Rage Against the Machine - politics rocks
Autor : Tom Webel E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 31.03.2000
Sie sind ein Politikum. Hart und kompromißlos. Ihre Musik donnert durch die Gehörgänge, die Texte treffen mit voller Breitseite: Rage Against the Machine. Tom Webel war auf ihrem Münchner Konzert am 7. Februar 2000.
Das Licht geht aus, die Lautstärke steigt zu einem fast ohrenbeteubenden Dröhnen und Kreischen. Da flammen plötzlich auf der Bühne helle, blendende Scheinwerfer auf. Ein heftiger Ruck geht durch die Menge, Hinfallen kann man nicht, da es zu eng dazu ist. Eine Öl-Sardine würde sich sicherlich heimisch fühlen. Mit brachialer Gewalt schieben sich tausende von schwitzenden Körpern nach vorne, nur um beim ersten Gitarrenriff alle wie auf Kommando in die Luft zu springen. Der blaue Boden in der stickigen Halle bebt und glänzt schon naß von tropfenden Schweiß, es herrschen Temperaturen wie im Reptilienhaus des Zoos. Man sieht die Bühne nicht mehr, läßt sich von der Masse treiben, wird Teil von ihr. Schwitzende Leiber kollidieren mit dem eigenen, die Menschen um einen herum verfallen fast in eine Art extatische, wilde, archaische Trance. Dann zehn Minuten - 3 Songs - später steht man das erste Mal wieder einigermaßen sicher auf den eigenen Füßen, wird nicht mehr automatisch bei jedem Stakkato-Presslufthammer-Gitarrenriff mit in die Höhe geschleudert. Zeit um die Freunde zu suchen, die Anfangs direkt neben einem standen. Und auf der Bühne stehen die "guilty parties", allen voran Zack de la Rocha, und grinsen ins keuchende Publikum. Allerdings nur, um urplötzlich und ohne Vorwarnzeit mit dem nächsten brachialen Hammer über die Keuchenden herein zu brechen.
Kompromißloseste Rockband
Rage Against the Machine live sind ein Erlebnis der besonderen Natur. Wer auch immer die Chance hat, diese derzeit "kompromißloseste Rockband" (Rolling Stone) auf der Bühne zu sehen, sollte sie nutzen. Den Besitz widerstandsfähiger Klamotten und schwerer Stiefel vorausgesetzt. Und nach Möglichkeit sollte man auch nichts gegen ein paar blaue Flecken mehr oder weniger einzuwenden haben. Die Emotionen, die Rage transferieren, sind hart: Wut, Trauer, Machtlosigkeit, Revolte, Widerstand, Kampf. Und so reagiert dann natürlich auch das Publikum. Doch geschieht das Ganze auf eine Art und Weise, wie es heute nur noch selten vorkommt, wie nur wenige Bands es vermögen: laut, schnell, betonhart und trotzdem intelligent. Letzteres kann eine Band natürlich nur in dem Maße sein, wie es ihre Mitglieder sind. Ein Glück für das Quartett, das jede Bühne mit dem Anheiz-Spruch: "Hello, we´re Rage Against the Machine from Los Angeles, California" stürmt.
Die politischen Väter prägten die Söhne
So eindringlich ihr Sound ist, so unterschiedlich sind ihre Charaktäre. Da wäre zum einen Zack de la Rocha, Sänger und einer der beiden Köpfe von Rage. Sein Großvater floh seinerzeit vor den Unruhen aus Mexiko, sein Vater war in den 70ern in einem politisch aktivem Künstlerkollektiv tätig. Er selbst wuchs in einem rein weißen Vorort LA´s auf, der einzige "mejicano" der Klasse. Der Außenseiter. Er lernte Gitarre, Bass und Schlagzeug, schrieb Gedichte. Eines davon hieß "Bullet in The Head", ein anderes "Take the power back". Beide erschienen auf dem ersten Rage-Album.
Der zweite treibende Kopf bei Rage Against the Machine ist Tom Morello. Der "Rolling Stone" bezeichnete den afro-amerikanischen Sozialisten als einen "marxistischen Jimmy Page", in Folge dessen die ganze Band als "Led Zeppelin auf Polit-Trip". Wenn das kein Kompliment ist. Sein schwarzer Vater Ngethe Njoroge war Unabhängigkeitskrieger in und später erster UN-Vertreter für Kenia, seine weiße Mutter Mary Morello, die sich teilweise noch heute um die Band kümmert, eine aktive Bürgerrechtlerin. Das durfte wohl genügend genetische Vorbelastung sein, die dafür sorgte, dass der Filius, als er seinen Harvard-Abschluß hatte, nicht das große Geld verdienen wollte, sondern lieber nach mehreren Treffen und spontanen Jams mit Zack de la Rocha Rage Against the Machine gründete. Zusätzlich zu diesen beiden Masterminds mühen sich bei Rage noch Brad Wilk an den Drums und Tim Commerford an der Bass-Gitarre. Letzterer traf einst in der Grundschule einen kleinen "mejicano", der ihm beibrache, Sex-Pistols-Songs auf dem Bass zu zupfen ...
