Dienstag, 11.11.2003 Werbung:
 
 


Afrika
Balkan
China / Russland
Europa
Internationales
Politik in Deutschland
Politik und Wirtschaft


Lehrredaktion
e-Demokratie
Medien
Extremismus im Netz


TV / Hörfunk-Tipps
Pop & Politik


Sport
Satire
Netz-Fundstücke



Außenpolitik der BRD
Europäische Union
Theorien
Organisationen


Antike
Neuzeit


Parteien
Institutionen


Aus den Hochschulen
Studienhilfen
Für Studenten







Über uns
Presse / Referenzen
Redaktion
Gästebuch
Impressum


Jobs@e-politik.de
Werbung
Partner





e-politik.de - Home  Kultur & Politik  Politisches Theater


Szenenbild Oedipus

Reden ist Silber

Autor :  Christian Peters
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 07.04.2003

Jan Bosse bringt die Hamburger Inszenierung von Sophokles´ "Oedipus" in der Übertragung von Friedrich Hölderlin ans Münchner Residenztheater. Als sprachliche Tour de Force. Eine Rezension von Christian Peters.


Wer handelt, löst unweigerlich eine ganze Lawine von Folgeereignissen aus. Und läuft Gefahr, dieser Lawine selbst zum Opfer zu fallen. Zumal, wenn man wie König Oedipus mit aller Gewalt versucht, die tatsächlichen Ereignisse zu ergründen. Da dies im latent mehrdeutigen Medium der Sprache stattfindet, gerät der Suchende leicht in ihre semantischen Untiefen. Oder ertrinkt in dem opulenten Sprachmaterial, das die Hölderlinsche Fassung der Tragödie auftürmt.

Nur im Schweigen artikuliert sich die Wahrheit

Wie Jan Bosses Oedipus (Jens Harzer) bei der Premiere am Residenz Theater. Da sehen wir den Retter Thebens bei dem atemlosen Unterfangen, in einem unaufhörlichen Hin und Her von Rede und Gegenrede die Wahrheit zu erkennen und gleichzeitig auszublenden. Deshalb sind es paradoxerweise die seltenen Momente sekundenlangen Schweigens, in denen eine Ahnung der wirklichen Situation greifbar wird: Oedipus hat seinen Vater getötet und lebt mit der eigenen Mutter in Inzest.

Denn erst wenn die Rede abbricht, hat das Spiel um Wahrheit und Verstellung ein Ende. So spielt sich Iokastes (Christiane von Poelnitz) Tod durch eigene Hand in der Sprachlosigkeit ab. "Aus dieser Stille nicht ein Unheil breche!" schwant es dem Chor (Jennifer Minetti) beim letzten Abgang der Mutter/Ehefrau des Oedipus.

Dieser aber redet sich um Kopf und Kragen. Er verflucht den Mörder Laios' - sich selbst - und schwört, ihn zu bestrafen. Er beschimpft den vermeintlichen Verräter Kreon (Jörg Ratien), bedroht den aussageunwilligen Boten (Helmut Stange) und steigert sich in ein brüllendes Crescendo hinein.

So neutralisieren sich die Satzkaskaden zu einem beredten Stillstand. Wenn er nicht brüllt, deklamiert Jens Harzer mit heiser-hohler Stimme die antikisierenden Verse Hölderlins. Jennifer Minetti sekundiert ihm als Stimme des Volks, kommt dabei aber nie über ein spröde-monotones Rezitieren hinaus.

Während jedoch der Stimmaufwand von Akt zu Akt zunimmt, vollzieht Stéphane Laimés mit seinem Bühnenbild die gegenläufige Bewegung. Er ersetzt ein Foto von Nagasaki mit blühendem Raps nebst Fertigholzhaus durch Leinwände mit diffusen Schlierenmustern. Die letzten Szenen schließlich spielen vor der nackten Mauer.

Augen oder Zunge?

