Baader
Autor : Susanne Schulz E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 17.10.2002
Andreas Baader als Actionheld und Gudrun Ensslin als sein Püppchen - die
RAF ist im Film Baader von Regisseur Christopher Roth eine Gangsterbande,
die im Wesentlichen Drogen nimmt, Autos knackt und Banken überfällt.
Von Susanne Schulz
Die BRD zwischen 1967 und 1972 - der Beginn des deutschen Herbstes. In seinem
Mittelpunkt stehen die Figuren Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike
Meinhof. Der Film Baader will Andreas Baader (Frank Giering) als den
charismatischen Führer zeigen, als den er sich selbst gern gesehen
hätte.
Der Kinobesucher begleitet Baader und Ensslin (Laura Tonke), die hier im
Wesentlichen Baaders Geliebte ist, durch ein undurchsichtiges Gewirr von
Ereignissen und Aktionen der ersten RAF-Generation. Mal werden Autos geknackt,
mal konspirative Wohnungen bezogen, plötzlich hält sich die Gruppe,
mit arabischen Pässen ausgestattet, in Ost-Berlin auf. Dann befindet sie
sich in einem Ausbildungslager der Fatah irgendwo in den palästinensischen
Gebieten. Ulrike Meinhof (Birge Schade) tritt dabei sehr in den Hintergrund -
taucht so gut wie gar nicht auf.
"Konzeptuelles Unbehagen"
Das ständige Hin und Her, das die Unübersichtlichkeit des Films
ausmacht - ist durchaus beabsichtigt. Regisseur Roth meint: "Da muss ein
konzeptuelles Unbehagen bleiben." Dieses Unbehagen bezieht sich jedoch nicht nur
auf die fehlende Darstellung der Motivation der RAF, noch auf den
unverständlichen Handlungsablauf des Films. Das Unbehagen entsteht dadurch,
dass die Figur Baader im Film kaum etwas mit dem historischen Baader zu tun hat.
Auch Ensslin, die intellektuell eine treibende Kraft der RAF war, hält im
Film lediglich hölzern vorgetragene Monologe, denen keiner zuhört.
Actionheld ohne Stammheim-Prozess
Die historischen Unwahrheiten im Film gipfeln in der Unterschlagung des
Stammheim-Prozesses, indem dem Actionheld Baader ein gebührender Abgang in
einer Schießerei mit der Polizei verabreicht wird. Der Zuschauer, der ein
paar geschichtliche Daten im Hinterkopf hat, reagiert verwundert, aber gelassen
auf diesen dramatischen Tod Baaders. Endlich ist dieser unsympathische Macho
weg. Roth beabsichtigt, Baaders damalige Faszination dadurch begreiflich zu
machen, dass er aus ihm einen Kotletten tragenden, Unsinn redenden Kotzbrocken
macht. Faszination ist aber nicht das, was rüber kommt. Eher völliges
Unverständnis, wie so jemand andere motivieren konnte, ohne seiner eigenen
Motivation Ausdruck verleihen zu können.
Baader-Puzzle unvollständig
Im Film ist der BKA-Chef Kurt Krone (Vadim Glowna) der einzige, der Andreas
Baader wirklich versteht. Er fühlt sich mit Baader enger verbunden, als mit
irgendjemand sonst. Die Beziehung des historischen BKA-Präsidenten Horst
Herold zu Baader, ist also die einzige relevante Tatsache, die im Film ihre
wahre Entsprechung gefunden hat. Der Rest von Baaders Persönlichkeit und
dessen Wirkung auf andere, ist wie aus Puzzlestücken irgendwie
zusammengesetzt. Diese ergeben aber nicht Baader, sondern einen hedonistischen
Actionheld, der die 70er und ihre Trends noch befremdlicher erscheinen
lässt, als sie ohnehin schon sind.
Trivialkunst
So haben zum Beispiel die wirkliche Gudrun Ensslin und Andreas Baader - genauso
wie ihre Pendants im Film - ständig zu allem Weiblichen "Fotze" gesagt, und
Baader hat tatsächlich beim Autoknacken die schnelleren Luxusschlitten
bevorzugt. Das ist aber kein Grund, die Persönlichkeiten auf diese Merkmale
zu reduzieren. Denn es waren eben diese Merkmale, und seine und Ensslins
intellektuelle Seite, die in ihrer komplizierten Mischung die Faszination
ausmachten. Doch um das herauszuarbeiten, darf nicht auf den Stammheim-Prozess
verzichtet werden.
Roths Versuch, eine historische Persönlichkeit ohne Komplexität
darzustellen, ist gescheitert.
"Baader" (Deutschland 2002)
Kinostart: 17. Oktober 2002
Drehbuch: Christopher Roth und Moritz von Uslar
Produzenten: Stefan Fruth, Mark Gläser und Christopher Roth
Regie: Christopher Roth
Mit:
Frank Giering
Laura Tonke
Vadim Glowna
Birge Schade
Jana Pallaske
Foto: Copyright liegt bei Prokino.
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Leserkommentar
von
Thomas
am 18.10.2002
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POP
Ich kann dem Beitrag nur zustimmen.Ich kenne den Film zwar nur aus dem Trailer, einigen Ausschnitten im Fehrnsehen und div. Kommentaren, aber es sieht von Anfang an danach aus, als handle es sich hier um neudeutsches Popkornkino mit Baader&RAF als nette Hintergrundbeschallung.Wenn in der heutigen Spass-Gesellschaft vier ehemalige Yuppies und RTL-Nachmittagsshow-Moderatoren plötzlich Arbeitslos würden und aus Wut darüber soetwas wie die RAF gründen würden, wäre der Film sicherlich die Ideale Dokumentation über deren weiteren Ablauf, aber für einen Film wie "Baader"sollte man einen so ernsten und historisch wichtigen Hintergrund nicht nutzen.Dem Regisseur kann man nur raten in Zukunft lieber Videoclips für MTV zu produzieren - dafür scheint er das bessere Händchen zu haben.
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