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Interdependenztheorie nach R.Keohane/J.Nye

Autor :  Studenten der Politikwissenschaft
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 13.06.2000

In kurzem, gut verständlichem Stil vermittelt der Autor J. Hack die wichtigsten Begriffe der Interdependenztheorie nach Keohane/Nye.


Einleitende Erläuterung

Gegenüber dem idealistischen Ansatz von Emanuel Kant und den realistischen und neorealistischen Theorien entwickeln Robert Keohane und Joseph Nye in ihrer Theorie von Macht und Interdependenz eine neue Form der Betrachtung von Macht, Machtstrukturen, internationalen Beziehungen und Abhängigkeiten.

Ihr Zentralbegriff ist, wie bereits erwähnt, die Interdependenz, d.h. die wechselseitige Abhängigkeit internationaler Akteure insbesondere der Staaten. Während bei den (Neo-)Realisten der Staat ständig bestrebt ist, sich besonders stark und mächtig zu halten, um im internationalen Geschäft möglichst unabhängig zu bleiben, drehen die Interdependenztheoretiker die Logik um.

Ein Staat hat nicht aus innerer Stärke Macht a priori, sondern Macht entsteht durch das Verhältnis zu den anderen Staaten und wie stark er diese Dependenzen steuern kann. Militärische Stärke spielt im Ansatz von Keohane und Nye keine Rolle, sie bietet keinen Vorteil in internationalen Beziehungen. Für diese Theorie setzen die beiden Autoren kein bestimmtes Menschenbild voraus. Im Gegensatz zu den früheren Theoretikern spielt es für sie keine Rolle, ob der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Sie analysieren die Lage der herrschenden internationalen Verhältnisse und ziehen daraus ihre Schlüsse. Eine der verdeckten Voraussetzungen ist dabei die Tatsache, dass Staaten untereinander agieren, nicht nur aus sicherheitspolitischem Interesse.

Sie kooperieren vor allem aus ökonomischen und in letzter Zeit auch zunehmend ökologischen Interesse. Verbindungen von Volkswirtschaften schaffen Nutzen für beide Teilnehmer. Insgesamt rücken die wirtshaftlichen Aspekte der Internationalen Beziehungen stärker in den Vordergrund, während die Sicherheitspolitik nicht mehr den Rang einnimmt, den ihr die Realisten beigemessen haben.

Eine zweite Voraussetzung für Keohane und Nye ist die Problematik der Machtquantität. Bisher gibt es keinen zuverlässigen Indikator für Machtgröße und daraus folgt, dass Macht nicht konkret messbar ist. Zudem ist Macht immer relativ, sie hängt davon ab, gegenüber wem sie in welcher Form angewandt wird.

Im Wesentlichen baut die Theorie von Interdependenz auf diesen beiden Prämissen auf. Im folgenden soll nun erklärt werden, wie und warum Interdependenz entsteht, wer daran Teil hat und welche Effekte sie für die Akteure mit sich bringt.

Die Intzerdependenztheorie

Es ist eine unangefochtene, empririsch täglich beweisbare Tatsache, dass internationale Transaktionen bestehen. Ressourcen wie Rohstoffe, halbfertige und fertige Güter, Geld, Personen und Informationen werden zwischen den einzelnen Staaten und ihren innenpolitischen Akteuren wie Wirtschaftsunternehmen ausgetauscht. Somit sind die Akteure je nach gehandelten Ressourcen voneinander abhängig. Oft wird Interdependenz von der Politik herbeigeführt. Sie ist, nationalstaatlich betrachtet, oft das Resultat innenpolitischen Drucks, der aus Mangel hervorgeht.

Ein aktuelles Beispiel im Bereich des Humankapitals ist die so genannte Red-Green-Card der deutschen Bundesregierung. Aufgrund eines Mangels an qualifizierten Fachkräften in der Imformationstechnologiebranche tritt die Wirtschaft an die Regierung heran und fordert sie auf, Abhilfe zu schaffen. Da im Land offensichtlich nicht genügend viele entsprechende Arbeitskräfte vorhanden sind, bietet die Regierung ausländischen Fachkräften unter bestimmten Voraussetzungen eine befristete Arbeitserlaubnis in Deutschland, um den Mangel zu beheben. Mit der Tatsache der intendiert gesteuerten Immigration geht Deutschland als Staat Interdependenzen mit anderen Staaten ein, aus denen die Arbeitskräfte kommen.

