Irritationen im Brotherhood
Ab und an greift er schon mal zum Staubwedel. Es soll ja immer schön funkeln auf seinem Kamin, meint Wyclef Jean lachend. Dort stehen die nigelnagelneuen Grammys, einer für die Produktion von Carlos Santanas Single "Maria", der andere für die des letzten Santana-Albums. Zusammen mit den beiden für die Fugees und dem für Whitney Houstons "My Love Is Your Love" macht das insgesamt fünf.
Wer einen solchen kommerziellen Erfolg hat, irritiert den Brotherhood. Aufstieg im Pop-Business heißt Verlust an Credibility, zumindest verliert man Anspruch auf Integrität in den Kreisen der selbsternannten Wächter der Hip Hop Community.
Der Widerspruch des amerikanischen Hip Hop
Wyclef Jean schert das wenig. Ein müdes Lächeln, das ist alles, was er für Rapper übrig hat, die ihn wegen seines Erfolges als Verräter denunzieren. Er hat recht. Der objektive Blick auf den Großteil der US-amerikanischen Rap Szene offenbart das Paradoxe an ihr. Wenn sie nicht über ihren Willy singen und dabei stets die Messlatte zitieren ("My one is bigger, give me pussy") werden gebetsmühlenartig die armen Homies bemitleidet. Man drückt auf die Tränendrüse, beklagt das Leben in den Ghettos der Großstädte, erklärt die USA kurzerhand zum faschistischen Polizeistaat und macht auf harten Robin Hood für die sozial Geächteten. Das verkauft sich gut.
Tatsächlich interessiert viele ´Gangsta` das soziale Milieu ihrer Zielgruppe überhaupt nicht. Man klinkt sich gerne in das Leben des amerikanischen Jetset ein und zieht auf sündhaftteueren Modeparties seine Kokain-Linie. Scheiß auf die Kids in den Straßen, hauptsache sie kaufen unsere Platten.
Das sei das wirklich Verachtenswerte an der Rap Gemeinde, kontert Wyclef Jean, der immerhin schon für Cypress Hill oder Bounty Killer an den Reglern saß.
Und so adressiert er mit "Thug Angels" aus seinem zweiten Solo-Album "The Ecleftic" den "growing vibe of materialism that flavors certain strains of Hip Hop" an alle Hip Hop Kollegen, die ihn dissen.
Wyclef Jean steht zu seinem Erfolg. Wohl auch, weil er nie mit dem falschen Kampf um Credibility und Hipness Geld verdiente.
"All music in one form."
1980 kam Wyclef Jean mit seiner Familie aus Haiti nach Brooklyn, wuchs neben Grandmaster Flash mit The Police, den Beatles und Van Halen auf. Und er blieb der karibischen Popmusik seiner Heimat treu, was vor allem durch seine Handschrift bei den Fugees unüberhörbar war. Clef hat sich keinem Musikstil verschlossen, bricht mit allen Gewohnheiten.
"All music in one form.", sagt er. Classic Rock, Ska, Breakbeats, Folk, Synthie Pop, Country, Dance und Reggae mischen sich auf "The Ecleftic" kunterbunt zu Hip Hop.
Die Politik des Wyclef Jean
Clef ist ein sozial engagierter Mensch, besitzt eine eigene Stiftung für haitianische Einwanderer. Keine Frage, er ist fest verankert in der Minoritäten-Subkultur, die sich der Elemente des Black Pride bedient ("Pullin´ Me In"). Nur, Wyclef Jean geht äußerst sensibel und bedacht damit um. Kein Rapper-Posing zum Selbstzweck für goldkettchenbehängte Straßenkämpfer. Bestes Beispiel ist seine über 7minütige Anklage gegen staatliche Gewaltexzesse in den USA. Zusammen mit dem Senegalesen Youssou N´Dour ("7 Seconds") erinnert er auf "Diallo" an Amadou Diallo, dessen Tod New Yorker Polizisten vorsätzlich verschuldeten. Eine meisterhafte, tief beeindruckende Reggae-Merengue-Ballade.
Das ist die eine Seite des Wyclef Jean, der klar politisch Stellung bezieht. Politisch aber ist Wyclef Jean vor allem, weil er musikalisch mit Tabus bricht.
Neben Whitney Houston gastiert ausgerechnet Kenny Rogers als Gast auf "The Ecleftic". Sein Megaseller "The Gambler" (1979) wird bei Wyclef Jean kurzerhand zum Hip Hop-Intro umgebastelt: Und so röhrt Rogers mit angerauhtem Bariton "You gotta count your dub plates before you touch the turntables ...". Grandios! Da wird ein alternder Country-Star, vormals bekannt für sein konservatives und "sentimentales Geseiere" (Stereo Review), zum Mitprotagonisten eines coolen Raps.
Das wäre fast so, als würde George W. Bush bei Rage Against The Machine mitsingen ...
Alles ausloten ...
"The Ecleftic" von Wyclef Jean ist ein echter Leckerbissen für aufgeschlossene Ohren, für Soul-Fans wie für Hip Hop-Freaks, für Rastas wie für Punks oder Rock´n´Roller (man lausche nur dem Cover von Pink Floyds "Wish You Were Here"). Mit viel Witz und Charme arbeitet Wyclef Jean ohne in die Banalität abzugleiten. Da müssen Versatzstücke aus "Livin´ la vida loca" genauso herhalten wie "Take me home, country roads":
"Weil ich keine Angst habe, überall hinzugehen, alles auszuloten und alles Erdenkliche zu tun", meint Clef.
Wir sind gespannt und warten auf das, was da noch kommen mag. Vielleicht ein neues Fugees-Album? Immerhin macht er Lauryn Hill und Pras Michel ein ganz besonderes Versöhnungsangebot, in Form eines Songs ("Where Fugees At"). Wyclef Jean ist eben auch rappender Charmeur.
Wyclef Jean - The Ecleftic
Musikstil: Hip Hop
Label: Columbia / Sony
VÖ: 21.08.00
Cover von "The Ecleftic": Copyright liegt bei Columbia / Sony