Die Welt sucht nach dem Geheimnis des menschlichen Lebens. Embryonen werden
zum Zielobjekt der Forschung. Doch die embryonale Stammzellenforschung und das
Klonen von Embryonen ist stark umstritten. Während das britische Parlament
gerade erst letzteres bis zum 14. Tag erlaubt hat, ist in Deutschland genau
darum ein Glaubenskrieg entstanden. Wann beginnt Leben? Dürfen Embryonen zur
Forschung genutzt werden?
Während Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) der Ansicht ist, das Kriterium der Menschenwürde lasse sich nicht
auf Embryonen ausweiten, sagt Parteikollege und Bundeskanzler Gerhard Schröder
nur, er wolle eine Gentechnik ohne Scheuklappen. Schröder will erstmal einen
Ethikrat. Zusätzlich zur bereits bestehenden Enquete-Kommission "Recht und Ethik
der modernen Medizin" im Deutschen Bundestag. Wohin die Bundesregierung in der
Frage Gentechnik steuert, ist unklar.
Eigentlich weiß niemand, wie mit dem hochbrisanten Thema umgegangen werden
soll. Nicht nur, dass Gen- und Biotechnik auch wirtschaftlich von immenser
Bedeutung sind - schließlich wird der Branche eine rosige Zukunft prognostiziert
- vor allem die Vorteile der Genforschung im Kampf gegen Krankheiten sind nicht
zu übersehen.
Vor den Toren der Stadt
Gleichzeitig ist die Gefahr aber groß, dass künftige Menschen schon als
Embryonen zu Ersatzteillagern für andere werden. Das Leben des Ersatzteillagers
bleibt dabei im Reagenzglas stecken und landet im Müll. Gleich neben dem Leben,
das vielleicht eine behinderte Zukunft vor sich hat - denn das wird nicht
gewollt. Im alten Sparta wurden behinderte Menschen erst nach der Geburt
entsorgt. Man setzte sie einfach vor die Tore der Stadt. Heute könnte das viel
sauberer gehen.
Die Gesellschaft ist wieder mitten in einer Diskussion um Leben und Tod - wie
auch bei der Diskussion um die Abtreibung. Nur geht der Eingriff in das Leben
diesmal noch einen Schritt weiter und gibt der Diskussion eine neue Dimension:
Menschen können nicht nur einfach abgetrieben werden. Mit der Gentechnik ist
eine gezielte Menschenzucht möglich. Es wird nur gezeugt, was erwünscht ist.
Experten warnen davor. So die Deutsche Gesellschaft für Anthropologie.
Vorstandssprecher Carsten Niemitz forderte,
es dürften keine Embryonen "für therapeutische oder Forschungszwecke gezüchtet"
werden. Gentest an Embryonen dürften vor dem Einsetzen in die Gebärmutter nicht
zur Geschlechtswahl missbraucht werden. Auch Ulrike Flach von der FDP warnt. Sie
ist Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Technikfolgenabschätzung. In einem
Interview des "Deutschen Ärzteblatts sagte
Flach: "Tabu ist beispielsweise die Züchtung von Menschen." Hinzu kommen große
ethische Bedenken auch anderer Politiker, dass der embryonalen Forschung weitere
embryonale Untersuchungen und schließlich Eugenik folgen könnten.
Der Mensch im Netz
In diese Diskussion hinein starteten Aktion Mensch und das Deutsche
Hygiene Museum in Dresden eine Ausstellung, die vom Recht auf
Unvollkommenheit berichtet: Der
(im-)perfekte Mensch. Die Adresse im World Wide Web ist einfach, aber genau:
imperfekt.de. Und imperfekt.de ermöglicht auch einen virtuellen Rundgang durch
die Ausstellung.
Seit Weihnachten ist die Ausstellung online. Am 20. Dezember 2000 öffnete sie
ihre Pforten, bis zum 31. August ist sie noch zu sehen. Bewußt wird dem
perfekten Menschen nicht der unperfekte, sondern der imperfekte
gegenübergestellt. "Die Vorsilbe "im-" kündet zwar von Widerspruch, entzieht
aber Titel und Thema der sprachlichen Ordnung und der Logik des bloßen
Entweder-Oder. Zugleich wird eine zeitliche Dimension eröffnet: Die stets
präsente, aber nie erreichbare Zukunfts-Utopie des "perfekten Menschen" zielt
immer zugleich auf die Überwindung des "alten Menschen", der vorwiegend als
"Mängelwesen" wahrgenommen wird." So heißt es auf der Website in der Einleitung
zur Ausstellung.
In den Mittelpunkt der Ausstellung stellen die Organisatoren Menschen, die
"im heutigen Sprachgebrauch als behindert gelten". Im Internet wird der Besucher
durch die verschiedenen Räume der Ausstellung in Dresden geführt. Die
Ausstellungen der Räume werden beschrieben, die Texte regen zum Nachdenken an.
Gleich in der Eingangshalle wird der Besucher mit der Realität konfrontiert:
"Sieben moderne Altäre (...) mit Leitidealen unserer Zeit: Schönheit,
Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Autonomie, Rationalität, Perfektion und
Genussfähigkeit." Im Internet kann der Besucher sich seinen eigenen virtuellen
(im-)perfekten Altar schaffen.
Nochmal Normal
Die Ausstellung ist nicht nur aufgrund der aktuellen Gentechnik Diskussion
hochaktuell. Auch der heutige "Fit For Spass" Körperkult lässt alles, was nicht
den Normen entspricht, schnell unnormal werden. Imperfekt.de fordert die Normalisierung. Im Sinne von Alt-Bundespräsident Richard von
Weizsäcker: "Es ist normal, verschieden zu sein."
Neben der virtuellen Besichtigung der Ausstellungsräume kann der Internetuser
aktiv an der Seite teilnehmen. Diskussionsforen laden ein. Altäre können gebaut werden. Virtuelle Postakrten mit Grüßen
im Alphabet Gehörloser können verschickt werden. Natürlich hilft zuvor ein Hometrainer bei der Erlernung des Gehörlosen-Fingeralphabets.
Die Website und die Ausstellung ist ein gelungener Anstoß, um neue Gedanken
in die aktuelle Diskussion um Gentechnik und Genmanipulation zu bringen.
Vorsicht ist geboten, wenn menschliches Leben aussortiert wird, weil der heutige
Embryo morgen vielleicht ein behinderter Mensch ist. Oder wenn Embryonen zu
Ersatzteillagern und nicht mehr zu Menschen werden. Oder wenn Wünsche zu
Menschen werden, die plötzlich alle nur noch blaue Augen und blonde Haare
haben.
Das menschliche Leben ist unvollkommen. Das ist menschlich. Aber nicht
unwert. Im Prolog der Ausstellung "Der (im-)perfekte Mensch" heisst es: Die
Anerkennung des (Im-)perfekt-Seins als einem Wesenszug des Menschen fördert eine
Kultur der Gelassenheit und Akzeptanz. Die Ausstellung möchte dazu anregen,
neben der weiteren "Erfindung" des Menschen doch zu seiner Entdeckung
zurückzukehren. "
Foto: Copyright liegt bei http://www.imperfekt.de