Am Nullpunkt
Autor : Christian Peters E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 01.12.2002
Barbara Frey inszeniert Samuel Becketts Drama "Endspiel" am Münchner Residenz Theater. Und führt uns zum Nullpunkt der menschlichen Existenz. Eine Rezension von Christian Peters.
Ein blinder Greis im Rollstuhl, sein Adoptivsohn, zwei infantile, verkrüppelte Alte, die in Abfalltonnen hausen - die Überlebenden einer nicht näher bezeichneten Katastrophe, die die Erde als Wüstenei zurück gelassen hat. Drei Generationen, sukzessive angenähert an die totale Hoffnungslosigkeit. Aneinander gekettet durch Hass und gegenseitige Abhängigkeit.
"Du Schweinehund! Warum hast du mich gemacht", fragt der blinde Hamm (Thomas Holtzmann) seinen "Erzeuger" Nagg (Peter Herzog). "Ich konnte nicht wissen, dass du es würdest", lautet dessen Antwort. Hamms verkrüppelte Eltern in ihren Mülltonnen sind die einzigen, die sich noch an die Zeit vor der Katastrophe erinnern. So denkt Nell (Heide von Strombeck) immer noch wehmütig an die Bootspartie mit ihrem Mann zurück, als sie ihre "Haxen" verloren. Clov (Götz Schubert) hingegen kennt nichts anderes als immer die gleiche, ausweglose Situation. Den grausamen Launen seines Adoptivvaters Hamm ausgesetzt, ist seine einzige Waffe die Drohung, ihn zu verlassen. Allein, das Stück endet wie es begonnen hat: Clov an der Tür stehend, Hamm mit verhülltem Kopf in seinem Sessel sitzend. Dazwischen inszenieren die Vier das, was von ihrem Leben noch übrig ist, als Endlosschleife, als Farce, im Bewusstsein ein "altes von jeher verlorenes Endspiel zu spielen."
Mikrokosmos der Ausweglosigkeit
Barbara Frey unterliegt bei ihrer Inszenierung nicht der Versuchung, das Stück durch Eingriffe in die Vorlage zu "aktualisieren". Glücklicherweise: Denn Becketts intensive Auseinandersetzung mit der conditio humana ist zeitlos aktuell. Die Regisseurin hält sich an die präzisen Regieanweisungen des irischen Autors und lässt die Figuren auf einer Bühne agieren, die durch ihre abgeschlossene Geometrie zur Chiffre der Ausweglosigkeit wird.
An den Wänden dieses Mikrokosmos entlang muss Clov Hamm schieben. Eine der wenigen verbliebenen Handlungen, die als Rituale an die Stelle echten Lebens getreten sind. "Eine Runde um die Welt", wie Hamm zynisch konstatiert. Ohne überflüssigen Regiebalast ist die Bühne des Endspiels frei für Becketts spröde, bilderlose Sprache und das Agieren der Figuren.
"Nichts ist komischer als das Unglück"
Allen voran überzeugt dabei Thomas Holtzmann als Hamm. Virtuos und mit sichtbarem Vergnügen gibt er den blinden Alten, der aus reinem Lebensüberdruss seinen Adoptivsohn vom Sessel aus tyrannisiert. Gekonnt hält er dabei die Balance zwischen Tragik und Komik, gemäß dem Motto des Dramas: "Nichts ist komischer als das Unglück." Um so wirkungsvoller heben sich dagegen die Momente ab, in denen lange vergessene Gefühle an die Oberfläche dringen. Die Szene, in der Hamm seinen ebenfalls verkrüppelten Stoffhund liebkost, gehört zu den anrührendsten des ganzen Stückes. Gegen Holtzmanns intensives Spiel hat sein Widerpart Götz Schubert einen schweren Stand. Die Rolle des gedemütigten Clov ist von Beckett natürlich nicht so vielschichtig angelegt. Dennoch hätte man sich die Interpretation der Figur weniger naiv und brav gewünscht. Peter Herzog und Heide von Strombeck sind als Hamms verkrüppelte Eltern herrlich kindisch und verdreht - und ebenso tragisch.
Nachdenklichkeit und Erleichterung
Becketts äußerster Pessimismus, der sich in dem 1957 uraufgeführten "Endspiel" manifestiert, ist nicht leicht zu ertragen. Auch das Aufblitzen grotesker Komik schafft keine Erleichterung. Seine Diagnose der conditio humana bleibt leider aktuell: Am absoluten Nullpunkt des Daseins halten nur noch die reflexhaften Rituale von Machtausübung und Machterleiden das Spiel am Laufen. Becketts Parabel lotet für uns einen Bereich aus, den wir selbst nicht erfahren wollen. Doch ist uns ihre Struktur bekannt. So wird man in die kühle Münchner Winternacht entlassen - ziemlich nachdenklich, aber auch ein wenig erleichtert.
"Endspiel"
Von Samuel Beckett
Regie: Barbara Frey
Schauspieler: Peter Herzog, Heide von Strombeck, Thomas Holtzmann, Götz Schubert
Foto: Copyright liegt bei Bayerisches Staatsschauspiel
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