An dieser Stelle bietet es sich an, näher auf die von Keohane und Nye getroffene Unterscheidung zwischen intentionalen und nicht-intentionalen Interdependenzen einzugehen.

Das eben genannte Beispiel ist ein intentionale Interdependenz, weil sie absichtlich von einem Staat mit einem ganz besonderen Ziel betrieben wurde bzw. wird.

Nicht-intentionale Interdependenzen kann man zum Beispiel auf dem internationalen Börsenparkett beobachten. Fällt an der Wall Street der Dow-Jones-Index, ist meist der Fall anderer Börsenindizes auf der Welt die Folge. Die Volkswirtschaften spüren dann diese Auswirkungen, wobei eine intendierte Steuerung der Börse bzw. des Falles des Index' fehlt. In diesem Fall kann man von einer nicht-intendierten Interdependenz sprechen.

So sieht man also, dass die internationalen Akteure gegenseitig voneinander abhängig sind. Da sie im Großteil der Fälle um diese Interdependenz wissen, richten sie ihre internationale Politik danach und berücksichtigen die Abhängigkeiten. Bevor Staaten jedoch intendierte Interdependenzen eingehen, wägen sie Kosten und Nutzen der Beziehung ab. Sie berechnen, ob der Nutzen der Verbindung die Kosten in Form von Geld, in jedem Fall aber in Form von der Aufgabe eines Stücks nationaler Souveränität übersteigt. Als Beispiel dafür kann die OPEC dienen, bei der die gemeinsame Festlegung des Rohölpreises als Nutzen die Kosten übersteigt. Außerdem kommt bei diesem Beispiel auch der Faktor Macht ins Spiel.

Staaten, die Interdependenzen eingehen (müssen), sind nicht autark, d.h. sie sind von Importen verschiedener Art abhängig. Im Austausch dafür liefern sie Geld, respektive dem anderen Staat die Möglichkeit, wiederum seine fehlende Ressourcen zu beschaffen. In solchen Interdependenzen können Asymmetrien entstehen, d.h. der eine Staat ist bedeutend mehr auf den anderen angewiesen als umgekehrt. Diese daraus resultierenden Effekte nennen Keohane und Nye Interdependenz-Empfindlichkeit und Interdependenz-Verwundbarkeit.

Aus diesen beiden Begriffen folgt dann der interdependente Machtbegriff.

Schränkt ein Staat die Lieferung von Ressourcen aus welchen Gründen auch immer ein, kann das zu einem Engpass bei dem bisherigen Kooperationspartner führen. Entsteht also im Land tatsächlich ein Mangel, kommt es darauf an, inwieweit es diesen Mangel substituieren kann. Ist die Substitution mit eher geringen Kosten und Aufwand zu bewerkstelligen, spricht man lediglich von Interdependenz-Empfindlichkeit.Auch wenn diese Empfindlichkeit bereits zu innenpolitischem Druck zur Aufhebung der Interdependenz führen kann, ist sie kein Indikator für Machtschwäche.

Bedeutet die Substitution hohe Kosten und Aufwand oder kann der Mangel von dem Land gar nicht behoben werden, liegt Interdependenz-Verwundbarkeit vor, was laut Keohane und Nye dann durchaus ein Indikator für Machtschwäche ist.

Gleiches gilt statt der Substitution für die Fähigkeit zur Veränderung internationaler Regeln. Anstatt die Ressourcen zu substituieren, können die betroffenen Akteure eventuell durch eine Änderung der bi- oder multilateralen Regeln den Mangel beheben. Je eher die dazu imstande sind, desto mächtiger sind sie. Können sie weder Ressourcen substituieren noch die Regeln ändern, stürzt die Volkswirtschaft und die Politik in eine Krise. Eine Möglichkeit diese Krise zu überwinden könnte militärische Gewalt sein. Jedoch ist militärische Gewalt selbst bei nur kurzer Anwendung sehr kostspielig. Sie ist oft nur eine reine Verzweiflungstat. Ebenfalls bietet militärische Stärke bei Verhandlungen über Ressourcen-Austausch keinen Vorteil, da sie auf die spätere Interdependenz keinen Einfluss hat. Die innere Struktur und Kohärenz ist dabei weitaus wichtiger. Je stärker ein Staat im Inneren von Interessenkonflikten, ethnischen, politischen oder religösen Problemen fragmentiert ist, desto schwächer ist er bei den Verhandlungen mit einem im Inneren homogenen Staat.

