Wer handelt, löst unweigerlich eine ganze Lawine von Folgeereignissen aus. Und
läuft Gefahr, dieser Lawine selbst zum Opfer zu fallen. Zumal, wenn man wie König
Oedipus mit aller Gewalt versucht, die tatsächlichen Ereignisse zu ergründen. Da dies
im latent mehrdeutigen Medium der Sprache stattfindet, gerät der Suchende leicht
in ihre semantischen Untiefen. Oder ertrinkt in dem opulenten Sprachmaterial, das
die Hölderlinsche Fassung der Tragödie auftürmt.
Nur im Schweigen artikuliert sich die Wahrheit
Wie Jan Bosses Oedipus (Jens Harzer) bei der Premiere am Residenz Theater. Da sehen
wir den Retter Thebens bei dem atemlosen Unterfangen, in einem unaufhörlichen Hin und Her von
Rede und Gegenrede die Wahrheit zu erkennen und gleichzeitig auszublenden. Deshalb
sind es paradoxerweise die seltenen Momente sekundenlangen Schweigens, in denen
eine Ahnung der wirklichen Situation greifbar wird: Oedipus hat seinen Vater getötet
und lebt mit der eigenen Mutter in Inzest.
Denn erst wenn die Rede abbricht, hat das Spiel um Wahrheit und Verstellung ein
Ende. So spielt sich Iokastes (Christiane von Poelnitz) Tod durch eigene Hand in
der Sprachlosigkeit ab. "Aus dieser Stille nicht ein Unheil breche!" schwant es
dem Chor (Jennifer Minetti) beim letzten Abgang der Mutter/Ehefrau des Oedipus.
Dieser aber redet sich um Kopf und Kragen. Er verflucht den Mörder Laios' - sich
selbst - und schwört, ihn zu bestrafen. Er beschimpft den vermeintlichen Verräter
Kreon (Jörg Ratien), bedroht den aussageunwilligen Boten (Helmut Stange) und
steigert sich in ein brüllendes Crescendo hinein.
So neutralisieren sich die Satzkaskaden zu einem beredten Stillstand. Wenn er
nicht brüllt, deklamiert Jens Harzer mit heiser-hohler Stimme die antikisierenden
Verse Hölderlins. Jennifer Minetti sekundiert ihm als Stimme des Volks, kommt
dabei aber nie über ein spröde-monotones Rezitieren hinaus.
Während jedoch der Stimmaufwand von Akt zu Akt zunimmt, vollzieht Stéphane
Laimés mit seinem Bühnenbild die gegenläufige Bewegung. Er ersetzt ein Foto
von Nagasaki mit blühendem Raps nebst Fertigholzhaus durch Leinwände mit
diffusen Schlierenmustern. Die letzten Szenen schließlich spielen vor der
nackten Mauer.
Augen oder Zunge?
Damit wird die Kluft zwischen unmittelbar wahrnehmbarer Wirklichkeit und durch
Sprache vermittelter Wirklichkeit sinnfällig. Nur was gesehen wird ist eindeutig.
Mit der Einarbeitung von Ereignissen in das soziale Gewebe der Sprache hingegen
wächst die Unsicherheit.
Vorerst ist aber niemand da, der die Geschehnisse um Laios' Tod mit eigenen
Augen bezeugen kann. Vorerst gibt es nur Gerüchte. "Ich weiß es", sagt Oedipus
"hab's gehört, nicht wohl gesehn."
Dabei stand am Anfang von Oedipus' Einfluss und Ansehen in Theben die Macht der
Sprache. Erst er vermochte die Rätselworte der Sphinx zu lösen und die Stadt vom
Joch des Ungeheuers zu befreien. Gleichzeitig war die Sprache aber auch
Ausgangspunkt seines Verderbens.
Laios und Iokaste haben ihren eigenen Sohn auf den Spruch des Orakels hin,
er würde den Vater töten und die Mutter heiraten, ausgesetzt. Das Orakel veranlasste
Oedipus nach Theben zu gehen, um eben diesem Schicksal zu entgehen. Und schließlich
trieb es ihn dazu, sich selbst als Täter zu entlarven. Aber nicht nur der Götterspruch
will und muss ausgelegt werden. Jede sprachliche Äußerung eröffnet einen weiten
Deutungs- und Bedeutungshorizont - und birgt das Risiko der Fehlinterpretation.
Daher erscheint Oedipus' Sühne eigentümlich unangemessen. Er sticht sich die
Augen aus, um die Folgen seines Tuns nicht mehr sehen zu müssen. Die Augen haben
ihn aber nie getrogen. Die Sprache war es.
Indes verlässt der ewige Redeschwall den Gezeichneten auch als Blinden nicht.
Mit nacktem Oberkörper und geschwärzten Augenhöhlen gibt Jens Harzer den
Schmerzensmann, der sich ob seines Schicksals der Klage hingibt. Hier gerät die
Sprache vom Träger von Information zur rein expressiven Pose und zur akustischen
Verkörperung des Leidens. Mit all dem Brüllen und Heulen das dazugehört. So dass
man unweigerlich den Wunsch verspürt, Oedipus möge sich eines Organs beraubt
haben, welches beim Sprechen eine Rolle spielt.
"Oedipus" von Sophokles
Deutsch von Friedrich Hölderlin
Residenz Theater München
Oedipus ................. Jens Harzer
Kreon ................... Jörg Ratien
Teiresias, Hirte ........ Hermann Beyer
Iokaste ................. Christiane von Poelnitz
Bote .................... Helmut Stange
Chor .................... Jennifer Minetti
Regie Jan Bosse Bühne Stéphane Laimé Kostüme Kathrin Plath Musik Arno P. Jiri Kraehahn