"Unwürdig", so bezeichnete es Helmut Schmidt, sich zu einem Duell mit seinem Herausforderer einzulassen. Die nachfolgenden Bundeskanzler stimmten dieser Meinung weitgehend zu. Nun steht der deutsche Bundestagswahlkampf vor einem Novum: der Medienkanzler Schröder und der Medienförderer Stoiber ziehen in die Arena der Fernsehstudios. Die Rahmenbedingungen wurden nun in zähen Verhandlungen zwischen den Wahlkampfmanagern und den beteiligten TV-Sendern ARD, ZDF, RTL und Sat1 nun festgesetzt.
75 Minuten Rededuell
Am 25. August und dann noch einmal am 8. September werden die Kandidaten in den Ring steigen. Jeweils 75 Minuten lang können die Kontrahenten an diesen Terminen versuchen, ihre Position als die bessere darzustellen. Auf diese Formalien konnte man sich noch schnell einigen. Wie man aber diskutiert und den verbalen Schlagabtausch ausführt, darin gingen die Meinungen der Kandidaten und ihrer Wahlkampfteams gehörig auseinander.
Ein Fußbänkchen und ein Spracherkennungsprogramm
Schröder war für sitzen, immerhin misst Edmund Stoiber 12 cm mehr Körpergröße. Ein Kanzler, der von seinem Herausforderer überragt wird? Undenkbar für Matthias Machnig, den SPD-Bundesgeschäftsfüher. In die Politikersprache übersetzt, äußerste er sich dann so: "75 Minuten im Stehen zu diskutieren, das ist dann vielleicht doch ein bisschen zu lang." Die CDU lästerte dagegen und wollte dem Kanzler schon ein Fußbänkchen zur Verfügung stellen, bis die SPD mit einem Spracherkennungsprogramm für Edmund Stoiber wiederum konterte.
Stoiber ist gegen ein Zwiegespräch mit seinem Kontrahenten – immerhin ist Schröder für seine Schlagfertigkeit berühmt und so wünscht der CDU/CSU-Mann, eine direkte Diskussion zu vermeiden. Ein Publikum im Raum, das auch vorher eingereichte fragen stellen darf, war nach dem Geschmack der Unionsleute.
Zu geschwätzig scheidet aus
In den Vorüberlegungen standen 3 Modelle aus anderen Ländern, in denen die Fernsehduelle schon länger Tradition sind, als Leitfäden zur Auswahl:
Das Spanische Modell wurde schnell als "zu geschwätzig" abgetan. Immerhin glich dort das erste Rededuell 1993 eher einem netten Plausch über das vorangegangene Abendessen und nur am Rande wurden unkritische Themen aus dem Wahlkampf gestreift.
Frankreich, in dem seit 1974 die sogenannten "débats televisés" stattfinden, schied auch schnell aus dem Rennen um ein gutes Vorlagenkonzept für die deutsche Premiere. Kritikpunkt war der fehlende Spannungsbogen. "Zu staatstragend" nannte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender das Ganze. Der Schlagabtausch würde gleich von vorneherein in Kleinigkeiten wie der vorgeschriebenen gleichen Schminke für die Kandidaten und dann in den höflichen Floskeln ("Ich bin ganz ihrer Meinung, wenn sie sagen,...") erstickt.
Die USA als Vorbild
Klare Dramaturgie wurde für das deutsche TV-Duell gesucht. Und gefunden hat man sie im Mutterland der Rededuelle vor laufender Kamera: den USA. Dort hat jeder Teilnehmer festgeschriebene 90 Sekunden für seine Antwort, dann ist der Gegner für 60 Sekunden dran und dann erfolgt noch mal die Antwort des ersten für 30 Sekunden. Den Gegner zu unterbrechen ist verboten. Bis hin zur Studiotemperatur ist im Voraus alles penibelst festgelegt.
Der Rahmen dieses Modells wird nun für Schröder vs. Stoiber übernommen. Und auch ansonsten konnte man sich einigen: Es wird im Stehen und ohne Zuschauer debattiert.
Sabine Christiansen (ARD) und Maybrit Illner (ZDF) werden für die öffentlich rechtlichen Fernsehsender am 25. August moderieren, Peter Kloeppel (RTL) und Peter Limburg (n24) stellen am 8. September die kritischen Fragen.
Ein strenges Zeremoniell erwartet die Zuschauer. Und die Kandidaten werden sich mit Akribie auf ihren Auftritt vorbereiten. Der "one-liner", der eine Satz, der den Gegner vorführt, ist jetzt gefragt. Dass das TV-Duell aber von enormem Wert für die Wahlentscheidung sein kann, das wollen die Kandidaten nicht glauben machen. So verkündete der Stoiber-Berater Spreng, dass der Sieger "höchstens ein halbes Prozent" an Stimmen gewinnen könnte.
Wenn das stimmt stellt sich dann die Frage, ob der Streit um Stehen und Sitzen, Fußbänkchen und Spracherkennung, das Ergebnis rechtfertigt.
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