Das Volk der Neurotiker
Autor : Markus Kink E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 08.05.2003
Wer kennt, liebt und hasst sie nicht, die deutschen Neurosen. "Schau ich auf Deutschland" von Sibylle Krause-Burger ist eine faszinierende Nahaufnahme von Macht, Medien und dem täglichen deutschen Wahnsinn. Eine Rezension von Markus Kink.
"Ja wat denn nu, eene für zwölf oder für fuffzig Mark?", Servicewüste Deutschland hautnah. Unfreundliche Verkäufer, machtbesessene Politiker und ihre menschlichen Schwächen, aber auch die Stärken und sympathischen Seiten unserer Volksvertreter. Mit spitzer Feder durchleuchtet Sibylle Krause-Burger die Stärken und Schwächen der Berliner Republik. Detailverliebt, und doch auf das Wesentliche gestrafft, gibt sie ihre Erlebnisse wider. Sie versucht dabei - gemäß ihrem Anspruch - der deutschen Seele einen Spiegel vorzuhalten und sie zugleich widerzuspiegeln. Um es vorwegzunehmen: Es gelingt ihr zumeist.
"Schau ich auf Deutschland" ist eine Auswahl von Texten, die Krause-Burger über vier Jahre hinweg in ihrer Kolumne in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht hat.
Die Publizistin versteht es, mit Hilfe von Details, ein abstraktes, manchmal überraschendes Portrait von Deutschland zu zeichnen. Ein Portrait, in dessen Antlitz sich Politiker, Firmenbosse und kleine Angestellte gleichermaßen wiederfinden.
Abstrakte Details
Ihre Worte sind oft voll von beißendem Zynismus und erheiternder Ironie. Krause-Burger hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Die 'Nahaufnahmen der Berliner Republik', so der Untertitel des Buches, sind eine Reise durch die vergangenen vier Jahre: viele, oft schon wieder vergessene Ereignisse im Zeitraffer.
Sie offenbart das joviale Gebaren von Ex-Bundesbahnchef Heinz Dürr: Nachdem er verspätet zu einer Eröffnung gekommen war, ließ er einen unwichtigeren Herrn aus der ersten Reihe entfernen. Zweifellos hatte Herrn Dürr dieser Platz gebührt.
Sie versteht es auf zwei Buchseiten umfassend darzulegen, warum Kanzler Schröder nie zu einem Kanzler Kohl werden wird und was beide dennoch in den elitären Zirkeln der hohen Politik verbindet. Sie erläutert die Beziehung zwischen Politiker und Ehefrau, schildert einfühlsam und wissend, wie schwer es für manche Kanzlergattin ist oder war, hinter den politischen Bedürfnissen von Vereinen oder Verbänden zurückzustehen.
Gleichzeitig kämmt sie Volkes Meinung bisweilen gegen den Strich. Beinahe die ganze Nation sieht das Grundgesetz verletzt, weil die muslimische Mathematiklehrerin Fereshta Ludin ihr Kopftuch auch im Unterricht tragen will und nicht darf. Die Publizistin hält dagegen.
Als die Regierung mit dem Umzug nach Berlin beginnt, gerät ihre Kolumne zu einer Rückschau auf die kleinen und großen Geschehnisse, die in den Jahren der "Bonner Republik" die Bundesrepublik - und die Autorin - geprägt haben. Ereignisse, die auch unmittelbar mit dem Bonner Regierungsviertel verbunden sind, das sich bescheiden auf etwas mehr als einen Quadratkilometer erstreckte.
Immer ist Krause-Burger nah, näher, noch näher dran am Geschehen. Sie hat Zugang zu den Zirkeln der Macht. Die Journalistin und Autorin einer Biographie über den amtierenden Außenminister und einer Monographie über die Regierungspraxis von Gerhard Schröder, ist dabei trotzdem Mensch geblieben. Sie hat - diesen Eindruck versteht sie zu vermitteln - die Rolle des Beobachters, nicht verlassen; ist, anders als viele Kollegen, nicht Teil des machtpolitischen Einfluss-Systems geworden und bleibt dadurch ihrem Leser näher, als ihrem Betrachtungsobjekt.
Vergangenheitsbewältigung und Deutsche Zwangsneurosen
Dass sie dabei manchmal unbequem wird - umso besser. Sie zeigt den Deutschen ihre Zwangsneurose, einen psychischen Volksschaden, den die Deutschen seit dem Ende des dritten Reiches mit sich herumschleppen: Die Altlast des Antisemitismus, der den beinahe totalitären Zwang der "political correctness" ausgelöst hat und von dem das Volk - die immer wieder stattfindenden Debatten bestätigen dies - nicht loskommt. Obwohl sie die "deutsche Anständigkeit" entlarvt, die politisch verordnete Kritiklosigkeit an Israels Palästinenserpolitik bloßstellt - es scheint als könne sie selbst bisweilen diese Neurose nicht abschütteln.
Wie sonst ist es zu erklären, dass man als Leser, der der zweiten Nachkriegsgeneration angehört, kurz nach der Hälfte des Buches den Drang verspürt, es wegzulegen, weil man einmal zu oft das Wort "Hitler" gelesen hat? Weil man es leid ist - scheinbar ebenso wie die Autorin, dass wir Deutsche uns selbst an den Pranger stellen. Um es mit den Worten Krause-Burgers zu sagen: "Wir dürfen die Vergangenheit nicht vergessen, aber wir müssen auch nicht dauernd mit dem Finger auf uns zeigen." Und auch wenn sie genau das Gegenteil versucht, in einer Kritik an der Belanglosigkeit und Ruhmsucht der alltäglichen Medienberieselung wirkt Adolf fehl am Platze und sei er auch nur ironisch angeführt.
Sei's drum. Die Wurzeln Krause-Burgers, die sie im letzten Kapitel offenbart, das die Geschichte ihrer jüdischen Mutter während des zweiten Weltkrieges erzählt, lassen verstehen und darüber hinweglesen.
Eine Neurose, vor der offensichtlich auch der Staat nicht gefeit ist und die auch schon mal seine Handlungsfähigkeit beeinflusst, ihn zum harmlosen Nachtwächterstaat werden lässt, wie die Autorin darzustellen vermag.
Der Teufel steckt im Detail
Sibylle Krause-Burger sieht die Details symbolischer Handlungen, hört die Zwischentöne. Gesten, Blicke, die auf Presseempfängen und -konferenzen am Rande passieren. Kleine Vorkommnisse am Rande machtvoller Ereignisse, auf die Journalisten allenfalls im Gespräch untereinander verweisen, um sie mit der standesgemäßen Portion Zynismus zu würzen. Selten sieht man solches zu Papier gebracht.
"Schau ich auf Deutschland" ist eine Abrechnung mit der deutschen Volksseele, ein Spiegel für die Mächtigen, ein Schaubild für den Rest der Menschen. Packend, spannend und mit spürbarer Lust am Schreiben erzählt.
Krause-Burger schreibt über Themen, die Menschen bewegten, die öffentliche Diskussionen auslösten und auslösen. Stets den besonderen Zugang zum Thema suchend, scheint sie während und durch den Schreibprozess ihre Gedanken zu ordnen, um schließlich den Nagel auf den Kopf zu treffen.
Sibylle Krause-Burger:
Schau ich auf Deutschland - Nahaufnahmen der Berliner Republik
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2002
ISBN: 3-421-05620-X
224 Seiten, EUR 19,90
Das Copyright des Bildes liegt bei der Deutschen Verlags-Anstalt.
Zum Artikel: Sibylle Krause-Burger: Joschka Fischer - Der Marsch durch die Illusionen
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