Buch: Wer sind sie?
WamS: Ich bin die Wahrheit.
Tag: Spaß beiseite, wer sind sie wirklich?
WamS: Also gut, ich bin das echte Kohl-Tagebuch.
Buch: (stöhnt) Noch eine. Und was sind ihre Beweise?
WamS: Ganz Europa ist mein Beweis.
Tag: Ein interessantes Argument ...
Buch: Tag, sie werden ihr doch nicht auf den Leim gehen.
Tag: Wieso nicht, sie sieht doch auf den ersten Blick ...
Buch: Sehr durchschaubar aus. Hier, lesen sie. Nichts als Angriffe gegen Schäuble und Merkel:
WamS: „Es wird immer deutlicher, dass es sich offensichtlich um ein abgesprochenes Spiel mit verteilten Rollen zwischen der Generalsekretärin und dem Parteivorsitzenden handelt."
Tag: Jawoll.
Buch: Tag! Der Chefredakteur dieses Machwerkes hier ...
WamS: Meinen sie mich ...?
Buch: ... ist Kai Diekmann. Ausgerechnet der Mann, durch den Kohl seine Ansichten jahrelang in die Bildzeitung stellen konnte ohne diese lästige redaktionelle Bearbeitung.
Tag: Das weiß ich auch, aber sehen sie nicht, wie groß ihre Ausstrahlung ...
Buch: Tag. Hier wird das Bild eines Helmut Kohl gezeichnet, dass nicht mal sie ... oder noch schlimmer, dass aussieht, als hätte Van Gogh nach Zahlen gemalt.
Tag: Das hat er doch auch. Von Ravensburger gibt es diese Sonnenblumen ...
Buch: Ja. Stimmt. Aber sehen sie sich diese Bilder an: Ein über allem schwebender Patriarch. Der von seinen engsten Freunden Verlassene, der von der Journalistenmeute gehetzte unschuldige ...
Tag: Und?
Buch: Kohl glaubt immer noch, dass er der am meistem betroffene ist:
WamS: „Die Besorgnis, der Partei werde durch die Spendenaffäre großer Schaden zugefügt, ist verständlich. Doch vermutlich leidet unter der neuen Affäre niemand mehr als ich, zumal sich Presse und elektronische Medien mit aller Macht auf mich stürzen."
Tag: Da sehen sie's.
Buch: Tag, verstehen sie nicht. Es geht ihm nicht um die Klärung der Kernfrage, ob eine politische Partei käuflich war, sondern um einen persönlichen Rachefeldzug. Das sind keine Fakten, die auf uns basieren, diese Zeilen hat Helmut Kohl später geändert. In der Geschichtswissenschaft nennt man das eine fehlende „offene Zukunftserwartung". Es ist hauptsächlich das Bild, dass er der Nachwelt gerne suggerieren würde. Quellenkritik, Herr Kollege. Sie müssen Quellenkritik machen.
Tag: Also gut, ihre Krawatte sieht mal wieder furchtbar aus.
Buch: Doch keine Kritik an mir ... außerdem hat die meine Frau ... ACH!
Wenn man ein Tagebuch auswertet ist doch wichtig: In welche Zusammenhänge hatte der Autor Einblick und welche Zwecke hat er mit dem Verfassen verfolgt. Tagebücher sind eigentlich als Medium der "Identitätsfindung" gedacht. Aber bei Kohl haben sie sich zur Grundlage für Veröffentlichungen im Dienste der Selbstdarstellung gewandelt. Er will dem Gedächtnis der Nachwelt seinen Stempel aufdrücken. Es geht ihm auch gar nicht so sehr um Rechenschaft, als um das Malen eines Bildes, das er einst vor der Geschichte abgeben wird.
WamS: Glauben sie ihm nichts. Glaube sie mir ...
Tag: Ja, ich glaube ... ich glaube.
Buch: TAG! Sie müssen anfangen wieder selber zu denken. Tag, sie wissen es doch besser.
Tag: Ha! Dann geben sie es zu, dass ich das einzig wahre Kohltagebuch bin?
Buch: Sie impertinenter hinterhältiger ...
WamS: Nein, nein. Ihr müsst mir beide glauben ...
Buch/Tag: HALT DIE PRESSE.
WamS: Die Wahrheit darf nicht schwei ... (crunch).
OFF: Meine Herren wir ... dass ist nicht das, was ich glaube, dass es ist?
Tag: Doch! (mampf ... kau)
Buch: (Rüuuulps) ... Tschuldigung. Da haben sie uns aber was Zähes serviert.
Grafik: Claudia Kober