Die 33jährige Kirsten Wagenschein arbeitet als Fernseh-Reporterin und Zeitungsredakteurin, u.a. für die Berliner Zeitung Junge Welt. Die Junge Welt bezeichnet sich selbst als "einzige linke oppositionelle Tageszeitung Deutschlands".
Wagenschein will gegen die italienischen Behörden Rechtsmittel einlegen. In Italien droht ihr ein Prozess, u.a. wegen vermeintlicher Mitgliedschaft in der internationalen Organisation "Black Block". Wagenschein hält die Vorwürfe für absurd.
Ihr wurde ein Einreiseverbot nach Italien für die nächsten fünf Jahre erteilt.
e-politik.de: Welche konkreten Vorwürfe richten Sie gegen die italienische Polizei?
Kirsten Wagenschein: Ganz pauschal muss man leider sagen "Brutale Polizeigewalt". Die italienische Polizei hat in dieser Schule unschuldige Menschen, von denen meiner Meinung nach nichts an Aggressivität ausging, brutal zusammengeknüppelt und zusammengeschlagen.
e-politik.de: Inwieweit konnten Sie das selbst beobachten?
Kirsten Wagenschein: Ich selber habe mich - und das war wirklich so - in Todesangst in einer Besenkammer versteckt. Zuvor hatte ich mit anderen versucht, aus diesem Gelände zu verschwinden, als klar war, da kommen ganz viele Polizisten an. Es war eine sehr bedrohliche Situation. Ich habe Schreie gehört. Ich habe Schläge gehört und Polizistenstimmen "Don´t move, don´t move, it can be very dangerous if you move ...".
Ich bin - als ich entdeckt wurde - in die Halle geführt worden. Dort lagen 20 bis 30 zum Teil schwer Verletzte in ihrem eigenen Blut. Einige haben sich kaum noch bewegt.
Ich bin dann später mit anderen in ein Gefängnis gebracht worden. Und da konnte ich mich natürlich mit anderen unterhalten. Ich nehme diesen Leute ihre Schilderungen einfach mal ab.
Eine Frau hat mir zum Beispiel beschrieben, wie sie im ersten Stock auf einer Treppe stand und wie sie mehrmals Schläge mit Polizeiknüppeln gekriegt hat. Einer hat ihr dann schließlich mit einem Polizeischlagstock frontal ins Gesicht geschlagen, so dass ihr Kiefer gebrochen wurde und alle Schneidezähne rausbrachen. Ich habe das bei ihr auch gesehen.
e-politik.de: Sie waren ja als Journalistin und Pressevertreterin vor Ort. Wie sind Sie behandelt worden?
Kirsten Wagenschein: Ich bin nicht als Pressevertreterin behandelt worden. Ich war für den G 8-Gipfel akkreditiert, diese Akkreditierung hatte ich umhängen. Ich hatte meinen internationalen Presseausweis in der Hand. Ich habe sofort gesagt "Presse, Presse". Es wurde in keinem Fall jemals darauf reagiert. Die einzige Reaktion war zwischendrin mal ein Pfeifen durch die Zähne, so nach dem Motto "Ach, was haben wir uns denn da eingefangen ...".
Ansonsten wurde nicht reagiert. Das Ende vom Lied in der Schule war, dass mir irgendwann meine Dokumente abgenommen wurden. Ich bin dann quasi ohne Dokumente nach Deutschland zurückgereist.
e-politik.de: Offiziell wird der Polizeieinsatz gegen das Sozialforum damit begründet, dass sich der militante Schwarze Block dorthin zurückzog. Können Sie das bestätigen?
Kirsten Wagenschein: Ich habe nichts von einem Schwarzen Block gemerkt. Was ich gemerkt habe in dieser Schule, war ein bunt zusammengewürfelter Haufen von jungen Leuten, die an den Protesten teilgenommen hatten. Es war eine sehr entspannte Atmosphäre. Kein Schwarzer Block. Ich habe natürlich schwarze Kleider gesehen, aber ich habe genauso rote, gelbe und grüne Kleider gesehen. Das hatte also nichts mit einer Kommandozentrale des Schwarzen Blocks zu tun.
e-politik.de: Haben Sie vor Ort nach ihrer Verhaftung Rechtsbeistand bekommen?
Kirsten Wagenschein: Zunächst nein. Wir haben natürlich sofort darauf aufmerksam gemacht, dass wir unseren Anwalt gerne sprechen wollen und eine englische Übersetzung fordern. Uns wurde nichts dergleichen gewährt.
Wir waren ja nun einige Tage im Gefängnis. Erst nach vier Tagen durften wir dann endlich unseren Wahl-Anwalt benennen, aber nicht mit ihm telefonieren, was de facto eigentlich italienisches Recht ist. Übersetzung in englische oder deutsche Sprache gab es gar nicht.
e-politik.de: Wie bewerten Sie denn grundsätzlich die Polizeiaktion gegen das Sozialforum?
Kirsten Wagenschein: Das war eine Art Rachefeldzug. Was sehr bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass überhaupt nicht differenziert wurde. Ich zum Beispiel war ja als offizielle Journalistin akkreditiert. Mein Eindruck war, dass es jeden und damit eben auch jeden Journalisten so hätte träfen können.
Meine Vermutung ist, dass meine Dokumente verschwunden sind, weil dem Polizisten das sozusagen "zu heiß war", zu sehen, dass da auch offizielle Presse vor Ort war.
Foto: Philipp Nowack / e-politik.de
Hier geht es zum Überblick über das G8-Gipfel-Dossier bei e-politik.de.