Atmen auf eigene Gefahr
Autor : Werner Schäfer E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 25.04.2003
Bisher ist Shanghai weitgehend von der mysteriösen Lungen-Seuche SARS verschont geblieben. Doch inzwischen grassiert auch hier die Angst und Schutzmasken gehören zum Stadtbild. Aus Shanghai berichtet Werner Schäfer.
„Abwarten und Hände Waschen“ war bis vor Kurzem der Arbeitstitel dieses Artikels. Denn lange Zeit sorgte sich hier kaum jemand um den Virus, der dieser Tage die Welt in Atem hält. Peking und Hong Kong lagen weit entfernt, und selbst die Tatsache, dass täglich Dutzende Flugzeuge aus beiden Richtungen hier einfliegen, erschien nicht allzu bedrohlich. Schließlich gab es nur zwei bestätigte Fälle, einen älteren Herrn und dessen Tochter. Noch am vergangenen Freitag Abend herrschte in der Bar-Meile Maoming Lu die übliche Party-Stimmung. In den U-Bahnen sah man nur vereinzelt Mundschutzträger, auf der Straße so gut wie gar nicht.
Auch an der Wai Guo Yu Xue Xiao, dem Gymnasium, an dem ich dieses Semester wohne und unterrichte, war vergangene Woche von Unruhe nichts zu spüren. „Wir haben gute Ärzte und medizinische Experten in China“, erzählte mir da eine Schülerin im Brustton der Überzeugung. Die Anschaffung einer Atemmaske hatte noch keiner der Schüler erwogen. Auf der elektronischen Anzeigetafel im Eingangsbereich der Schule wurde lediglich zur Vorsorge vitaminreiches Essen empfohlen, sowie regelmäßiges Händewaschen und Lüften der Klassenzimmer. „Shanghai is safe“, war die übereinstimmende Meinung von Lehrern und Schülern.
Die Wahrheit aus dem Internet
Ganz so unbesorgt waren die Studenten der Fudan University zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht mehr. „Hier glaubt niemand den Statistiken der Regierung“, erzählte mir Forrest Lin, der im zweiten Semester Jura studiert. „Wir bekommen aus dem Internet die echten Nachrichten.“ Um seinen Gedanken zu vollenden suchte er schnell im Wörterbuch nach dem englischen Ausdruck „conceal“, um damit dann die Parteilinie zu beschreiben. Alle seine Bekannten hätten sich bereits einen Mundschutz zugelegt. Statt sich der Infektionsgefahr in der Mensa auszusetzen, äßen die meisten Studenten inzwischen lieber zu Hause.
Aus dem Internet bezog auch ich meine ersten „echten“ Nachrichten über SARS. Davor hatte ich mich weitgehend vom englischsprachigen Staatssender CCTV-9 beruhigen - um nicht zu sagen „einlullen“ - lassen. Rein äußerlich wirkt dieser Kanal durchaus seriös: das Design der Studios, der Sendeplan mit stündlichen Nachrichten, und die Einblendungen von „Sights and Sounds“ anstelle von Werbepausen erinnern an CNN und BBC. Doch liefert der Sender nur die offiziellen Zahlen und „Fakten“, so zum Beispiel vor zwei Wochen, dass SARS vollständig unter Kontrolle sei. Erst aus der Berichterstattung von Spiegel Online, der Süddeutschen, und der Zeit erfuhr ich, wie weit die offizielle Linie von der Realität abwich.
Die Regierung greift durch
Als ob die chinesische Führung ebenfalls durchs Internet gesurft wäre, zog sie am vergangenen Wochenende dann die Notbremse, feuerte zwei hohe Parteifunktionäre, und forderte unter Androhung drakonischer Strafen von allen Beteiligten Transparenz und größtmögliche Anstrengungen zur Eindämmung der Krankheit. Die Situation änderte sich schlagartig. Die Zahlen der Pekinger Infektionsfälle schossen in die Höhe, die Ferien zum Tag der Arbeit (schließlich ist China noch immer ein Arbeiter- und Bauernparadies) wurden verkürzt, und die Zeitungen berichteten auf einmal ganz offen und ausführlich über die Gefahr. „In einer Parteizeitung erschienen am Mittwoch ganze zwanzig Artikel zum Thema SARS“, bemerkte Adam Ross, der für eine amerikanische non-profit Beratungsfirma die chinesischen Medien beobachtet.
Hier in Shanghai wurde Mitte der Woche zur Überraschung vieler Aussteller die Internationale Automobilmesse vorzeitig beendet. Seit Donnerstag müssen Eltern jeden Morgen die Temperatur ihrer Kinder abnehmen; wer Fieber hat ist vom Unterricht ausgeschlossen. Der Tageszeitung Shanghai Daily zufolge werden alle öffentlichen Verkehrsmittel täglich desinfiziert, größere Konferenzen und Ausflüge wurden abgesagt. An Flughäfen und Bahnhöfen wird die Temperatur der ankommenden Passagiere gemessen; das Gelände meiner Schule darf nur noch von Lehrern und Schülern betreten werden.
Alle sind besorgt
Mit dem Durchgreifen der Behörden hat sich auch das Verhalten der Bevölkerung merklich verändert. An den U-Bahn Ausgängen, wo sonst ohne Scham gedrängelt und gedrückt wird, hält man seit einigen Tagen vornehmen Abstand. Die Träger von Atemmasken sind zwar immer noch eine Minderheit, doch man sieht sie überall. Klassisches Weiß scheint die bevorzugte Farbe der kou jiao zu sein, doch auch Burburry- und Schotten-Muster, Snoopy und Mickey Mouse Embleme sind vereinzelt auszumachen. Meine eigenen Bemühungen, in den Besitz einer Maske zu kommen, waren bei bisher fünf Apotheken nicht von Erfolg gekrönt. Vielleicht sind sie tatsächlich ausverkauft, wie es hartnäckige Gerüchte seit Tagen verkünden.
Offiziell gibt es in Shanghai weiterhin nur zwei bestätigte SARS-Patienten, die sich beide auf dem Wege der Besserung befinden. Hinzu kommen 18 Verdachtsfälle. Angesichts einer Bevölkerung von 16 Millionen sollten diese Zahlen keine besondere Besorgnis erregen. Doch bei der Flut von Meldungen über die Krankheit fällt es schwer, einfach so zu tun als wäre nichts. Und so ist einem jeder Husten nicht ganz geheuer. So überlegt man zweimal, wo und ob man sich im Bus nun festhalten soll. Kann man im Supermarkt noch einkaufen? Wie viel mal Hände Waschen am Tag ist nun genug? Und wo kann man noch Essen gehen?
Im Vergleich zu Hong Kong und Peking kommen die Präventionsmaßnahmen in Shanghai so rechtzeitig, dass sie womöglich wirklich Schlimmeres verhindern können. Doch wie lange sie dafür aufrecht erhalten werden müssen, weiß keiner so genau. Insofern könnte man also auch jetzt sagen: „Abwarten und Hände Waschen.“
Bild: Copyright liegt bei WHO / The University of Hong Kong
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Weiterführende Links:
Informationen der WHO zu SARS
Infoamtionen des Robert-Koch-Institutes zu SARS
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