'Big Brother is watching you!' - Zum 100. Geburtstag von George Orwell
Autor : e-politik.de Gastautor E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 18.06.2003
Am 25. Juni jährt sich der Geburtstag des englischen Schriftstellers zum 100ten Mal.
Doch George Orwell hat auch 19 Jahre nach der Handlung seiner Schreckensvision "1984" nichts von seiner Faszination und Aktualität verloren. Von Stefan Klahn.
Orwells wohl bekanntestes Werk "1984" entstand im Jahre 1946 und sollte zu einem Jahrhundertroman über einen totalitären Weltstaat werden, der seine Bürger bewusst manipuliert, überwacht und jegliches Aufbegehren brutal unterdrückt. Während des Kalten Krieges wurde "1984" als Schullektüre ideologisch vereinnahmt, um auf die totalitären Herrschaftssysteme unter dem Deckmantel des Sozialismus in den Ostblockstaaten und der Sowjetunion aufmerksam zu machen. 14 Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Epoche der Diktaturen in Europa zwar endgültig vorbei, aber gerade in den letzten Monaten sind der Irak und Nordkorea als Beispiele für totalitäre Staaten wieder verstärkt in das Interesse der Weltöffentlichkeit gerückt. Dabei wird zu gern übersehen, dass in Afrika nicht einmal drei Staaten demokratisch regiert werden. "1984" hat 2003 also nichts von seiner Aktualität verloren. Doch wer war dieser George Orwell, der uns das Leben in einem Überwachungsstaat so brillant geschildert hat ?
Vom Kolonialoffizier zum Schriftsteller
Am 25. Juni 1903 erblickt George Orwell, mit wahrem Namen Eric Arthur Blair, in Motihari/Indien als Sohn eines britischen Kolonialoffiziers das Licht der Welt. Nach der Rückkehr der Familie nach England und der damit verbundenen Internatserziehung besuchte er das College in Eton. 1922 meldet er sich zur Ausbildung beim britischen Kolonialdienst, um zunächst dieselbe Laufbahn wie sein Vater einzuschlagen. Während seiner Zeit als Polizeioffizier in Burma kommt ihm die Erkenntnis, auf der falschen Seite zu stehen, sodass er 1927 den Dienst quittiert. In den darauf folgenden Jahren betreibt er soziale Studien in Paris und London und schlägt sich als Tellerwäscher und Lehrer an Privatschulen durch. In dieser Zeit fasst Orwell den Entschluss, sein Glück als freischaffender Autor zu versuchen. 1933 erscheint sein erstes Buch "Down and Out in Paris and London".
Im folgenden Jahrzehnt wird Orwell zu einem der einflussreichsten Schriftsteller Großbritanniens, der sich stark für sozial Unterprivilegierte engagiert. Seine Vorstellung von einer besseren als der existierenden, von Klassengegensätzen durchzogenen Gesellschaft des Englands der 30er Jahre bringt ihn den Ideen des Marxismus näher. Der Durchbruch des Marxismus als der allein seligmachenden Ideologie auch in Westeuropa scheint Orwell Mitte der 30er Jahre nur eine Frage der Zeit zu sein.
Orwell und der "unselige" Marxismus
Im Jahre 1936 reist Orwell nach Spanien, um eine marxistische Gruppe der Internationalen Brigaden zu unterstützen. Im spanischen Bürgerkrieg muss Orwell feststellen, dass seine marxistischen Ideale ins Gegenteil verkehrt werden. Die pro-kommunistische, auf die Sowjetunion Stalins eingeschworene Fraktion der republikanischen Spanienkämpfer verfolgt unnachsichtig alle Andersdenkenden in ihren eigenen Reihen. Zu dieser Zeit entsteht Orwells Bericht "Mein Katalonien", der später als literarische Vorlage für den Film "Land and Freedom" dienen sollte.
Während des Zweiten Weltkriegs ist Orwells Leben vom ständigen Kampf gegen die Lügen der sowjetischen Propaganda gekennzeichnet. Kaum jemand war damals bereit, etwas über Schauprozesse, Massenverhaftungen und GULAGs zu veröffentlichen, weil diese Dinge nicht ins Bild des Arbeiter- und Bauernstaates der Sowjetunion passten.
In seinen wohl bekanntesten Werken "Animal Farm" (Erstveröffentlichung 1945) und "1984" (Erstveröffentlichung 1949) rechnet Orwell schließlich mit dem Sowjetkommunismus ab und offenbart gleichzeitig seine vom Marxismus enttäuschten Hoffnungen.
Warnung und Aufruf zu liberaler Toleranz
Auch in der Gegenwart scheint es unmöglich zu sein, sich der Faszination des Grauens in seinem Roman "1984" zu entziehen. In diesem Werk lässt Orwell den Leser hautnah miterleben, wie die Bewusstseinsveränderung des Hauptcharakters durch Gehirnwäsche herbeigeführt wird. Es ist beeindruckend, wie wirklichkeitsnah Orwell den auf einen Menschen ausgeübten Staatsterror in immer neuen Varianten schildert und so dem Leser begreifbar macht. Orwell wollte 1949 mit "1984" vor den Gefahren gesellschaftlicher Fehlentwicklungen warnen, insbesondere den Gefahren, denen der einzelne Mensch in einem totalitären System ausgesetzt ist. "1984" zeigt sehr eindringlich, wie totalitäre Systeme ihre Macht aufgrund von perfiden und perfektionierten Manipulationsmechanismen sichern und dabei über Leichen gehen. Gleichzeitig ist "1984" ein Aufruf zu liberaler Toleranz gegenüber Andersdenkenden und zur Bereitschaft, für die Wahrheit zu kämpfen.
Der Traum von einer besseren Gesellschaft blieb
In seinen letzten Lebensjahren war Orwells Engagement für die sozial Benachteiligten der Gesellschaft immer noch vorhanden. Allerdings hat er nicht mehr an den Marxismus als die den Menschen befreiende Ideologie geglaubt. Orwell musste sich eingestehen, dass die praktischen Schwächen der neuen Gesellschaftsordnung, die im Sowjetkommunismus deutlich wurden, in vielerlei Hinsicht die Schwächen der im Westen bestehenden Gesellschaftsordnung übertrafen. Er sah nun in der Schaffung eines breiten Mittelstands und der Hebung des allgemeinen Bildungsniveaus die Voraussetzungen dafür, den Traum einer besseren und humaneren Gesellschaft doch noch verwirklichen zu können.
George Orwell starb am 21. Januar 1950 in London an Tuberkulose.
Bildquelle: www.biblioforum.de
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Weiterführende Links:
Zum Buch '1984'
englischsprachige Information zu Orwell
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