Lange Zeit war es recht schlecht bestellt um die Selbstreflexion im HipHop-Lager Deutschlands. Und das, obwohl der Erfolg unvermindert hoch ist und mittlerweile die ursprünglich politische Dimension der HipHop-Kultur wieder zurückgekehrt ist. Samy Deluxe hat mit "Weck mich auf" gezeigt, wie damit sogar Preise der Plattenindustrie zu gewinnen sind.
Dies dient als kleines Indiz dafür, wie fundamental sich die Musiklandschaft Deutschlands in den letzten zehn Jahren verändert hat. Schon Anfang der 90er Jahre, kurz nach Rostock-Lichtenhagen kämpften viele HipHop-Künstler wie Advanced Chemistry musikalisch gegen Rassismus und Rechtsradikalismus in Deutschland. Sie blieben jedoch weitgehend ungehört und ihre Reime verhallten im subkulturellen Untergrund einiger Jugendclubs. Der Aufstieg von diesem Nischendasein bis zu den Charterfolgen dieser Tage, sowie die musikalischen und inhaltlichen Entwicklungen dieser Jugendkultur mussten nun einfach einmal versiert aufgedeckt werden.
Ein Teil der musikalischen Geschichte Deutschlands
Hannes Loh und Sascha Verlan haben sich dieser schwierigen Aufgabe angenommen und haben mit 20 Jahre HipHop in Deutschland diese Lücke der Geschichtsschreibung glänzend geschlossen. Die zwei HipHop-Aktivisten haben den Spagat geschaffen, einerseits eine durchaus kritische Analyse vorzulegen, andererseits jedoch nicht den Blick des Fans von innen heraus abzulegen und in soziologische Fremdbeschreibungen abzudriften. Diese wären nämlich einer vielschichtigen Darstellung nicht gerecht geworden.
Als Problem blieb jedoch bestehen, dass sehr viele der heutigen HipHop-Fans nun zwar viel über die Entwicklung von HipHop in Deutschland nachlesen, jedoch nur in selten Fällen nachvollziehen können, wie sich denn nun LSD, die Anarchist Academy oder auch die alten Sachen von Freundeskreis oder dem Rödelheim Hartreim Projekt anhören. Da die HipHop-Szene Anfang der 90er Jahre noch sehr überschaubar war, wurden entsprechend wenige Platten gepresst und sind heute nur sehr schwer zu bekommen. Sascha Verlan und Hannes Loh haben nun auch hier Abhilfe geschafft und den Soundtrack zum Buch vorgelegt, mit dem man nun auch mit Gehör und Herz HipHop in Deutschland von den ersten Gehversuchen bis heute nachfühlen kann.
Raps with attitude
Besonders eindrucksvoll vermögen die Zusammensteller dieser ausführlichen Doppel-CD ein differenziertes Bild von HipHop zu vermitteln. Dazu haben sie die Tracks nicht chronologisch, sondern thematisch - nach relevanten Diskursen - geordnet. Dadurch lassen sich die unterschiedlichen Strömungen und Bewegungen innerhalb der HipHop-Szene retrospektiv herauskristallisieren.
Hier begegnen wir natürlich vielen bekannten Konstanten im HipHop, wie etwa der Battle-Kultur oder dem Lokalpatriotismus. Jedem wird eine eigene Rubrik gewidmet und so darf dann beispielsweise Moses P eindrucksvoll über die Fantastischen Vier herziehen, die zuvor wortstark vorgelegt haben. Etwas weniger prominent in der öffentlichen Wahrnehmung als das bis vor einiger Zeit gerne praktizierte "Dissen", sind lokalpatriotische Hymnen. Dabei sind gerade sie immer wieder über die gesamte Zeitspanne zu finden.
Kinderzimmer Productions huldigen so "ihr" Ulm und die Massiven Töne die Mutterstadt Stuttgart. In Bezug auf die heutige Wahrnehmung des politisch aktivistischen HipHops, erscheinen die Kapitel über Gerechtigkeit, oder die Fremdheit im eigenen Land besonders interessant. Erstaunlich ist zu hören, wie sich die Themen damals und heute gleichen, vergleicht man etwa Advanced Chemistrys Klassiker "Fremd im eigenen Land" und Fresh Familees "Ahmet Gündüz" mit den Tracks von Brothers Keepers, Afrob oder Jan Delay. Klar, dass dazwischen musikalische Quantensprünge liegen - nicht produktionstechnisch, sondern vor allem auch in Bezug auf den Flow der Raps. Gerade deswegen, wegen diesem musikalisch fühlbaren Jahrzehnt ist es erschreckend wie wenig sich Deutschlands Verhältnis gegenüber Minderheiten verändert hat.
Immer noch Fremd im eigenen Land
Angesichts dieser bitteren politischen Bestandsaufnahme erscheint die Existenz von Vereinigungen wie die der Brothers Keepers besonders wichtig. Auf ihre heute bestehende mediale Wirkungskraft müssen die MusikerInnen setzen und diese auch ausnutzen. Vielleicht ist dann über eine junge Generation eine Veränderung der Ausländer- und Minderheitenpolitik in einem zusammenwachsenden Europa möglich.
Für solche Idealismen ist HipHop nach wie vor gesellschaftlicher Motor und ein scharfer Dorn im Auge konservativer Politiker. Gerade für diese ist 20 Jahre HipHop in Deutschland die richtige musikalische Antwort auf das verbreitete Lamentieren über die Politikverdrossenheit von Jugendlichen. Jedoch auch abseits der großen Politik im rein musikalischen Bereich, ist diese Compilation das Beste im HipHop-Bereich, was man erwerben kann. Einen so vollständigen Überblick über HipHop gab es nie, trotz einiger fehlender Acts wegen rechtlicher Probleme. Selbst für Fachleute bieten Hannes Loh und Sascha Verlan viele kleine Überraschungen und sei es nur diejenige, über die nicht gekannte Samplewut und Funkiness von HipHop-Tracks anno 1990.
Various Artists - 20 Jahre HipHop in Deutschland 1980 - 2000
Musikstil: HipHop
Label: Koch Records
Das Copyright für das Cover von "20 Jahre HipHop in Deutschland" liegt bei Koch Records.