Das Rezept erscheint äußerst simpel: nur das, worüber man spricht, schreibt, öffentlich nachdenkt, wird Spuren hinterlassen. Spuren in den Köpfen der Menschen, die Zuschauer des makabren Spektakels Terrorismus sind und Spuren in der Autorität der Staaten, die es zu treffen, zu schwächen, zu beschädigen, zu düpieren gilt. Darum geht es Terroristen viel mehr als um die bloße Anwendung physischer Gewalt, als um materielle Zerstörung.
Terrorismus als Theater
Um Aufmerksamkeit für sich und ihre Ziele zu erregen, setzen Terroristen seit jeher auf die Weltöffentlichkeit. Ohne Medienberichterstattung bliebe die Wahrnehmung noch so spektakulärer Inszenierungen eng begrenzt auf die unmittelbaren Opfer. Doch diese sind ja nicht in erster Linie angesprochen. Viel wichtiger ist das große, weltweite Zielpublikum. Medienkonsumenten auf der ganzen Welt sollen Zeugen terroristischer Gewalt werden, sollen erschreckt, aufgewühlt, in ihrem Sicherheitsgefühl verletzt werden.
Terrorismus ist Kommunikation, vielleicht sogar "Theater", wie es schon 1974 der Terrorismus-Experte Brian Jenkins formulierte. Besonders deutlich wurde die Zielstrebigkeit, mit der Terroristen die Weltöffentlichkeit als Bühne missbrauchen, 1972 während der Olympiade in München. Bewusst wählten die Terroristen damals den Bereich des Sports, um "das dringliche Anliegen der Palästinenser zu präsentieren", wie einer der Drahtzieher später äußerte.
Live vom Ort des Geschehens
Das Verhältnis von Terrorismus und Medien ist nicht neu, verändert haben sich allenfalls die Dimensionen. Schon die russischen Anarchisten begriffen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Bedeutung der entstehenden Massenmedien, um ihre "Propaganda der Tat" einer breiten Leserschaft zu präsentieren.
1968 ging der erste Fernsehsatellit in den USA auf Sendung, damit wurde die Nachrichtenübertragung von den lokalen Stationen in die Zentralen um ein Vielfaches schneller und einfacher. Somit ist es wohl kein Zufall, dass terroristische Attacken auf Amerikaner von diesem Augenblick an auch deshalb Konjunktur hatten und haben, weil sie eine ganz besonders hohe Publizität versprechen.
Die siebziger Jahre brachten eine Reihe weiterer Neuerungen in der Übertragungstechnik. Tragbare Kameras und Videorecorder machen Live-Übertragungen von jedem Ort dieser Welt möglich. Aber: je mehr die redaktionelle Bearbeitung reduziert wurde, umso stärker schwand auch die kritische Distanz zum Berichteten. Schnell, authentisch, ungeschönt und brutal - so scheint die Devise der letzten zwanzig, dreißig Jahre zu lauten. Die Stunden und Tage nach den Anschlägen in New York und Washington, in denen die halbe Welt vor immer wieder denselben Fernsehbildern saß, bestätigen dies eindrucksvoll. Um ihre "Message" in die ganze Welt zu tragen, haben die Terroristen des 11. Septembers noch nicht einmal eine konkrete Botschaft, einen Forderungskatalog lancieren müssen, wie wir ihn von RAF, IRA oder ETA kennen. Die Symbolik der Bilder wirkte auch so.
Unheilige Allianz
Doch nicht nur die Terroristen brauchen die Medien. Sie werden von eben diesen auch allzu freiwillig bedient. Medien sind angewiesen auf Zuschauer und Leser, diese wollen Spektakuläres. Und was ist spektakulärer als die Live-Bilder der unfassbaren Zerstörungen, die terroristische Attacken hinterlassen? Medien machen ihr Geschäft mit der Brutalität von Terroristen, diese ihrerseits nutzen die Medien als Bühne. In der Kommunikationswissenschaft spricht man von einer "symbiotischen" Beziehung. Beide Seiten versprechen sich Nutzen, zugleich laufen die Medien jedoch Gefahr, Ansehen und Objektivität einzubüßen .
Herren des Verfahrens
Keine Frage - Berichterstattung ist schlichtweg unverzichtbar in Systemen, in denen Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit eine derart wichtige Rolle spielen wie bei uns oder in den USA, auch oder gerade im Zusammenhang mit Ereignissen wie denen des 11. Septembers. Aber: was ist Berichterstattung, wo fängt sie an und - noch wichtiger - wo hört sie auf? Wo verläuft die Grenze zwischen "hard news" und "soft stories"? Vielleicht dort, wo wir menschliche Tragödien allzu hautnah serviert bekommen, die uns verstören, aber nicht helfen, Dinge zu erklären. Und noch etwas: sind und bleiben die Medien wirklich immer "Herren des Verfahrens"? Oder werden sie - mehr oder weniger willfährig - dann und wann zu Handlangern der Terroristen? Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die befremdlichen Informationen über mögliche terroristische Ziele auf dem Boden der Bundesrepublik. Ist das Berichterstattung, so wie sie sein sollte?
Was ist zu tun? Zensur von offizieller Seite ist mit unserer freiheitlichen Grundordnung sicher nicht zu vereinbaren. Die Lösung wäre eher Selbstbeschränkung. Aber Selbstbeschränkung ist nicht dasselbe wie Gleichschaltung, wie patriotischer Gehorsam. Deutsche Vertreter der Zunft haben erst allmählich zu einer zuweilen sehr kritischen Berichterstattung zurückgefunden, in Amerika ist die Normalität auch in diesem Bereich längst noch nicht zurückgekehrt. Verständlich? - vielleicht; sinnvoll? -nein.
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