Um den deutschsprachigen HipHop ist es in jüngster Zeit etwas ruhiger geworden - nach den zwei Jahren des kommerziellen Durchbruchs und ständiger musikalischer Quantensprünge in Sachen Reimfluss und Beatproduktion. Die derzeitige Stillephase deutet aber nicht, wie viele meinen, auf das Ende des Erfolgprojekts HipHop hin. Sie zeigt vielmehr, dass HipHop zum popkulturellen Alltag geworden ist und mittlerweile so selbstverständlich präsent sein kann wie viele andere Genres auch. HipHop ist eben auch Pop.
Die Stunde Null von deutschsprachigem Reggae
Dass dies für Reggae ebenfalls gilt, muss uns wieder die Eimsbush-Crew der Absolute Beginner und allen voran Frontmann Jan Delay zeigen.
Außer Bob Marley oder gar UB40 fällt hierzulande nämlich kaum jemanden etwas zu diesem Thema ein und eine qualitätsmäßig überzeugende Besetzung dieses Genres hat man bis vor kurzem innerhalb Deutschlands weitgehend vergeblich gesucht. Die Absolute Beginner, die uns mit ihren drei bisher veröffentlichten Alben einige der besten deutschsprachigen HipHop-Produktionen brachten, räumten ihrer Liebe zum Reggae und Dancehall schon immer Platz ein, ebenso wie die Hamburger Kollegen Dynamite Deluxe.
Mit der Veröffentlichung von "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" jedoch, überschritt Jan Delay, der näselnde Sprechsänger der Absolute Beginner, eine bisher unüberschrittene Grenze: Die hin zu originärem Roots-Reggae.
Im Fahrwasser der HipHop-Euphorie stieß er damit neue Räume für Popmusik auf und platzierte sich direkt in den Charts. Nebenbei schrieb Jan Delay mit dem Nena-Cover Stunde Null deutschsprachigen Reggaes und etablierte diesen umgehend in der Poplandschaft.
Mit seinem Debütalbum "Searching for the Jan Soul Rebels" knüpft er nahtlos an "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" an und geht mit zwölf lupenreinen und absolut auf den Punkt gebrachten Roots-Reggae-Tracks an den Start. Das unglaublich hohe musikalische Niveau der Produktionen überrascht nach den bisherigen Veröffentlichungen aus dem Eimsbush-Label-Umfeld und den bekannten Arbeiten von Produzent Mathias Arfmann (Kastrierte Philosophen) weniger als die mit viel Verve vorgebrachten politischen Texte.
Politische Räume in HipHop und Reggae
HipHop und auch Reggae haben ihre Wurzeln unter anderem im politischen Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse und genau diesen politischen Kontext belebt Jan Delay mit seinem Album wieder. Und das in einer Phase, in der deutschsprachigem HipHop auch von sich selbst heraus immer wieder Ausverkauf, Plattitüden und mangelndes Kritikpotenzial vorgeworfen wird.
Noch dazu von einem, der als Protagonist des Erfolgskonzepts HipHop angesehen wird, das allzu oft nur mit Kiffen und in den Knien hängenden Hosen verbunden wird.
Jan Delay führt auf intelligente und abgeklärte Art und Weise Inhalt und nie da gewesenen smoothen Rapflow zusammen. In einer musikalisch mitreißenden Reggaelandschaft erklärt er sich uns und fordert zum (politischen) Widerstand auf.
Er benennt offen und deutlich ihm sichtbare Missstände ("Nun kämpfen die Menschen nur noch für Hunde und Benzin; folgen Jürgen und Zlatko und nicht mehr Baader und Ensslin" aus: "Söhne Stammheims") und rechnet mit dem popkulturellen Diskurs im HipHop ab ("Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt"), ohne dabei den Zeigefinger zu heben und väterlich pädagogisch Ratschläge zu verteilen.
Vielmehr präsentiert Jan Delay unterhaltsam seine eigene Sicht der Welt und versteht es damit auch unpolitische Hörer anzustecken und herauszufordern.
"Searching for the Jan Soul Rebels" schickt sich damit an, eines der wichtigsten Pop-Alben diesen Jahres zu werden.
Jan Delay - Seraching for the Jan Soul Rebels
Musikstil: Reggae/HipHop
Label: Eimsbush / Buback
VÖ: 09.04.01
Cover von "Searching for the Jan Soul Rebels": Copyright liegt bei Buback Records
Tour:
Jan Delay & Sam Ragga Band
Denyo 77 feat: Illo & Minimusic
D-Flame & K.P. Crew
17.05. Wiesbaden - Schlachthof
18.05. Filderstadt - Philharmonie
19.05. Köln - Palladium
20.05. Dresden - Schlachthof
22.05. Berlin - Columbiahalle
23.05. Bielefeld - Stadthalle
25.05. Erlangen - Heinrich-Lades-Halle
26.05. Freiburg - Stadthalle
27.05. München - Reithalle