Professoren bauen eine Uni
Autor : Susanne Schulz E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 15.12.2002
Anfang September ist in Budapest die deutschsprachige, postgraduale Andrássy-Universität eröffnet worden. Sie soll ein Element der gegenseitigen Völkerverständigung und der Heranbildung deutschsprachiger Eliten in der EU sein. Von Susanne Schulz.
Die Andrássy-Universität, oder mit vollem Namen Andrássy Gyula Deutschsprachige Universität Budapest, bietet Postgraduierten insbesondere geisteswissenschaftlicher Studiengänge ein Aufbaustudium an. Es stehen drei Fakultäten zur Auswahl: Vergleichende Staats- und Rechtswissenschaften, Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Wirtschaft oder Diplomatie und Mitteleuropäische Studien.
Die Absolventen erwerben in dem zweijährigen Aufbaustudium umfassende juristische, ökonomische und diplomatische Kenntnisse und Fähigkeiten, die sie für Führungspositionen in der EU oder anderen Internationalen Organisationen (UNO, NATO), Nichtregierungsorganisationen oder Kulturinstituten (Geothe-Institut, Collegium Hungaricum) geeignet machen.
Zusammenwachsendes Europa
Bundespräsident Rau, der am 29. November mit seinem ungarischen Amtskollegen Ferenc Mádl zur Eröffnung angereist war, nannte die Andrássy-Universität in seiner Rede "ein eindrucksvolles und schönes Beispiel dafür, wie Europa zusammenwächst und wie die alten Traditionen des kulturellen Austausches wiederbelebt werden" genannt. Die Andrássy-Universität ist die erste deutschsprachige Universität, die nach dem Zweiten Weltkrieg außerhalb des deutschsprachige Raums eröffnet wird. Zuletzt wurde die Karls-Universität in Prag 1945 geschlossen. Nun lebt die Tradition der deutschsprachigen kulturellen Verständigung in Mittelosteuropa wieder auf. Gerade Ungarn ist dafür ein gutgewählter Ort, denn hier spielt die Sprache Deutsch eine ebenso wichtige Rolle wie Englisch.
Das erste Semester
Die Universität hat sich zum Ziel gesetzt, je zu einem Drittel Studenten aus dem deutschsprachigen Raum, aus Ungarn und aus dem ostmitteleuropäischen Raum zu gewinnen. Dieses Ziel ist momentan noch nicht erreicht - die Ungarn überwiegen. Dennoch sind Lehrkörper und Verwaltung Tag und Nacht bemüht, die hochgesteckten Ziele zu verwirklichen. Das erste Semester hat im September 2002 begonnen und gleicht noch einer Testphase. Das Festetics-Palais hinter dem Budapester Nationalmuseum, das dereinst die Universität beherbergen soll, ist mitnichten fertiggestellt, der Lehrplan erfährt während des Studienbetriebs noch einige Änderungen und keiner der Professoren hat einen eigenen Arbeitsplatz, geschweige denn ein Zimmer oder eine Sekretärin. Vielleicht ist das der Grund, weswegen jeder der Mitarbeiter mit Feuereifer durch den Raum des vorläufigen Büros eilt - denn alle machen hier alles: Der Kanzler schraubt nachts noch die Leisten für die Fotoausstellung im Palais an, damit am nächsten morgen die Herren Staatspräsidenten die Entstehungsgeschichte des denkmalgeschützten Gebäudes bewundern können. Die Professoren fahren in ihrer "Freizeit" quer durch Deutschland, Mittelosteuropa und den Balkan, um Studenten anzuwerben; und alle zusammen organisieren wöchentliche Länderabende und Ringvorlesungen in Budapest.
Interkulturelle Begegnungen
Während die aus Bayern, Baden-Württemberg und Österreich entsandten Professoren angestrengt versuchen Ungarisch zu lernen, um sich mit ihren ungarischen Kollegen nicht nur auf Deutsch unterhalten zu können, lernt der Großteil der Studenten von Spanisch bis Russisch alles. Alles, was der so genannten Europa-Kompetenz, die hier vermittelt werden soll, zuträglich ist, wird hier unterrichtet. Ein wichtiger Gedanke der Universität ist, dass sich die zukünftige Elite Europas hier aufeinander einstimmen kann, damit ein gemeinsamer kultureller Hintergrund entsteht. Ergänzt wird das volle Programm durch verschiedene Studienreisen. Zum Beispiel finanziert der DAAD einigen Studenten Mitte Dezember ein Reise nach Brüssel, wo interessante Vorträge und Besichtigungen auf die Studenten warten. Anders die Fahrt nach Sopron zur Weinprobe oder der gemeinsame Skiurlaub in der Winterpause - diese müssen selbst finanziert werden.
Eine familiäre Uni
Mit ihren derzeit 65 Studenten und 13 Professoren ist die Andrássy-Universität noch sehr übersichtlich. Doch in einem Jahr kommen mindestens noch einmal so viele Studenten hinzu, die dann ihrerseits mit dem ersten Studienjahr beginnen. So werden insgesamt rund 200 Studenten eingeplant. Bis dahin ist auch der Platz für sie geschaffen, denn dann sollte endlich einmal das neue Gebäude fertig sein.
Das Copyright des Bildes liegt bei der Andrássy-Universität. Das Foto zeigt unter anderem die Professoren Stefan Okruch und Klaus Beckmann mit dem Kanzler Bálint Szekér beim nächtlichen Bau der Fotoausstellung im neuen Palais.
Die Autorin ist derzeit Praktikantin an der Andrássy-Universität.
Informationen zu Studiengebühren und Stipendien sind auf der unten angegebenen Homepage der Universität ab Januar 2003 zu finden. Über Dozenten und Vorlesungsprogramm stehen bereits jetzt ausreichend Informationen zur Verfügung. Das Foto zeigt unter anderem die Professoren Stefan Okruch und Klaus Beckmann mit dem Kanzler Bálint Szekér beim nächtlichen Bau der Fotoausstellung im neuen Palais.
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Weiterführende Links:
Homepage der Andrássy-Universität
Deutschsprachige Budapester Zeitung Pester Lloyd
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