„Ohne das Internet könnten wir niemals so viele junge Menschen für unsere Theorien und Ideen interessieren. Es ist billig,
schnell und sauber. Wir lieben es."
Eine technische Betreuerin der Homepage des deutsch-kanadischen Faschisten und Auschwitzleugners Ernst Zündel brachte
den Nutzwert des World Wide Webs für ihr Klientel trocken auf den Punkt. Das war 1997. Mittlerweile gibt es nach
jüngsten Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz mehr als 320 deutsche (!) Anbieter, die sich im braunen Sumpf
des Internets niedergelassen haben und mit rund 1400 ausländischen Homepages ein täglich wachsendes Netzwerk aufbauen.
Neben amateurhaft gestalteten Webseiten steigt dabei der Anteil hoch professioneller Angebote, die sich zunehmend auch im
E-commerce betätigen. Deutschsprachige Nazi-Seiten fanden sich bislang im Internet vor allem als kostenloses Angebot für
jedermann, zum Beispiel bei US-Providern wie Freeservers, Geocities, Tripod oder Xoom. Die Provider löschen die
strafbaren Inhalte zwar regelmäßig, aber die Inhalte tauchen unter anderem Namen wieder auf. Diesen Weg wählen vor
allem unprofessionelle Nazi-Skins.
Die verschlüsselte Lüge
Aber längst vorbei sind die Zeiten, in denen nur plumpe Parolen verbreitet wurden. Surfend nutzt die Neue (alte) Rechte das
freieste Medium, um sich auf einen ideologischen und technisierten Globalisierungstrip zu begeben. Dabei brechen sie das
unbestrittene Tabu der deutschen Geschichte: das Bestreiten des Holocausts. Das tun sie verpackt in verklärend-intellektuelle Sicht, mit pseudowissenschaftlichem Unterbau und dem Anschein ernsthafter Auseinandersetzung.
Wohlwissend, dass die Schlupflöcher so zahlreich sind und der Aktionsspielraum so breit ist, dass sie jeder Strafverfolgung
im Netz entgehen.
Über verschlüsselte E-mail oder anonymen FTP-Zugang werden vom deutschen Wohnzimmer Daten zumeist an einen
Mittelsmann im Ausland geschickt, der diese dann über einen dort ansässigen Provider ins Internet stellt. Völlig legal für den
Provider, geschieht dies doch auf Basis der dortigen Rechtslage. In den USA oder Kanada besitzen Neonazis
uneingeschränktes Recht auf freie Meinungsäußerung. Ein Rechtshilfersuchen deutscher Behörden hätte kaum eine Chance
auf Erfolg. Besonders prekär, weil viele in Deutschland verurteilte Rechtsextremisten bereits direkt aus den USA oder
Kanada - aber auch aus England oder Schweden - operieren.
Verbotene Literatur ohne Absender
Diese neue Generation der rechtsextremen Cyber-Aktivisten hat sich längst vom Bild des alten neonazistischen
Propagandisten verabschiedet. Den in Vereins- oder Parteistrukturen ortsgebundenen Polit-Agitator erklären sie für tot.
Wiedergeboren wird er nun mittels Mausklick. Vorbei ist die Gefahr, von Verfassungsschützern nach einem Vortrag im
Hinterzimmer einer Landgaststätte verhaftet zu werden. Bequem läßt sich das Treiben vom Notebook aus organisieren.
Noch dazu mit unternehmerischem Kalkül, denn mittels E-commerce wird die Zielgruppe perfekt bedient. Der Absender fehlt
auf dem bestellten Päckchen, ob sich darin nun ein Vibrator aus dem Online-Sexshop oder ein Buch des Revisionisten Ernst
Zündel befindet.
Ein Beispiel: Innerhalb von zwei Minuten Internet-Recherche findet sich eine Seite, bei der man im Online-Katalog fündig
wird. Der Surfer landet beim aus England operierenden belgischen Verlag „Vrij Historisch Onderzoeck" - einem
Sammelbecken rechtmäßig verurteilter Neonazis, darunter auch deutsche Rechtsextremisten. Gratis - quasi als
Appetithäppchen - gibt´s zunächst Adolf Hitlers „Mein Kampf" zum Herunterladen - im Original, versteht sich. Im
anschließenden deutschsprachigen Buchladen bietet „Vrij Historisch Onderzoeck" dann dutzende der übelsten Varianten
von gedrucktem Revisionismus an. Neben dem Fred Leuchter-Report findet man dort für 20.- bis 40.- DM wirre Ergüsse
von Thies Christophersen („Die Auschwitz-Lüge") bis Udo Walendy („Wahrheit für Deutschland"). Allesamt „Klassiker"
der Geschichtsfälschung, die beweisen wollen, dass der Holocaust nie stattgefunden hat - zum Teil auf 500 Seiten und mit
regelmäßigen, aus dem Kontext gerissenen, Zitaten anerkannter Historiker. Wohlgemerkt, diese Bücher sind in den meisten
europäischen Ländern verboten, über Online-Adressen wie die von „Vrij Historisch Onderzoeck" aber vertraulich an jede
Postadresse lieferbar.
Wie soll man auf das Phänomen der Vermarktung revisionistischer und neonazistischer Literatur im Internet reagieren?
Gibt es überhaupt eine Option, angemessene Konsequenzen zu ziehen? Der zweite Teil
des Dossiers „Revisionisten online"
gibt Anhaltspunkte für eine Diskussion, die anschließend in einem Forum bei e-politik.de weitergeführt werden kann.
Grafik: Copyright liegt bei "Vrij Historisch Onderzoeck"