Stillgestanden, eingereiht!
Autor : Timour Chafik E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 05.05.2002
e-politik.de-Autor Philip A. Hiersemenzel forderte in einem Kommentar Saddam Husseins Sturz. Timour Chafik, ebenfalls Autor bei e-politik.de, antwortet nun auf den Kommentar. Ihm sind Hiersemenzels Argumente zu einfach.
Es gilt, sich einzureihen, in die Reihe derjenigen, die sich längst suhlen in dem propagandistischen Dreck der von der anderen Seite des Atlantik nach Europa gefegt wird. Ein eurozentristischer und vor allem mehr als einseitiger Kommentar von Philip A. Hiersemenzel!
Meinung? Schön und gut, aber bitte nicht vergessen, wie Saddam Hussein an die Macht kam. Und auch nicht die Worte von Madeleine Albright unter den Tisch fallen lassen. Die ehemalige Außenministerin der Vereinigten Staaten 1996 antwortete auf die Frage, was sie dazu sage, dass 500.000 irakische Kinder infolge des amerikanischen Wirtschaftsembargos gestorben seien: "Es war eine sehr schwere Entscheidung, doch der Preis ist, alles in allem, nicht zu hoch gewesen". Wir verdrücken eine Träne und erheben uns zum Szenenapplaus, aber das nur nebenbei.
Es geht um mehr, und damit um weniger
Es geht ihnen ja um mehr, den Catos des 21. Jahrhunderts. Um die Wahrung der freiheitlich-demokratischen Werte, die Befreiung eines ganzen Volkes, das seit Jahrzehnten von einem - und das meine ich ernst - skrupellosen Psychopathen regiert wird, und - o Wunder, o Zufall - um den Zugang zu ein wenig Öl. Damit geht es ihnen eigentlich um weniger, zieht man in Betracht, dass freiheitliche Werte höher anzusiedeln sind als ökonomische Interessen. Aber das ist eine Form der US-amerikanischen Bigotterie, die schon häufiger zu bewundern war.
Ich weiß, es langweilt, immer dieselben Argumente aufzureihen um damit zu versuchen, dir und den deinen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Da hört ihr ja nicht mehr hin, Nebensächlichkeiten eben. Ebenso nebensächlich ist die Frage, ob der Tod eines Menschen im "Tausch" gegen die Befreiung des irakischen Volkes gerechtfertigt sei. Natürlich ist er das, wegen mir lieber heute als morgen, wenn das Volk denn dadurch befreit würde. Erstaunlich übrigens, dass es die USA nicht eilt, wie die New York Times bekanntgab: erst Anfang 2003 soll die noch namenlose Operation beginnen - aber ich bin mir sicher, sie wird einen preisverdächtigen Namen, vielleicht "Saladin"?, tragen.
Operation "Saladin"
Mit der Operation "Saladin", wird sich nichts ändern, im Gegenteil: Die USA werden sich auf kurze Zeit von ihrem Energieproblem befreit sehen. Wer den Irak in dieser Zeit regieren wird, ist egal. Es wird jemand sein, der, selbstverständlich den Vereinigten Staaten hörig, jeden geringsten Widerstand im Kein ersticken wird. Mit Gewalt, aber lassen wir das.
Saddam Hussein wird durch seinen Tod zum Märtyrer, denn anstatt ihn legal zu entzaubern, werden Mythen ob seines Niederganges gesponnen. Und aus diesem Netz werden sie dann emporkommen, seine Klone. Viel beweglicher und wendiger werden sie sein, doch anstatt auch diese zu beseitigen wird wieder das Wort des "Machtvakuums" die Gazetten füllen: Geht jetzt nicht, wer soll denn für Stabilität in der Region sorgen?
Es gibt eine große Anzahl von Regimegegnern im Irak, die auf Seiten der "Allianz gegen den Hussein" mit, oder besser: unter den Amerikanern, ins Feld ziehen werden. Viele werden einen so genannten "freien Irak" nicht mehr erleben. Diesen schon heute todgeweihten Menschen gebührt unser aller Respekt, keine Frage. Doch auch die Überlebenden der Operation werden es nicht sein, die nach erfolgreicher, beinahe chirurgischer Operation, an den Schalthebeln der Macht sitzen. Sondern Strippenzieher, die des eigenen Vorteils willen die US-amerikanische Politik durchzusetzen versuchen.
Ein Volk am Tropf wird nie stehen können
"Warum der Terrorismus nur ein Symptom ist" - so hat die indische Schriftstellerin Arundhati Roy ihren vielbeachteten Artikel nach den Anschlägen des 11. September betitelt. Selbst Ulrich Wickert, wir erinnern uns, hat daran Gefallen gefunden und flink George W. Bush mit Osama bin Laden verglichen. Arundhati Roy aber schrieb einen Satz, der mir gut gefällt, und über den es nachzudenken lohnt:
"Könnte es sein, dass die finstere Wut, die zu den Anschlägen führte, nichts mit Freiheit und Demokratie zu tun hat, sondern damit, dass amerikanische Regierungen genau das Gegenteil unterstützt haben - militärischen und wirtschaftlichen Terrorismus, Konterrevolution, Militärdiktaturen, religiöse Bigotterie und unvorstellbaren Genozid (außerhalb Amerikas)?" Versucht darüber nachzudenken, dass ein Volk am Tropf der USA bisher noch nie in der Lage war, auf eigenen Füßen zu stehen und sich vom Krankenbett des Terrorismus, der Konterrevolution, des Bürgerkriegs erholen konnte.
Bild: Copyright liegt beim CIA-World Fact Book
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Weiterführende Links:
Der Kommentar von Philip A. Hiersemenzel
Leserkommentar
von
Günter Kirstein
am 15.03.2003
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Frieden für Hussein
Frieden ist das höchste Gut, darüber gibt es wohl unter denkenden Menschen keine Diskussion. Problematisch wird diese Selbstverständlichkeit beim Umgang mit menschenverachtenden Diktatoren. Was hätte wohl das Naziregime noch alles anrichten können, wenn es nicht von den Alliierten mit Gewalt beseitigt worden wäre? Gibt es vielleicht in solchen Ausnahmefällen doch eine Rechtfertigung für Präventivkriege?Mordende Diktatoren lassen sich durch gutes Zureden nicht eliminieren.Ein metastasierendes Krebsgeschwür muß operiert werden.
GünterKirstein
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