"Es gibt keine vollständig virtualisierte Firma und keine vollständig digitalisierte Industrie. Selbst die avanciertesten Informationsindustrien wie die Finanzwelt sind nur teilweise auf elektronischem Rauch errichtet." – Was Saskia Sassen hier formuliert, ist die banale und wenig beachtete Wirklichkeit des WorldWideWeb. Auch der Cyberspace braucht den realen Raum. Eine Tatsache, die die Unternehmen der New Economy mit einem Problem konfrontiert, das jeder Internetbesucher kennt, der eine der zahlreichen Verkaufsplattformen für Bücher oder CDs benutzt:
Ein Mausklick sucht, findet und bestellt die gewünschte Ware. Und dann? Dann muss das Produkt aus dem Lager geholt, verpackt und zum Käufer transportiert werden – nachdem sie produziert wurde. Zwischen der virtuellen Bestellung und ihrer Verwirklichung liegen darum Tage.
Ein überfälliger Paradigmenwechsel
Das Buch versammelt acht Aufsätze Sassens, die die wirtschaftliche Globalisierung unter dem Aspekt des realen Raums und nicht der Virtualität analysieren. Sassen, die Soziologie an der Universität von Chicago lehrt und Gastprofessorin an der Londoner School of Economics ist, erkennt in der Stadt den Knotenpunkt der Globalisierung. Zwar überschreite die Globalisierung die Grenzen der Staaten, dennoch bleibe sie weiter auf bestimmte Räume angewiesen: die hochentwickelten Finanzzentren. Dort nimmt Sassen die Bewohner ins Visier. Ein Perspektivenwechsel, der mehr ein Paradigmenwechsel ist. Denn bislang, wie sie richtig schreibt, wird Globalisierung "meist als Gegenüberstellung von ,national‘ und ,global‘ [und] als die Internationalisierung des Kapitals, aber nur der oberen Kapitalbewegungen und besonders des Finanzwesens aufgefasst". Der Funktionsträger der New Economy, der Arbeiter, wird bei den Diskussionen um die Globalisierung bislang kaum beachtet.
Die Bedeutung der Aufsätze Sassens liegt – zumindest auf den ersten Blick – weniger in dem, was sie schreibt, als vielmehr in der Tatsache, dass sie es schreibt. Denn wer weiß nicht, dass der globale Diskurs vom "Cash Flow" handelt, aber nie vom kleinen Arbeiter? Provokativ kehrt Sassen diesen gewohnten Diskurs jetzt um und reanimiert die vergessene Einsicht, dass auch die New Economy auf banale Tätigkeiten angewiesen bleibt – von dem Lagerarbeiter wie der Schreibkraft.
Durch diese Herangehensweise, und das ist die eigentliche Leistung der acht Aufsätze, gelangt sie zu einer neuen Bewertung bekannter Probleme, wie etwa der Immigration von Arbeitssuchenden oder der Diffusion staatlicher Macht angesichts des globalen Marktes.
Die Grenzen der Belastbarkeit?
Längst hat man sich auch hierzulande mit der Feststellung abgefunden, dass die "Grenzen der Belastbarkeit" erreicht sind und Einwanderung an sich unerwünscht ist. Außer vielleicht hochqualifizierte Fachkräfte für ein paar Jahre als Gäste. Gegen diese Überzeugung betont Sassen, dass die Einwanderung von Arbeitskräften die notwendige Folge der Globalisierung ist: Die Unternehmen bräuchten nicht nur Manager sondern zunehmend billige Arbeitskräfte. Die "Transnationalisierung der Arbeit" identifiziert sie als gleichwertiges Gegenstück zur "Transnationalisierung des Kapitals" und mehr noch: als Funktionsbedingung der globalen Wirtschaft.
Hier zeigt sich eine Stärke der Aufsätze Sassens. Sie legt den komplexen Zusammenhang zwischen der Einwanderung von Arbeitskräften und der Veränderung der Wirtschaftsstruktur offen. Die Globalisierung schaffe neue Märkte und Konkurrenten. Immer mehr Unternehmen lagerten daher einen Teil der Produktion in den informellen Sektor aus, wo Arbeitnehmer jenseits des gesetzlichen Rahmens beschäftigt werden, um so Kosten zu sparen. Die "Informalisierung der Wirtschaft" sei eine Möglichkeit der Unternehmen auf den wachsenden Konkurrenzdruck zu reagieren. Sie setze aber Arbeitnehmer voraus, die bereit sind, im rechtsfreien Raum zu arbeiten: zumeist unqualifizierte Ausländer. Die Pointe daran ist, dass Sassen den Industrienationen ihre Abhängigkeit von der Immigration vorführt, während sie die "Wirtschaftsimmigranten" vom Stigma befreit, nur Bittsteller aus armen Ländern zu sein.
Der Verlust des Politischen?
Soweit die Theorie. Sassen aber vergisst auch nicht die Praxis. Zu den Paradoxien der Globalisierung gehöre es, dass hochdotierte Manager selbstverständlich in den unterschiedlichsten Ländern arbeiten oder Firmen ihre Sitze nach Wirtschaftlichkeit und nicht nach Nationalitäten richten. Wenn aber die Arbeitnehmer den Arbeitsmärkten folgten, gelte dies als "unerwünschter Prozess". Eine Auffassung, die im Bereich des Rechtsschutzes seine Entsprechung habe: Während man weltweite die Grenzen für die globale Wirtschaft öffne, bleiben die Bürgerrecht auf der Strecke: "Wir riskieren es, von multinationalen Konzernen regiert zu werden, die nur dem Weltmarkt gegenüber verantwortlich sind."
Ein finsteres Zukunftsszenario. Zum politischen Alltag aber gehört es längst, dass sich die Politik den Bedingungen der Wirtschaft beugt. Sassen plädiert darum für staatliche Regulierung der globalen Wirtschaft. Und sie zeigt auch, dass der Staat seinen Einfluss geltend machen kann: im Bereich der Infrastruktur – "womit genauso die Glasfaserkabel in Bürokomplexen wie hochqualifizierte Arbeitskräfte gemeint sind". Diese Infrastruktur, die eben nicht von A nach B verpflanzt werden könne, biete dem Staat die Möglichkeit regulierend einzugreifen. Sassens Botschaft ist darum so einfach wie bedeutsam: Der Staat ist nicht machtlos, geht das Credo der Globalisierung doch vom Gegenteil aus.
In den Aufsätzen gelingt es Sassen, griffige Beschreibungen der zentralen Problemfelder zu formulieren und mögliche Lösung anzudenken. Ihre Aufsätze sind nur Fingerzeige, keine ausgearbeiteten Gebrauchsanweisungen. Gerade darum lohnt sich ihre Lektüre – gerade für jene, die an die Allmacht der Globalisierung glauben.
Saskia Sassen: "Machtbeben – Wohin führt die Globalisierung?"
Deutsche Verlagsanstalt,
München 2000, 196 Seiten
39,80 Mark
ISBN 3-421-05362-6