Als Steven Brill im Juni 1998 mit Brill’s Content ein neues Medienmagazin auf den amerikanischen Zeitschriftenmarkt brachte, fragte sich der interessierte Zeitgenosse, wie lange Brill dieses Projekt wohl am Leben erhalten könne. Die Antwort kam vor gut zwei Wochen: drei Jahre und vier Monate. Anfang Oktober verkündete Brill per Pressemitteilung, das Erscheinen seines Magazins unverzüglich einstellen zu wollen. 38 Mitarbeiter verloren noch am gleichen Tag ihren Job.
Dabei war Brill bis zu diesem Zeitpunkt ein innovativer und erfolgreicher Unternehmer gewesen. Zum einen gründete er mit American Lawyer eine angesehene und erfolgreiche rechtswissenschaftliche Publikation. Auch mit der Gründung von Court TV, einem Fernsehsender, Verhandlungen live aus dem Gerichtssaal übertrug, fand Brill Anfang der Neunziger Jahre eine Marktlücke. Als er das ganze Unternehmen einige Jahre später verkaufte, kassierte Brill kräftig.
Was war Brill’s Content?
Brill’s Content sollte sich nur den Medien selbst widmen und verstand sich als klassischer "watchdog" - ein Kontrolleur der Genauigkeit und Wahrhaftigkeit anderer Medien, seien es Fernsehsendungen, Zeitungen, Zeitschriften oder Online-Magazine. "Skepticism is a Virtue" war der selbstgewählte Untertitel des Magazins: Skepsis ist eine Tugend. So war Brill’s Content das erste Magazin, das sich öffentlich und offiziell dazu verpflichtete, alle Ungenauigkeiten, Irrtümer und Interessenkonflikte, auch die eigenen, bedingungslos offenzulegen. Ausdruck dieser journalistischen Haltung war die Einrichtung eines Ombudsmannes, dessen Kritiken der eigenen Magazinartikel unbesehen von der Chefredaktion von Brill’s Content gedruckt werden mußten.
Start mit einem Paukenschlag
Gleich das erste Heft sorgte für großes Aufsehen. Auf dem Höhepunkt der Impeachment-Debatte brachte das Magazin einen ausführlichen Bericht über die Rolle der Medien im Impeachment-Verfahren. Auch ein spektakuläres Interview mit dem Unabhängigen Ermittler Kenneth Starr sorgte in Washington für viel Wirbel. Brill’s Content fand nicht zufällig in einer Phase, in der sich viele Menschen angewidert von den Medien abwandten, große Aufmerksamkeit. Weitere Hefte widmeten sich der Krise von CNN, dem Einfluß des Pentagons auf die Militärfilme Hollywoods, einem Selbsterfahrungsbericht von der amerikanischen Ausgabe von "Wer wird Millionär?", sowie dem Aufstieg und Fall junger Internet-Enterpreneure.
Ein Ende wie so viele andere?
Man könnte das Ende von Brill's Content einreihen in die Liste anderer Internet- und Medienmagazine wie etwa den Industry Standard, der vor wenigen Monaten eingestellt worden ist. Auch deutsche Internet- und Medienpublikationen sind in den letzten Monaten in Schwierigkeiten geraten. Viele haben entweder dichtgemacht, erscheinen mit einem vollständig überarbeiteten Konzept oder stehen kurz vor dem möglichen Aus. Zu beispielen hierfür zählen Net-Business, der Kressreport oder der "e-Business"-Ableger der Wirtschaftswoche.
Doch scheint Brill's Content nicht aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Internet-Branche zum Aufgeben gezwungen worden sein. Immerhin hatte das Magazin Gerüchten zufolge noch in diesem Sommer mehr als 400 000 Hefte absetzen können. Das Problem waren vielmehr "unüberbrückbare Gegensätze" zwischen Brill und dem Verleger Primedia, mit dem er seit Beginn des Jahres zusammenarbeitete.
Aufbau und Ende eines Imperiums
Noch im Sommer sah für Brill und sein Magazin die Lage rosig aus. Da übernahm er das Online-Magazin Inside.com, einen Internetdienstleister für Film, TV, Bücher und Pressepublikationen. Zumindest diese Web Site soll nach dem Aus für Brill’s Content eingeschränkt weitergeführt werden, wenn auch nur mit Links zu den Publikationen der Primedia.
Zugleich lief eine weitere Brill-Internetseite erfolgreich: contentville.com, eine Art Dorfmarktplatz, wo man in Archiven, Zeitungen, etc. zugleich recherchieren und gleich dafür bezahlen konnte. Erstes Anzeichen einer Krise gab es im Frühsommer, als Brill ankündigte, die Erscheinungsweise seines Magazins von 10mal jährlich auf vierteljährlich umzustellen. So könnten mehr Anzeigen geschaltet werden, wie Brill im Editorial der Herbstausgabe 2001 schrieb. Die erste Ausgabe des Vierteljahrsheftes war jedoch zugleich die letzte; eine zweite Ausgabe wird nicht mehr erscheinen.
Was bleibt?
Nun, für den Medieninteressierten Leser bleiben die alten Fachjournale, vor allem der Columbia Journalism Review und der American Journalism Review. Auch wenn diese Journale nicht so publikumswirksam wie Brill's Content sein mögen, ein Mangel an Fakten bzw. an Seriösität dürfte dennoch nicht zu beklagen sein. Und von den früheren Autoren von Brill's Content werden wir sicher in Kürze bei anderen Magazinen lesen dürfen.
Foto: Copyright liegt bei Brill's Content.