Seit geraumer Zeit sind die Zeitungen und TV-Nachrichtensendungen voll von Berichten und Analysen zur nächsten EU-Erweiterungsrunde, die bis zu 12 Länder umfassen könnte. Was in dieser Diskussion zu kurz kommt, ist oftmals die direkte Perspektive der mittel- und osteuropäischen Beitrittsaspiranten. Wer an dieser Sichtweise interessiert ist, findet in Timothy Garton Ashs nunmehr auch als Taschenbuch erschienener Aufsatzsammlung "Zeit der Freiheit - Aus den Zentren von Mitteleuropa" hervorragendes Hintergrundmaterial.
Geschichte der Gegenwart
Was Garton Ash in diesem Buch versucht, ist eine "Geschichte der Gegenwart" zu schreiben, wie er im Vorwort erklärt - ein Unterfangen im Grenzbereich von Literatur, Journalismus und Geschichtsforschung. Was die Authentizität der Texte angeht, gewinnen diese sehr stark, da es sich um Originaltexte handelt, die bis ins Jahr 1990 zurückgehen. Reisereportagen und Interviewberichte wechseln sich ab mit eher allgemeineren Erörterungen zur Zukunft der Europäischen Union, zum Verhältnis Großbritanniens zu Europa oder der Art und Weise, wie die Länder in Mittel- und Osteuropa mit dem Erbe der Diktatur umgehen. Eine umfassende Chronik, durch tagebuchartige Eintragungen ergänzt, hilft, die Artikel in den Gesamtkontext der Ereignisse der neunziger Jahre einzuordnen.
Ein Weltreisender
Timothy Garton Ash, der Professor für Geschichte am St. Anthony's College in Oxford ist und sich durch zahlreiche Aufsätze zu zeitgeschichtlichen Fragen in amerikanischen und europäischen Zeitschriften einen Namen gemacht hat, kam in den frühen achtziger Jahren zum ersten Mal in näheren Kontakt mit den damals noch kommunistischen Staaten, als er zu einem Forschungsaufenthalt nach Ostberlin kam und von dort zu zahlreichen Reisen nach Polen, Ungarn und in die Tschechoslowakei startete. Seine damaligen Erfahrungen beschrieb er in einem ersten Buch, das in Deutschland unter dem Titel "Ein Jahrhundert wird abgewählt" erschienen ist. Mit "Zeit der Freiheit" legt Garton Ash nun den Folgeband vor, der die Zeit von 1990 bis 1999 umfasst. Den Reiz des Buches macht auch aus, dass Garton Ash durch seine umfassende Reise- und Forschungstätigkeit viele der handelnden Protagonisten persönlich getroffen und befragt hat - von Vaclav Havel über Egon Krenz bis hin zu Lech Walesa.
Neue Rollen, neue Aufgaben
Schriftsteller und Dichter, die sich überrascht in Staatsämtern wiedersehen, Dissidenten, die als Parteivorsitzende fungieren, Künstler, die die von ihnen lange kritisierte Regierung plötzlich im Ausland als Botschafter vertreten - die Nachwirkungen des Umsturzes in Mittel- und Osteuropa trieben mitunter seltsame Blüten. Und so weitet sich die Aufsatzsammlung unter der Hand zu einer Geschichte Mittel- und Osteuropas seit dem Fall des Eisernen Vorhangs aus.
Dass die Entwicklung in der DDR und dann im vereinigten Deutschland eine zentrale Rolle in diesem Buch spielt, liegt auf der Hand.
Konsequenzen für den Westen
Die Texte, die brillant ins Deutsche übertragen worden sind, bestechen zudem durch ihre stilistische Qualität. Timothy Garton Ash hat ein schönes Buch geschrieben und in einer Retrospektive die Ereignisse und Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa des vergangenen Jahrzehnts illustriert. Er zeigt, wie sehr sich diese Länder um eine Rückkehr nach Europa bemühen und welche Verantwortung sich dadurch für die Europäische Union und ihre einzelnen Mitgliedsländer ergibt. Schließlich ist das Buch auch ein versteckter Appell, den Ländern im Osten diese Rückkehr nach Europa durch eine zügige Aufnahme in die Europäische Union baldmöglichst zu ermöglichen.
Timothy Garton Ash: Zeit der Freiheit. Aus den Zentren von Mitteleuropa
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001, 512 Seiten,
26,50 DM
ISBN: 3423308168