Kampf für Menschenrechte
Die Texte sind deren Existenzberechtigung, Grundlage der Band, sie enthalten ihre komplette politische Motivation. So wundert es nicht, dass Rage schon mal "das gute Gewissen der amerikanischen Rock-Industie" genannt werden. "Wenn wir nur über Cabrios und Weiber singen würden, hätte sich die Band schon längst aufgelöst", so Morello. Ihr Polit-Agitat-Rock ist keine Verkaufsmasche, wie geglätterter Punkrock oder Shock-Rock. Es geht nicht um Revoluzzer-Image, es geht um Leben, um Tod. In ihren Anliegen und ihrer radikaler Brisanz prangern Rage Menschenrechtsverletzungen an. Ein Blick in den Süden der Türkei, den Kosovo, oder nach Tschetschenien reicht. Eben diese Menschenrechtsverletzungen sind nach wie vor kein regionales - etwa zentralamerikanisches - Problem Einzelner, sondern eine globale Angelegenheit wie auch ein zentraler Prüfstein der Menschheitsgeschichte. Dieses Problem vor Augen kann es nicht verwundern, dass Rage Against the Machine mit ihren Anliegen weltweites, musikalisches Synonym für Widerstand und den Kampf gegen Vorurteile, geistige wie physische Okkupation sowie für Menschenrechte geworden sind. Und so tönte es auch bei der jüngsten Anti-Haider-Demo von einem Wagen: "It has to start somewhere/It has to start sometime/What better place than here/What better time than now."
Nach diesen Worten herrscht plötzlich für eine halbe Sekunde vollkommene Stille, nur das nach Luft japsen, das schwere Atmen tausender Lungen ist zu hören. Die Luftfeuchtigkeit übersteigt die eines Dschungels, nur dass es in ihm kühler ist und bei weitem nicht so eng. Auf einmal explodiert Zack brachial über Commerfords und Wilks wuchtiger Funk-Metal-Kardenz und Morellos betonharten powercords und treibt sich durch die Lautsprechertürme dem Konzertbesucher wie ein Preßlufthammer direkt in die Gehörgänge und ins Hirn: "All hell can´t stop us now!" Die Masse beginnt sofort wieder zu pogen, man kommt dem Ende seiner Kräfte nahe. Nachdem Rage Against the Machine dann den letzten Song "Killing in the Name of", ihren wohl bekanntesten Song, aufs Publikum gepeitscht haben, wird es mal wieder Zeit, die Freunde zu suchen, langsam leert sich die Halle. Eine Zugabe will keiner, die meisten Leute sind wohl froh, überhaupt noch genügend Kraft für den Nachhauseweg zu haben. Rage Against the Machine haben wieder einmal einige tausend Leute an den Rand ihrer physischen Leistungsfähigkeit gebracht. Und sie haben ihren Teil dazu getan, dass der globale Kampf um Gleichberechtigung aller Menschen, Menschenrechte und Demokratie nicht einschläft. Darum machen sie Musik.
Discographie:
1992 Rage Against The Machine (Epic Records)
1996 Evil Empire (Epic Records)
1999 Battle of LA (Epic Records)
Foto Zack de la Rocha: Copyright liegt bei Rage Against the Machine
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Weiterführende Links:
Rage Against The Machine im Internet
Leserkommentar
von
Thomas Bauer
am 06.07.2000
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Wenn Musik zur Demonstration wird!
Liebes e-politik-Team !
Ich bin begeistert über die gute Mischung an Information und Mitwirkung in Eurem Angebot. Bezüglich des Beitrages zu Rage against the machine möchte ich Euch gratulieren. Wer auf dem heutigen Musikmarkt, der bestimmt wird durch Casting, Remake und viel Fassade, eine Band sucht, die es versteht Aussagen, Information und Motivation in ein Stück Musik zu packen, dann wird man an dieser Band aus L.A. nicht vorbeikommen. Wer sich die Mühe macht die Texte von Zach mehrere Male zu Gemüte zu führen, spürt förmlich den Unmut, manchmal sogar den Hass, und die Bestimmung dieses Mannes die Welt mit brachialer Musikgewalt auf Unrecht und Unterdrückung aufmerksam zu machen. Egal ob das Schicksal der Indios in Mexiko, die Niederschlagung des Aufstandes in Chiappas, oder die unfairen Grerichtsverfahren gegenüber kritischen Journalisten in den USA, alle Themen spiegeln sich in den Liedern wieder. Der Song "War within a breath" von ihrem letzten Album "Battle of Los Angeles" hat mich auch dazu verleitet mich über die Zustände der mexikanischen Urbevölkerung im mexikanischen Staat zu informieren. Ich kann jedem nur empfehlen sich diese Band einmal live anzuschauen, und den Hauch von Revolution in sich aufzusaugen, den dieses Erlebnis verbreitet.
"we don´t need the key, we´ll break it. KNOW YOUR ENEMY".
Mit den besten Grüssen, Thomas Bauer
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