft auch für seinen Geist zu. Er fühlt sich nicht mehr in der Lage, intuitiv zu denken, seine Kombinationsgabe lässt nach, und auch seine Kollegen behandelt er nicht mehr mit der gewohnten Schärfe und Ironie. Schließlich, Montalbano scheint nicht mehr viel zu lesen, seine Rekurse auf berühmte Werke der Weltliteratur finden sich kaum noch.
Das Ende einer Krimireihe?
Aber dies ist nur die eine Seite der Veränderung. Auch die Polizeiarbeit macht Montalbano keine Freude mehr. Er steht kurz davor, seine Entlassung einzureichen. Und hier wird der Kriminalroman Camilleris äußerst spannend und verursacht dem Leser eine Gänsehaut. Montalbanos Depressionen haben nämlich klare Ursachen, und die liegen im realen, politischen Geschehen im heutigen Italien, in den Übergriffen der Polizei beim G8-Gipfel 2001 in Genua, in der Mitte-Rechts-Regierung Berlusconis, im Verfall der Medienkultur, im Umgang der Behörden mit den illegalen Einwanderern, in der Wiederentstehung krimineller Strukturen und ihren Verflechtungen mit der Verwaltung und Politik und im Elend und Sterben der Bootsflüchtlinge.
Der Kriminalroman als Mittel der politischen Kritik
Camilleri folgt hier einer Tradition, die sich nicht nur in Italien beispielsweise in den Romanen Leonardo Sciascias manifestiert, sondern die immer wieder gerade in Ländern mit politisch komplizierten Situationen auftaucht, und nutzt hier das scheinbar unterhaltsame Genre des Kriminalromans zu bitterer und scharfer Kritik an der italienischen Gesellschaft und mehr noch an der aktuellen Politik Italiens und ihren Protagonisten. Insofern ist dieser durchaus spannende und unterhaltende Kriminalroman weit mehr als nur eine Sommerlektüre zur Entspannung. Leider treten die Bezüge zur Realität im weiteren Verlauf der Handlung wieder etwas hinter die Kriminalhandlung zurück. Ein bitterer Nachgeschmack und ein gewisses Unwohlsein bleiben aber, was vielleicht den Zustand des gegenwärtigen Verhältnisses zwischen Deutschland und Italien angemessen widerspiegelt.
Andrea Camilleri: "Il giro di boa"
Sellerio Editore, Palermo 2003, 274 Seiten
ISBN 88-389-1860-0.
Montalbano-Romane erscheinen auf Deutsch bei edition Lübbe. Eine Ausgabe von "Il giro di boa" ist in Vorbereitung.