Wobei interessant ist, dass laut Keohane und Nye selbst kulturelle Konflikte interdependent sind. Sie sprechen dabei von sozialer Interdependenz. Als Beispiel führen sie dabei die Studentenunruhen der späten sechziger Jahre an. Ausgehend von Nordamerika, sprangen die Unruhen wenig später über den Atlantik nach Europa. Auch wenn die Motivationen der Studenten andere gewesen seien mögen, fanden die Unruhen in Europa in einem temporären Zusammenhang mit den amerikanischen statt. Das Wissen um einen Vorreiter in Übersee veranlasste die Studenten in Europa zur Nachahmung.

Ein anderer, vielleicht moderner Aspekt der sozialen Interdependenz kann die Migration darstellen. Dem Nationalstaat ursprünglich fremde Konflikte können mit der Migration ins Land kommen, wie zum Beispiel der Konflikt zwischen Türken und Kurden, der nun auch fernab des eigentlichen Konfliktherdes ausgefochten wird. Somit kommt auf den Staat eine Interdependenz ganz anderer Art zu.

Die Regeln, nach denen Interdependenz entsteht und stattfindet sind äußerst unterschiedlich. Die Spanne reicht hier von internationalen Verträgen und Abkommen über Traditionen bis hin zum bloßen Gentleman Agreement. Häufig tritt sie aber in verhaltensregulierenden oder ergebnissteuernden Prozesssytemen auf. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass in solchen Systemen klare Autoritäts- und Autonomiestrukturen wie in der Innenpolitik fehlen. Auch deshalb ist die Effektivität solcher Systeme äußerst unterschiedlich. Es bilden sich aus den Beziehungen unterschiedlich starke Strukturen mit unterschiedlich starken Regeln heraus, z.B. EU, OSZE, GATT.

Abschliessender Kommentar:

Die Theorie der Interdependenz ist im Gegensatz zu den vorausgehenden wesentlich moderner, pragmatischer und schlüssiger. Sie bezieht die Kooperation zwischen Staaten mit ein, die nicht ausschließlich dem sicherheitspolitischem Interesse dienen.

Während der miltitärische Aspekt der internationalen Beziehungen in den Hintergrund rückt, berücksichtigt die Theorie den Einfluss der nationalen und internationalen Ökonomie zu Recht deutlich mehr. Die reine Selbsthilfe im anarchischen System der Staaten wird durch den Kooperationsgedanken ersetzt.

Jedoch zweifeln Keohane und Nye an einer Stelle selbst am allumfassenden Anspruch ihrer Theorie. Ob beim Verhältnis zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern tatsächlich Interdependenz vorliegt, bleibt fraglich. Die Asymmetrien in diesem Verhältnis könnten so groß sein, das Entwicklungsländer, zumindest sofern sie alleine auftreten, den Industriestaaten ausgeliefert bleiben. Ein moderner Kolonialismus wie in die Neo-Marxisten feststellen, würde interdependente Verhältnisse zwischen der ersten und der Dritten Welt obsolet machen.

Im prognostischen Teil ihrer Theorie nehmen die beiden Autoren an, dass Interdependenzen in Qualität und Quantität weiter zunehmen werden. Die Folge aus diesem Anstieg ist aber keine zwingende, determinierte Außenpolitik der einzelnen Staaten. Auch wenn Interdependenzen bestehen, bleiben die Staaten, Volkswirtschaften und die einzelnen ökonomischen Akteure weiterhin kompetitiv. Wenn sich zum Beispiel die Euratom-Staaten zum Austausch von Know-How über Kernenergie zusammengeschlossen haben, bedeutet das nicht, dass alle die gleiche Menge Atomstrom produzieren und den gleichen Preis dafür erheben. Jeder der Teilnehmerstaaten versucht natürlich weiterhin, soviel Strom zu verkaufen wie möglich und dabei die (kooperierende) Konkurrenz zu unterbieten.

Als Resultat aus der zunehmenden Interdependenz folgt für Keohane und Nye ein gewachsener Anspruch an die zukünftige Außenpolitik. Gründliche Interdependenzanalysen sind zentrale Voraussetzung für die Akteure im internationalen Geschehen. Vergleichbar ist die Situation mit einem Schachspiel. Verändert man als Akteur den Standort einer Figur, so verändern sich noch nicht die Standorte der anderen Figuren, jedoch das Verhältnis der anderen zur bewegten verändert sich zum Teil spielentscheidend.

Dieses studentische Skript erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ist keine Garantie zum Bestehen irgendwelcher Prüfungen. e-politik.de ist bemüht, die Skripten ständig zu aktualisieren und inhaltlich zu bearbeiten


   


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