Damit wird die Kluft zwischen unmittelbar wahrnehmbarer Wirklichkeit und durch Sprache vermittelter Wirklichkeit sinnfällig. Nur was gesehen wird ist eindeutig. Mit der Einarbeitung von Ereignissen in das soziale Gewebe der Sprache hingegen wächst die Unsicherheit.

Vorerst ist aber niemand da, der die Geschehnisse um Laios' Tod mit eigenen Augen bezeugen kann. Vorerst gibt es nur Gerüchte. "Ich weiß es", sagt Oedipus "hab's gehört, nicht wohl gesehn."

Dabei stand am Anfang von Oedipus' Einfluss und Ansehen in Theben die Macht der Sprache. Erst er vermochte die Rätselworte der Sphinx zu lösen und die Stadt vom Joch des Ungeheuers zu befreien. Gleichzeitig war die Sprache aber auch Ausgangspunkt seines Verderbens.

Laios und Iokaste haben ihren eigenen Sohn auf den Spruch des Orakels hin, er würde den Vater töten und die Mutter heiraten, ausgesetzt. Das Orakel veranlasste Oedipus nach Theben zu gehen, um eben diesem Schicksal zu entgehen. Und schließlich trieb es ihn dazu, sich selbst als Täter zu entlarven. Aber nicht nur der Götterspruch will und muss ausgelegt werden. Jede sprachliche Äußerung eröffnet einen weiten Deutungs- und Bedeutungshorizont - und birgt das Risiko der Fehlinterpretation.

Daher erscheint Oedipus' Sühne eigentümlich unangemessen. Er sticht sich die Augen aus, um die Folgen seines Tuns nicht mehr sehen zu müssen. Die Augen haben ihn aber nie getrogen. Die Sprache war es.

Indes verlässt der ewige Redeschwall den Gezeichneten auch als Blinden nicht. Mit nacktem Oberkörper und geschwärzten Augenhöhlen gibt Jens Harzer den Schmerzensmann, der sich ob seines Schicksals der Klage hingibt. Hier gerät die Sprache vom Träger von Information zur rein expressiven Pose und zur akustischen Verkörperung des Leidens. Mit all dem Brüllen und Heulen das dazugehört. So dass man unweigerlich den Wunsch verspürt, Oedipus möge sich eines Organs beraubt haben, welches beim Sprechen eine Rolle spielt.

"Oedipus" von Sophokles
Deutsch von Friedrich Hölderlin
Residenz Theater München

Oedipus ................. Jens Harzer
Kreon ................... Jörg Ratien
Teiresias, Hirte ........ Hermann Beyer
Iokaste ................. Christiane von Poelnitz
Bote .................... Helmut Stange
Chor .................... Jennifer Minetti

Regie Jan Bosse Bühne Stéphane Laimé Kostüme Kathrin Plath Musik Arno P. Jiri Kraehahn


   

Weiterführende Links:
   Weitere Aufführungen



Leserkommentar
Momentan kein Leserkommentar
eigenen Kommentar abgeben ]


Artikel drucken

Artikel für Palm

Artikel mailen

Suche: (Hilfe)

 

Netzreportagen
Deutschland
Europa
USA
Andere Länder
Organisationen
Medien
Gesellschaft
Studium
LINKS der WOCHE



Ochsentour

Kohl-Tagebücher

Politischer Film
The Long Walk Home
rezensiert von Maria Pinzger

Politisches Buch
Sidney Blumenthal: The Clinton Wars
rezensiert von Michael Kolkmann

Kabarett
Gerhard Polt - Das Dossier
von C. von Wagner

Für Studenten



Name ist freiwillig !


 

© 2003 - Konzept, Gestaltung und Redaktion: e-politik.de - Der Seiteninhalt ist ausschließlich zur persönlichen Information bestimmt. Weitergabe an Dritte nur nach schriftlicher Genehmigung.