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Rich Cohen: Nachtmarsch

Rich Cohen: Nachtmarsch

Autor :  e-politik.de Gastautor
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 07.11.2000

Shoah und jüdischer Widerstand. Ein spannendes historisches Thema, das Rich Cohen am Beispiel des Ghettos von Wilna aufgreift. Leider scheitert er in seinem Debüt am Erzählstil, findet Nikolaus Hochholzer, der es für e-politik.de gelesen hat.


Wie anfangen, wenn man hin und her gerissen ist? Wäre ich eine Koryphäe, bekannt und berühmt, dann würde ich vielleicht so anfangen: "Dieses Buch hat mich gequält!"

Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Deutschland und Russland teilen sich Polen auf. Viele der aus Polen geflohenen Juden, treffen sich in Wilna, einem Sammelbecken der zionistischen (Jugend)Bewegung. Die jüdische Bevölkerung wird in Ghettos kaserniert und nach und nach vernichtet. Es formiert sich eine kleine Widerstandsbewegung, doch diese ist aus vielerlei Gründen nicht schlagkräftig genug.
Das Ghetto wird vollständig liquidiert, die Widerständler ziehen sich in den Wald zurück, und versuchen dort, in Zusammenarbeit mit polnischen und kommunistischen Partisanen, den deutschen Nachschub zu unterbinden und den Vormarsch der russischen Armee zu erleichtern.
Nach Ende des Krieges plant man Rache an den Deutschen, die genauso wahllos und willkürlich sein soll, wie die Vernichtung der Juden, gibt diesen Plan aber, als ein erster Versuch scheitert, auf. Der Schriftsteller Abba Kovner und seine beiden Freundinnen, Vitka und Ruzka, kehren letztlich Europa den Rücken und investieren ihre Kraft in den Aufbau des jungen israelischen Staates und in den Kampf gegen das Vergessen des Holocaust.

Jüdischer Widerstand – noch immer ein unbekanntes Thema

Die Problematik des jüdischen Widerstandes zur NS-Zeit ist, trotz der inzwischen relativ umfassenden Literatur über die Shoah, noch eher unbekannt. Das Thema ist mehr als interessant. Leider der einzige Grund, das Buch bis zum Ende zu lesen.
Wie gelangten die Kämpfer an Waffen? Der moralische Druck, durch jede Aktion des Widerstandes eine neue Vernichtungsaktion durch die Deutschen auszulösen - von den Mördern also noch die Verantwortung für deren Taten oktroyiert zu bekommen. Die zum Teil schlechte Zusammenarbeit mit den nationalen und kommunistischen Gruppen. Der auch gerade in den osteuropäischen Gebieten stark verbreitete Judenhass, der die Arbeit des jüdischen Widerstandes erschwerte.
All das sind Themen, die bisher nur in wenigen Büchern behandelt wurden und sicher noch des öfteren aufgegriffen werden sollten.

Kein Sachbuch, aber auch kein Roman

Was einem das Lesen hier schwer macht ist der Stil, die Erzählweise. Sollte das Ganze ein Sachbuch werden? Dagegen sprechen die vielen narrativen und fast romanhaften Passagen. Wollte Cohen einen Roman schreiben? Dafür ist der Stil in weiten Bereichen viel zu spröde und trocken.
Er wechselt Präsens und Perfekt, dass es sogar geübten Lesern, bei langsamem und konzentriertem Lesen, noch schwindlig wird - und das alles, ohne erkennbaren Grund! Die einzelnen Charaktere sind nicht sauber herausgearbeitet, der Erzählstil ist manchmal flach und effektheischend. Also auch kein Roman. Manche Stellen erinnern an Comics. Dazu fehlen aber nun einfach die Zeichnungen. Am ehesten lässt sich das Ganze noch mit einem Drehbuch für einen Action-Film vergleichen: "Man schüttete Nägel in ein leeres Rohr, füllte Schießpulver dazu, führte eine Lunte ein, zündete sie, warf das Rohr und - peng! Überall Nägel!"

Ein rühmlicher Versuch, der ins Lächerliche abgleitet

Rich Cohen ist 32 Jahre alt, er bekam die Geschichte zum ersten mal mit zehn Jahren von Abba, Vitka und Ruzka, mit denen er weitläufig verwandt ist, erzählt. Selbst amerikanischer Jude, beginnt nun seine Identifikation mit dem Judentum, durch diese spannende und wahre Geschichte , die "die verlorene Verbindung herstellte und uns in unserer Heimat (Israel) heimisch werden ließ - ein elektrisierender Moment" Man versteht nur zu gut, wie in dem Jungen der Drang wächst, diese unglaubliche und wirklich erzählenswerte Geschichte weiterzugeben.
Aber fehlendes Talent oder mangelnde Reife lassen diesen rühmlichen Versuch manchmal ins Lächerliche abgleiten. Bei der im Anhang umfangreich erwähnten Sekundärliteratur, wäre es sicher ein Leichtes gewesen, ein historisch fundiertes Sachbuch über die Widerstandsbewegung im Ghetto von Wilna, den Partisanenkampf in den Wäldern, die Rachepläne der Truppe um Kovner, sowie den Aufbaukampf zu Beginn der israelischen Staatsgründung zu schreiben. Doch beim Versuch, hierüber hinauszugehen, die selbst erlebte Faszination und Spannung am Thema an den Leser weiterzugeben, scheitert Cohen. Schade.

Rich Cohen: "Nachtmarsch"
S. Fischer, Frankfurt/Main, 2000, 350 Seiten
39,80 Mark
ISBN 3-100-10218-5


Nikolaus Hochholzer studierte Philosophie in München.


   

Weiterführende Links:
   Interview des S.Fischer Verlags mit dem Autor



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