Jedwabne ist ein Städtchen im Nordosten Polens, dessen jüdischer Bevölkerungsanteil vor dem Zweiten Weltkrieg ca. 60 Prozent betrug. Nach kurzer Besetzung der Deutschen geriet es bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion für 20 Monate gemäß dem Geheimprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts unter sowjetische Besatzung.
Mit dem Einmarsch der Deutschen am 22. Juni 1941 kam es zu zahlreichen Plünderungen, Demütigungen und Übergriffen der nichtjüdischen Polen auf ihre jüdischen Nachbarn, die in der "effizienten" Lösung der Verbrennung von beinahe der gesamten jüdischen Bevölkerung in einer Scheune tragisch gipfelte.
Ironische Widersprüche
Überwacht und dokumentiert wurde es von Deutschen, doch "es entbehrt nicht an Ironie, dass der deutsche Gendarmerieposten für die Juden an diesem Tag der sicherste Ort in der Stadt war, denn einige überlebten nur deshalb, weil sie sich zur fraglichen Zeit zufällig dort befanden", wie Jan Tomasz Gross in seinem im letzten Jahr erschienenen Buch "Nachbarn" schreibt.
Auch die Kirche, in Jedwabne repräsentiert durch den Ortspfarrer, der "nichts Gutes über die Juden sagen könne", verweigerte der bedrohten jüdischen Bevölkerung jegliche Unterstützung. Gross beschreibt die Täter als "ganz gewöhnliche Männer" in Bezug auf Alter und Beruf. Es waren Zivilisten, keine unter Befehl stehenden Uniformierten, die aus freien Stücken ihre Nachbarn massakrierten. Fast die Hälfte der erwachsenen, nichtjüdischen Männer des Städtchens war an dem Progrom aktiv beteiligt.
Andere - erschreckend und unfassbar zugleich - wohnten lachend dem Massaker bei!
Wie kam es zu diesem Massaker?
Als Motive werden neben dem in Polen damals weit verbreiteten Antisemitismus die angebliche, jedoch empirisch widerlegte, Kollaboration der Juden mit den Sowjets genannt. Nicht zu unterschätzen ist dabei die antisemitische Indoktrination des reaktionären Klerus, der die Juden stets nur als Mörder Jesu Christi diffamierte. Als weitere Motive seien auch die persönliche Bereicherung am jüdischen Eigentum denkbar sowie die Bestrebung, sich bei den neuen Herrschern lieb Kind zu machen, so Gross. Als unbedingte Vorbedingung müssen jedoch die Verrohung der zwischenmenschlichen Beziehungen angeführt werden sowie die Demoralisierung und der Freibrief der Deutschen zur Gewaltanwendung, meint der Publizist.
Die Intention des Buches
Gross betrachtet sein Buch als "eine Herausforderung an die übliche Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs", der zufolge die polnische Bevölkerung nur in der Opferrolle gesehen wird; er versucht, die in Polen gängige Geschichtsauffassung zu widerlegen, die Judenverfolgung sei während der deutschen Besatzung ausschliesslich von Deutschen betrieben worden.
Dabei dokumentiert er mit akribischer Genauigkeit am Beispiel des Progroms in Jedwabne am 10. Juli 1942, wie polnische Bewohner ihre jüdischen Nachbarn aus eigenem Antrieb auf bestialische Weise ermordeten. Gross betont mehrfach, dass die notwendige Bedingung dieser menschlichen Katastrophe zweifellos der Einmarsch der Deutschen gewesen sei. In einem gesonderten Kapitel der deutschen Ausgabe gibt er den deutschen Lesern zu bedenken, dass dieses Buch in keiner Weise die Dimension der Grausamkeit des von den Deutschen betriebenen Holocausts relativiere oder als Entlastung empfunden werden soll und darf.
Ein Buch mit Folgen
Das Buch von Jan Tomasz Gross, der Professor für Politik und Europäische Studien an der New York University ist, löste mit seinem Erscheinen im Mai 2000 in Polen heftige Reaktionen aus.
Die offizielle Entschuldigung des polnischen Präsidenten Kwasniewski für jene Verbrechen in Jedwabne stellte öffentlich eine der wichtigsten Prämissen der polnischen Geschichtsschreibung in Frage: Die ausschliessliche Opferrolle während des Zweiten Weltkrieges. Gross hat mit seinem Buch einen sensiblen Nerv getroffen und damit eine Debatte ausgelöst, die möglicherweise mit dem "Historikerstreit" in Deutschland zu vergleichen ist.
"Nachbarn" liest sich flüssig und versetzt den Leser durch Augenzeugenberichte und zahlreiche Details in die beklemmende Position des unmittelbaren Beobachter.
Jan T. Gross:"Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne"
Verlag C.H.Beck 2001, 196 Seiten
18,50 Euro
ISBN 3-4064-8233-3