Brothers Keepers - Lightkultur
Autor : Jochen Groß E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 10.12.2001
Die Veröffentlichung des Albums Lightkultur der Brothers Keepers markiert den Abschluss eines der wichtigsten Entwicklungsjahre im deutschen HipHop. Jochen Groß blickt auf das Jahr der Politisierung zurück.
Die Emanzipation von HipHop ist mit dem Einzug in unser aller Musikalltag längst abgeschlossen, zumal selbst deutsche Retorten-Soap-Bands wie Bro'Sis in diesen Tagen ohne „Rapper" nicht mehr auskommen. Trotzdem war 2001 eines der wichtigsten Jahre für HipHop aus Deutschland, denn erstmals besteht die Chance das Thema alltäglichen Rassismuses in Deutschland dauerhaft im medialen Diskurs zu verankern.
2001: Die (Re-)Politisierung des HipHop
Schon vor geraumer Zeit wurden HipHop-Reime vom Stern in die Literatur-Hall-of-Fame aufgenommen. Ihnen wurde ähnliche Kraft wie den Gedichten von Goethe, Fontane, Brecht und Co. zugestanden. Solange man sich dabei mehr oder weniger auf „Spaßraps" konzentriert, wie etwa Fanta 4s MfG oder Blumentopfs lustige Partykracher, dann haben auch Deutschlands führende "Leitkultur"-Verfechter damit sicher kein Problem. Im vergangenen Jahr verabschiedete sich nun aber das Gros der HipHop-Künstler von inhaltsschwachen Battlereimen, die gerne die eigene Reimkunst hervorheben und die der anderen möglicht derb heruntermachen.
Jan Delay, Frontmann der Hamburger Absolute Beginner, schlüpfte Anfang des Jahres in eine Vorreiterrolle geschlüpft und ebnete mit seinem Reggaealbum Searching for the Jan Soul Rebels mit Titeln wie www.hitler.de, oder Söhne Stammheims den Weg für eine Politisierung der gesamten Szene. Der deutsche HipHop kehrte damit wieder zu seinen Wurzeln zurück, denn historisch betrachtet war HipHop alles andere als unpolitisch. Advanced Chemistry mit Fontmann Torch, eine der ersten deutschen HipHop-Crews, hatten bereits Anfang der 90er Jahre mit Fremd im eigenen Land kräftig für politischen Zündstoff gesorgt - jedoch ohne die mediale Breitenwirkung zu erreichen, die nun Delay und anderen durch den massiven Erfolg deutscher HipHop-Künstler ermöglicht wird.
2001: Die Politisierung der Jugendkultur?
Warum war aber ausgerechnet heuer die Zeit für politische Inhalte im HipHop-Alltag reif war? Aus sich heraus ist der Erfolg von Samy Deluxes Weck mich auf oder Brothers Keepers Kampfansage an rechtsradikale Neonazis und die auf dem rechten Auge oft blinde Staatsgewalt nicht zu verstehen. Nur weil Adriano (Letzte Warnung) höchstes musikalisches Niveau und viele der bekanntesten afro-deutschen HipHop- und Soul-Künstlern wie Xavier Naidoo, Afrob, Denyo und Torch vereint, ist es nicht selbstverständlich, dass Zeilen wie „wir reichen geballte Fäuste, nicht die Hände" Platz 4 der deutschen Charts belegen. Ein Grund ist sicher die ständig zunehmende Gewaltbereitschaft Rechtsradikaler und die damit einhergehende Verschlechterung der Lebensbedingungen von Ausländern in Deutschland. Trotzdem muss man sich fragen, ob die Entwicklung in diesem Jahr nicht Anzeichen für eine grundlegende Politisierung einer ganzen Generation ist. Wird Top of the Pops dadurch in Zukunft zum verlängerten Arm einer neuen außerparlamentarischen Opposition? Wohl kaum.
Fragmentierte Subkulturen
Denn, die eine, einheitliche Jugendkultur gibt es nicht, egal wie oft sich entsprechende Behauptungen wiederholen. Generation X oder Generation@ sind zwar griffige, wohlklingende Formeln - jedoch mit wenig Substanz. Die existenten Jugendkulturen sind vielschichtig und sehr fein ausdifferenziert. So wird es auch weiterhin eine inhaltlich politikfreie Popzone rund um Bravo, The Dome und Popstars geben. Daneben gedeiht aber auch eine relativ neue und politisierende HipHop-Subkultur, die gegen Rassismus, Rechtsradikalismus, blinde Neoliberalisierung und auch die Westerwellisierung der Politik antritt. Die stärkste Ausdrucksform dafür ist das Album Lightkultur der Brothers Keepers. Seit ihrer Single Adriano (Letzte Warnung) ist deren Netzwerk weiter gewachsen und beheimatet nun auch die Sisters Keepers, die gerade mit Liebe & Verstand die Charts erobern.
Das Licht
Lightkultur stellt den musikalischen Höhepunkt und gleichzeitig den Abschluss eines aufregenden und wichtigen Jahres für HipHop in Deutschland dar. Hier wird konzentriert, die gesamte Vielfalt einer stark vernetzten Subkultur aufgezeigt, deren musikalische Finesse sich nicht auf plumpe Beats und abgehackte Reimen beschränkt. So gehen etwa die Sisters Keepers mit einem gefühlvollen Soul-Track an den Start, der auch inhaltlich eher auf Schmusekurs geht: "Schön Dich zu sehen / komm reich uns Deine Hand / Wir können etwas verändern mit Liebe und Verstand." Den krassen Gegenpol zu so versöhnlichen Worten und Melodien stellt der eindringliche Titel Zivilcourage von D-Flame, Tone & Sugar dar. In einer Art Hörspiel spielen die Künstler den Gegenschlag gegen einen Skinhead-Überfall nach. Zwischen diesen Extremen liegt eine weite Bandbreite: wunderbare Tracks wie Tyron Rickets Titelsong zu seinem Kurzfilm Afro Deutsch, das Reggae-Stückchen der internationalen Stars Ziggy Marley, Bunny Wailer, Buju Banton und Morgan Heritage sowie das „Bruderprojekt" aus England, angeführt von der eindringlichsten Stimme der Insel, Roots Manuva.
Damit ist dieses Album musikalisch die vielschichtigste HipHop-/Soul-Produktion diesen Jahres. Inhaltlich ein absolut eindrucksvolles Album, das einem die tägliche Lebensumstände der Ausländer in Deutschland unmissverständlich vor Augen führt. Lightkultur trägt mehr zu einer Entwicklung einer pluralistischen Gesellschaft in einem weltoffenen Deutschland bei als beispielsweise Schilys neues Sicherheitspaket oder die Zuwanderungsvorstellungen der CDU/CSU im Lichte ihrer „Leitkultur".
Brothers Keepers - Lightkultur
Musikstil: HipHop / R&B / Soul
Label: Nitty Gritty / Downbeat / WEA
Cover von "Lightkultur": Copyright liegt bei Downbeat / WEA Records
Andere e-politik.de Beiträge zum deutschen HipHop:
Jan Delay - Searching for the Jan Soul Rebels
Die (Re-)Politisierung der Playstation-Generation?
Brothers Keepers - Adriano (Letzte Warnung)
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Weiterführende Links:
Homepage der Brothers Keepers
Homepage zum Kurzfilm Afro Deutsch von Tyron Ricke
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