Angesichts der "Abrechnungsschwemme" der letzten Monate - u.a. die Kohl- und Biedenkopf-Tagebücher, die Memoiren Schäubles oder Friedbert Pflügers "Ehrenwort" - drängt sich bei diesem Titel eine Vermutung geradezu auf: Handelt es sich um eine weitere Abrechnung eines ausgewiesenen CDU-Insiders zur (eigenen) Verteidigung bzw. öffentlichen Anprangerung des "Systems Kohl"
Immerhin war Gerd Langguth über Jahrzehnte hinweg CDU-Bundestagsabgeordneter, Mitglied im CDU-Bundesvorstand und zweier Programmgrundsatzkommissionen, dazu u.a. Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung, Bevollmächtigter des Landes Berlin beim Bund und Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland.
Sein Selbstanspruch ist jedoch ein anderer. "Es geht um Fragen der Macht in einer irgendwie fern erscheinenden, doch trotz des Regierungswechsels von 1998 in die Gegenwart hineinwirkenden Phase deutscher Politik: Die Zeit Helmut Kohls. Und ferner geht es darum, wie die CDU wieder an die Macht zurückkehren kann."
Langguth gliedert seinen Text in zwei Hauptabschnitte. Im ersten untersucht er die Architektur der Macht in der Ära Kohl sowie das Innenleben der CDU nach der Wahlniederlage und dem Spendenskandal. Im zweiten versucht er, Prognosen zur Zukunft der CDU als Volkspartei, zu programmatischen Aussagen und zur Kanzlerkandidatur 2002 zu geben.
Der sprachliche Stilwechsel hin zur politikwissenschaftlichen Analyse im zweiten Abschnitt ist bewußt gewählt.
Die CDU und Kohl
Die Architektur der Macht bestand Langguth zufolge aus drei tragenden Säulen: der Partei als Basis, der Bundestagsfraktion als Netzwerk und dem Kanzleramt als Zentrum der Macht.
Der Autor zeichnet Helmut Kohls politischen Werdegang innerhalb der CDU detailliert nach. Schon früh zeigt sich, dass der junge Kohl ein Mensch mit ausgesprochenem Instinkt zum Machterwerb und vor allem deren Erhalt war. Anhand von Kohls Wegbegleitern, Mitarbeitern und politischen Gegnern legt Langguth dar, dass dessen System durch frühzeitige Patronage, persönliche Loyalität und bedingungslose Unterordnung sowie drakonische Bestrafung von Untreue funktionierte.
Laut Langguth zählten Wolfgang Schäuble, Friedrich Bohl, Anton Pfeifer (bis zu seinem Ausscheiden) und - mit Abstrichen - Kohls Sekretärin Juliane Weber zum inneren Zirkel der Macht um den Kanzler. Ausgiebig untersucht der Autor das Innenleben der CDU nach dem Regierungswechsel und dem Spendenskandal. Neben Einschätzungen zu Merkel, Merz und Stoiber zeichnet er die Geschichte der zerbrochenen Freundschaft zwischen Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble mittels ausgiebiger Textexegese ihrer jeweiligen Bücher nach.
Schwache Zukunftsanalyse
Der Abschnitt zur Zukunft der CDU bleibt im Vergleich zum ersten Teil leider in Umfang und Inhalt zurück. Wichtige Fragen zum Profil der Union werden in wenigen Zeilen abgehandelt.
Langguths Rat, "Es ist der CDU anzuraten, sich auf einige Themen zu konzentrieren, die ihr als 'Gründungs- und Staatspartei' der Bundesrepublik Deutschland in besonderer Weise auf den Leib geschrieben sind. Sie ist zu einer Doppelstrategie zwischen inhaltlichem Profil auf der einen und zu konsensuarischer Unschärfe auf der anderen Seite gezwungen. Sie benötigt einerseits einen unverwechselbaren politischen Charakter, andererseits muß sie 'Volkspartei der Mitte' bleiben (...)" bietet leider keinen neuen Diskussionsansatz an.
Fazit: Nicht die üblichen Verdächtigen, da das Buch aus dem derzeitigen christdemokratischen Modethema "Abrechnung" herausragt, ohne sich ihm jedoch entziehen zu können.
Besonders der erste Abschnitt bietet dem Leser spannende Insiderinformationen zu Geschehnissen und Personalien in der Ära Kohl. Ähnliche Analysen des "Systems Kohl" finden sich jedoch auch in anderen Beiträgen, so zum Beispiel Friedbert Pflüger "Ehrenwort" oder Prantl/Stiller/Leyendecker "Helmut Kohl, die Macht und das Geld".
Die Halbwertszeit der Langguthschen Prognosen zur Zukunft der Union wird von der Bundestagswahl bestimmt. Sie scheinen im Unterschied zum restlichen Text seltsam trivial, stammen aber aus der Zeit vor der Entscheidung zur Kanzlerkandidatur Edmund Stoibers. Für Leser mit Interesse am Innenleben der CDU sicherlich ein Gewinn, wenn mögliche Intentionen des Autors bei der Lektüre im Hinterkopf verbleiben.
Gerd Langguth: "Das Innenleben der Macht. Krise und Zukunft der CDU"
Ullstein Verlag, 2001, 328 Seiten
21 Euro
ISBN 3-550-07169-8