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Das Recht auf Unvollkommenheit

Das Recht auf die Unvollkommenheit des Menschen

Autor :  Nikolaus Röttger
E-mail: nroettger@e-politik.de
Artikel vom: 07.03.2001

In einer Zeit, in der die Genforschung in den Mittelpunkt rückt und Genmanipulation Realität wird, fordert eine Ausstellung in Dresden das Recht auf Unvollkommenheit des Menschen. Nikolaus Röttger über Den (im-)perfekten Mensch im Netz.


Die Welt sucht nach dem Geheimnis des menschlichen Lebens. Embryonen werden zum Zielobjekt der Forschung. Doch die embryonale Stammzellenforschung und das Klonen von Embryonen ist stark umstritten. Während das britische Parlament gerade erst letzteres bis zum 14. Tag erlaubt hat, ist in Deutschland genau darum ein Glaubenskrieg entstanden. Wann beginnt Leben? Dürfen Embryonen zur Forschung genutzt werden?

Während Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) der Ansicht ist, das Kriterium der Menschenwürde lasse sich nicht auf Embryonen ausweiten, sagt Parteikollege und Bundeskanzler Gerhard Schröder nur, er wolle eine Gentechnik ohne Scheuklappen. Schröder will erstmal einen Ethikrat. Zusätzlich zur bereits bestehenden Enquete-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin" im Deutschen Bundestag. Wohin die Bundesregierung in der Frage Gentechnik steuert, ist unklar.

Eigentlich weiß niemand, wie mit dem hochbrisanten Thema umgegangen werden soll. Nicht nur, dass Gen- und Biotechnik auch wirtschaftlich von immenser Bedeutung sind - schließlich wird der Branche eine rosige Zukunft prognostiziert - vor allem die Vorteile der Genforschung im Kampf gegen Krankheiten sind nicht zu übersehen.

Vor den Toren der Stadt

Gleichzeitig ist die Gefahr aber groß, dass künftige Menschen schon als Embryonen zu Ersatzteillagern für andere werden. Das Leben des Ersatzteillagers bleibt dabei im Reagenzglas stecken und landet im Müll. Gleich neben dem Leben, das vielleicht eine behinderte Zukunft vor sich hat - denn das wird nicht gewollt. Im alten Sparta wurden behinderte Menschen erst nach der Geburt entsorgt. Man setzte sie einfach vor die Tore der Stadt. Heute könnte das viel sauberer gehen.

Die Gesellschaft ist wieder mitten in einer Diskussion um Leben und Tod - wie auch bei der Diskussion um die Abtreibung. Nur geht der Eingriff in das Leben diesmal noch einen Schritt weiter und gibt der Diskussion eine neue Dimension: Menschen können nicht nur einfach abgetrieben werden. Mit der Gentechnik ist eine gezielte Menschenzucht möglich. Es wird nur gezeugt, was erwünscht ist.

Experten warnen davor. So die Deutsche Gesellschaft für Anthropologie. Vorstandssprecher Carsten Niemitz forderte, es dürften keine Embryonen "für therapeutische oder Forschungszwecke gezüchtet" werden. Gentest an Embryonen dürften vor dem Einsetzen in die Gebärmutter nicht zur Geschlechtswahl missbraucht werden. Auch Ulrike Flach von der FDP warnt. Sie ist Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Technikfolgenabschätzung. In einem Interview des "Deutschen Ärzteblatts sagte Flach: "Tabu ist beispielsweise die Züchtung von Menschen." Hinzu kommen große ethische Bedenken auch anderer Politiker, dass der embryonalen Forschung weitere embryonale Untersuchungen und schließlich Eugenik folgen könnten.

Der Mensch im Netz

In diese Diskussion hinein starteten Aktion Mensch und das Deutsche Hygiene Museum in Dresden eine Ausstellung, die vom Recht auf Unvollkommenheit berichtet: Der (im-)perfekte Mensch. Die Adresse im World Wide Web ist einfach, aber genau: imperfekt.de. Und imperfekt.de ermöglicht auch einen virtuellen Rundgang durch die Ausstellung.

Seit Weihnachten ist die Ausstellung online. Am 20. Dezember 2000 öffnete sie ihre Pforten, bis zum 31. August ist sie noch zu sehen. Bewußt wird dem perfekten Menschen nicht der unperfekte, sondern der imperfekte gegenübergestellt. "Die Vorsilbe "im-" kündet zwar von Widerspruch, entzieht aber Titel und Thema der sprachlichen Ordnung und der Logik des bloßen Entweder-Oder. Zugleich wird eine zeitliche Dimension eröffnet: Die stets präsente, aber nie erreichbare Zukunfts-Utopie des "perfekten Menschen" zielt immer zugleich auf die Überwindung des "alten Menschen", der vorwiegend als "Mängelwesen" wahrgenommen wird." So heißt es auf der Website in der Einleitung zur Ausstellung.

In den Mittelpunkt der Ausstellung stellen die Organisatoren Menschen, die "im heutigen Sprachgebrauch als behindert gelten". Im Internet wird der Besucher durch die verschiedenen Räume der Ausstellung in Dresden geführt. Die Ausstellungen der Räume werden beschrieben, die Texte regen zum Nachdenken an. Gleich in der Eingangshalle wird der Besucher mit der Realität konfrontiert: "Sieben moderne Altäre (...) mit Leitidealen unserer Zeit: Schönheit, Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Autonomie, Rationalität, Perfektion und Genussfähigkeit." Im Internet kann der Besucher sich seinen eigenen virtuellen (im-)perfekten Altar schaffen.

Nochmal Normal

Die Ausstellung ist nicht nur aufgrund der aktuellen Gentechnik Diskussion hochaktuell. Auch der heutige "Fit For Spass" Körperkult lässt alles, was nicht den Normen entspricht, schnell unnormal werden. Imperfekt.de fordert die Normalisierung. Im Sinne von Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker: "Es ist normal, verschieden zu sein."

Neben der virtuellen Besichtigung der Ausstellungsräume kann der Internetuser aktiv an der Seite teilnehmen. Diskussionsforen laden ein. Altäre können gebaut werden. Virtuelle Postakrten mit Grüßen im Alphabet Gehörloser können verschickt werden. Natürlich hilft zuvor ein Hometrainer bei der Erlernung des Gehörlosen-Fingeralphabets.

Die Website und die Ausstellung ist ein gelungener Anstoß, um neue Gedanken in die aktuelle Diskussion um Gentechnik und Genmanipulation zu bringen. Vorsicht ist geboten, wenn menschliches Leben aussortiert wird, weil der heutige Embryo morgen vielleicht ein behinderter Mensch ist. Oder wenn Embryonen zu Ersatzteillagern und nicht mehr zu Menschen werden. Oder wenn Wünsche zu Menschen werden, die plötzlich alle nur noch blaue Augen und blonde Haare haben.
Das menschliche Leben ist unvollkommen. Das ist menschlich. Aber nicht unwert. Im Prolog der Ausstellung "Der (im-)perfekte Mensch" heisst es: Die Anerkennung des (Im-)perfekt-Seins als einem Wesenszug des Menschen fördert eine Kultur der Gelassenheit und Akzeptanz. Die Ausstellung möchte dazu anregen, neben der weiteren "Erfindung" des Menschen doch zu seiner Entdeckung zurückzukehren. "

Foto: Copyright liegt bei http://www.imperfekt.de


   


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