Im Karneval soll nichts so sein, wie es eigentlich ist. Sondern alles anders. Interessante Vorstellung, dass alles anders ist, als es eigentlich ist. Nur: wie ist es denn eigentlich? Stellen wir uns einmal den Politikstudenten Hans M. vor, wie er derzeit mit Gelfrisur, Anzug und Sonnenbrille als Playboy verkleidet betrunken durchs Rheinland marodiert und seinen Kommilitoninnen an den Hintern fasst.
Ist ja bekanntlich Sinn des karnevalistischen Treibens: vor der Fastenzeit mal richtig die Sau rauslassen und gleichzeitig der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Eigentlich ist Hans M. nämlich ein strebsamer Student, der seine Diplomarbeit über die Benachteiligung der Frau im politischen System der Bundesrepublik schreibt, gerne Wollpullis trägt und sich im Gleichberechtigungs-Ausschuss engagiert. Mit seiner Playboy-Verkleidung möchte er "die hässliche Fratze des sexistischen Schweinesystems entlarven".
Kanzler Schröders Currywurst
So führt der Karneval direkt zu einem tiefen Problem, nämlich dem Unterschied zwischen Schein und Sein. Das beschäftigt uns auch im eigentlichen Leben. Hat sich nun der V-Mann als Neonazi verkleidet, oder umgekehrt? Ist unser Kanzler ein Arbeiter im Gewand eines Managers? Oder flucht er leise, während die ruhige Hand die Currywurst zum Mund führt: "Wäre ich verdammt noch mal zur FDP gegangen, dann könnte ich jetzt Kaviar löffeln"?
Politikern wird oft vorgeworfen, ihre Auftritte seien bloß inszeniert, ihre Handlungen nicht von Überzeugung getragen, sondern von der Gier nach Wählerstimmen. "Wolf im Schafspelz" ist das Bild, das häufig zur Umschreibung solcher Vorwürfe bemüht wird.
"Sexistisches Schweinesystem"
Als "Wüstling im Wollpulli" könnte man Hans M. bezeichnen. Wenn man davon ausgeht, dass er sich nur als strebsamer Student verkleidet, seine wahre Natur aber die des marodierenden Grapschers ist. Entlarvt Hans M. das "sexistische Schweinesystem" oder sich selbst? Ist das eigentliche Leben nur ein Ausnahmezustand des Karnevals? Parodieren die Narren beim Faschingsumzug die Politiker oder die Politiker beim politischen Aschermittwoch die Narren?
Der ratlose Leser verlangt an dieser Stelle zu Recht nach einer Lösung des Problems. Der Schreiber fragt sich dagegen, ob er überhaupt ein solcher ist. Vielleicht ist er nämlich nur ein Narr, der sich mit Computer, Kaffeetasse und Aschenbecher als Schreiberling verkleidet hat. Der ratlose Leser ist vielleicht gar nicht ratlos, sondern ein wissender Beobachter. Und der Narr schreibt, was der Leser lesen will. Wer weiß das schon, wo doch alles anders ist? Oder wissen Sie noch, wer von uns beiden Hans M. zuerst für einen Wüstling gehalten hat?