Längst ist "Terrorismus" ein Modewort geworden, zugleich aber auch ein
Kampfbegriff. Weltweit bezeichnen sich Gegner - ob katholische und
protestantische Nordiren, Tschetschenen und Russen, Palästinenser und Israelis -
gegenseitig als "Terroristen". Zur Selbstbezeichnung, zur Darlegung eigener
Ziele und Motive taugt er indes kaum, der Begriff. Wie viel leichter spricht es
sich da vom Freiheitskampf oder vom Widerstand! Was also ist Terrorismus?
Definitionen
Terrorismus ist immer politisch motivierte und systematisch geplante Gewalt. Terrorismus geht von substaatlichen Gruppen aus und richtet sich gegen einen bestehenden politischen und gesellschaftlichen Zustand. Terrorismus ist ausgerichtet auf Veränderung.
Dies unterscheidet "Terrorismus" von "Terror". Terror ist von oben gesteuerte
systematische Gewaltanwendung durch staatliche oder staatsnahe Organe, die eine
bestimmte Ordnung erhalten soll. Den angeblichen "neuen internationalen Terror", wie in der Öffentlichkeit zuweilen zu hören, gibt es demnach gar nicht. Das ist sprachlich per wissenschaftlicher Definition falsch.
Terroristische Gruppierungen sind meist klein und vergleichsweise schwach,
gemessen am Potenzial des "feindlichen" Staates. So bleibt ihnen nur der Krieg
aus dem Untergrund, aus dem Hinterhalt.
Spiel mit den Emotionen
Terrorismus bedient sich der Emotionen, die durch Gewalt geweckt werden. Dazu
brauchen Terroristen vor allem Aufmerksamkeit. Terroristen geht es gar nicht in
erster Linie um die materielle Zerstörung, die sie anrichten - diese ist Mittel
zum Zweck. Es geht vielmehr darum, Angst, Schrecken und Verunsicherung in die
Gesellschaft zu tragen. Peter Waldmann, Soziologe und Terrorismus-Experte an
der Universität Augsburg spricht in diesem Zusammenhang von Terrorismus als
"Kommunikationsstrategie". Auch Opfer haben meist nur eine "mitteilende
Funktion" und werden ausgewählt wegen ihres Symbolwertes, weil sie leicht als
Vertreter eines Staates, einer Regierung, einer Volksgruppe, einer Konfession
identifiziert werden können. Im Falle der Terroranschläge vom 11. September eben als Vertreter der so genannten "westlichen Zivilisation".
Von Zielgruppen und Sympathisanten
Neben den Opfern gibt es immer eine Gruppe, ein Volk, eine
Religionsgemeinschaft, bei der durch terroristische Anschläge um Unterstützung,
um Sympathien geworben wird. Sie ist die Zielgruppe, deren Interessen die
terroristische Gruppe zu vertreten vorgibt. So geht die baskische ETA immer "für
das unterdrückte baskische Volk" gegen den spanischen Staat vor. Doch nicht
immer sind die Zielgruppen derart deutlich auszumachen. So bleibt vieles
ungewiss: Wessen Interessen vertrat die RAF - außer den eigenen - , für wen
sprechen die FARC in Kolumbien, die gewaltbereiten Islamisten im Nahen und
Mittleren Osten, die maoistische Guerilla in Nepal?
Provokation der Macht
Terroristen provozieren den mächtigen Staat und hoffen auf seine Reaktion, seine
Überreaktion. So wollen die Terroristen den Staat, vor allem den demokratischen
Rechtsstaat als maßlos, ungerecht, brutal, undemokratisch und letztlich
ablehnenswert entlarven und Widerstand entfachen. Dann ist außerdem die
Fortführung der Gewalt als "legitime Verteidigung" zu rechtfertigen und die
Spirale aus Aktion und Reaktion, aus Aggression und Repression nimmt ihren Lauf.
Dehnbar ist er also eigentlich nicht, der Begriff des Terrorismus. Und doch wird er widersprüchlich gedeutet, missinterpretiert, unachtsam verwendet, politisch instrumentalisiert. Daran wird sich - so ist zu vermuten, auch in Zukunft wenig ändern.
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