Zeitdokumente müssen nicht immer trocken serviert werden. Mit einem Grinsen lässt sich das alles viel leichter verdauen. Zehn Jahre Kabarett in Deutschland bedeuten zehn Jahre Kabarett über Deutschland. Volker Pispers hat schon viele(s) kommen und gehen sehen.
Als er 1983 sein erstes Soloprogramm Kabarette sich, wer kann vorstellte und sein Studium (Anglistik, katholische Theologie und Pädagogik) mit dem ersten Staatsexamen beendet hatte, da schickte sich gerade ein gewisser Helmut Kohl an Deutschland zu regieren. Zufall...? Die Antwort darauf ist nachzuhören auf der CD: Ein Wort ergab das andere. Das Beste aus 10 Jahren Solokabarett.
Die Scheibe ist von 1996. Die einzelnen Nummern darauf noch älter. Warum anhören? Um kurz aufzuschreien! Vor Lachen oder zumindest vor Wut. Denn: Es hat sich erschreckend wenig verändert. So wenig, dass man auch nach zehn Jahren noch einmal dieselben Nummern spielen kann. Genau das hat Pispers getan. Fünf Soloprogramme hat er von 1983-1993 geschrieben. Das "Beste" daraus ist auf diesem Tonträger zusammengefaßt.
Harmlos hinterhältig
Seinen grundlegenden Stil hat Volker Pispers über die Jahre nicht verändert. Er ist ihm treu geblieben, dieser Figur des freundlich und scheinbar harmlos daherredenden Conférenciers.
So plaudert er sich durch ein deutsches Jahrzehnt und zeigt sich dabei von seinen besten Seiten. Pispers ist nämlich nicht nur ein souveräner politischer Sophist, sondern auch ein hundsgemeiner "Voyeur" des Alltags. Nummern über die Herrentoilette, Ansichten eines Softiemachos, die alltägliche Telefonverwirrung bei der Abendplanung, Anrufbeantworterquerelen oder das Telefongespräch zwischen einer Mutter und ihrem Sohn, all das vermag der Mann aus Düsseldorf von seinem umgehängten Mäntelchen des Rituals zu befreien. Damit liegt der Kern - unsere äußerst amüsante menschliche Schwäche - frei und Pispers braucht nur noch anzuschubsen und das Gelächter kommt ins Rollen.
Natürlich kann sich der wortgewandte Kabarettist ein paar Spitzen gegen "aktuelles" Geschehen nicht verkneifen. So ist dann sowohl der Mittelteil der CD, als auch der krönende Schluß neues bzw. für 1993 aktualisiertes Material. Mit keinem Hauch von Wehmut läßt er die Regentschaft Helmut Kohls vorüberziehen, wedelt frech mit dem Mantel der Geschichte vor dessen Nase und zeigt dem lachenden Publikum die Löcher in der Strickjacke.
Hier bekommt die CD zeitgeschichtliche Qualitäten: "Hören sie endlich auf zu lachen - nehmen sie den Mann ernst", warnt Pispers - zwei Jahre vor der Bundestagswahl 1998 - und macht Mut zu Mut in der Wahlkabine. Im nachhinein: Es hat geholfen. Zumindest ein bißchen, denn das man in Deutschland nicht die "Qual der Wahl, wohl aber die Wahl der Qual hat", das wusste Pispers schon immer.
Haare in der Suppe
Möllemann, Blüm, FDP und Grüne kassieren ihre wohlverdienten Pflichtohrfeigen, aber auch "alte" Nummern über Kriegsberichterstattung, Umwelt, Waffenlieferungen deutscher Firmen wirken dank ungehemmter Aktualität und kongenialer Vortragsleistung wie "frisch gestrichen".
Ein Potpourri der deutschen Eitelkeiten verquirlt, gemixt und lächelnd serviert vom Chefkoch höchstpersönlich. Die Suppe, die wir Deutschen uns selbst eingebrockt haben. Genüßlich setzt Pispers sie uns vor.
Aber auch Sozialdemokraten dürften an der herben Kost zu schlucken haben. Werden sie doch an ihre fast vergessene Zeit vor Schröder erinnert. Eine Zeit in der Helmut statt Akten die Kanzlerkandidaten der SPD zum Frühstück verspeiste. Und das in einem Tempo, dass es manchem SPD'ler den Schweiß auf die Stirn trieb. Es sah düster aus im Hause Willy Brandts. Und Pispers leuchtet rückblendend mit der Taschenlampe in die Wunde.
An einer Sache konnte Pispers natürlich auch nicht vorbei: Der Deutschen Einheit. Besser zuhören hättet ihr sollen, ruft er seinem Publikum zu. Er hat Recht, die Drohung der Menschen aus dem Osten: "Wir kommen nicht als Freunde, wir kommen als Verwandte", hätten wir ernst nehmen sollen. Aber auch unsere Verwandtschaft hätte besser zuhören müssen - anstatt „Fahnen zu schwenken“. Denn: Wer Freiheit ruft, bekommt noch lange keinen Arbeitsplatz. Willkommen in der Demokratie. Und wer Fisch mag, hat noch lange keinen Spaß an den Gräten. Pispers schon. Er hat eine diebische Freude daran die merkwürdigste Attraktion vorzuführen, die die katholischen Kirche zu bieten hat: Den Blasiussegen. Was das mit Fisch zu tun hat? Reinhören und ungläubig staunen. Die katholische Kirche als Präventivverein. Pispers fletscht genüßlich die Zähne.
Fazit
Diese CD ist ein zeitloses Vergnügen. Teilweise erschreckend aktuell und mit einem süffisanten Volker Pispers, der wieder einmal Feingefühl für Pointen und Themen beweist. Politischer Überblick wechselt ab mit Alltagsbeobachtung. Überlegungen zur deutschen Volksidentität stehen wie selbstverständlich neben einem Telefonat mit Gabi. Intelligent, frech, rundum niveauvoll. Da fällt das Warten bis zum 20-jährigen Bühnenjubiläum im Jahre 2003 schwer, aber zumindest kann man sich die Zeit mit dieser CD stilvoll vertreiben.
Volker Pispers: "Ein Wort ergab das andere. Das Beste aus 10 Jahren Solokabarett"
Aufgenommen am 13.5.96 im JUTA Düsseldorf
ConAnima Verlag/ Eichborn Verlag
ISBN 3-931265-06-4
Programme von Volker Pispers (1983-1993)
1983 Kabarette sich, wer kann
1985 Hamburger - Speeseburger - Bundesburger
1986 Original oder Fälschung
1988 Meine Sorgen möchte ich haben
1992 In bester Gesellschaft
1993 Ein Wort ergab das andere
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