Brief der Gemeinde Ismaning an das Landratsamt München (11.11.00)
Verstoß gegen das Ladenschlussgesetz; mitternächtlicher
Verkauf des Harry-Potter-Buches
Sehr geehrte Damen und Herren,
in Beantwortung Ihres zwei Tage nach Halloween verfassten
Schreibens
ist mitzuteilen, dass in der Gemeinde Ismaning kein entsprechender
Verstoß festgestellt wurde.
Allerdings besteht der begründete Verdacht, dass möglicherweise
nach dem fraglichen Ereignis Gedächtniszauber Verwendung gefunden hat; dies
ergibt sich aus folgenden Anhaltspunkten:
Einige in der Nähe der Buchhandlung wohnende Gemeindebürger
beobachteten Personen mit langen Umhängen, und es wurde in der Nacht verstärkter
Eulenflug festgestellt.
In einem Papierkorb vor der Buchhandlung wurde eine leere Tüte von
"Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung" gefunden.
Anlässlich der Sperrzeitkontrolle bemerkten Mitglieder der
örtlichen Polizeiinspektion in einem der Buchhandlung benachbarten Lokal ein bisher
unbekanntes Getränk, das eindeutig als Butterbier identifiziert werden
konnte.
Ein in der Nähe der Buchhandlung abgestelltes Motorrad wurde von
Angehörigen der gemeindlichen kommunalen Verkehrsüberwachung kontrolliert;
als Halter wurde Mr. Sirius Black, Askaban, England, ermittelt.
Am frühen Morgen des 14. Oktobers beobachtete ein Mitglied der
örtlichen Jagdgenossenschaft im Ismaninger Moos einen Spaziergänger mit einem
ungewöhnlichen Tier. Der ausführlichen Schilderung nach dürfte es sich um den
Wildhüter Rubeus Hagrid mit seinem Hypogreif gehandelt haben.
Gleichwohl muss insgesamt festgehalten werden, dass niemand einen
Verstoß gegen das Ladenschlussgesetz bestätigen kann. Selbstverständlich hat
die Gemeinde Ismaning Maßnahmen getroffen, dass auch künftig ein Verstoß
der angefragten Art verhindert werden wird:
Wegen besonderer Wichtigkeit der Angelegenheit hat der Erste
Bürgermeister unter Abkürzung des Dienstweges gleich direkt mit dem zuständigen
Zaubereiministerium Kontakt aufgenommen. Mr. Arthur Weasley, Mitarbeiter im
Zaubereiministerium, Abteilung Missbrauch von Muggelartfakten, bestätigte
fernmündlich gegenüber dem Ersten Bürgermeister, dass die von den Muggel
veranstaltete Werbekampagne nicht im Sinne von Zauberern und Hexen ist. Auch von
dort aus bestehen Bestrebungen, vergleichbare Aktionen zu unterbinden!
Deshalb dürfte es angezeigt sein, nachdem das Landratsamt ohnehin gegenüber der
Regierung berichtet, darauf hinzuweisen, dass möglicherweise eine
abschließende Lösung auf Ministerebene denkbar ist. In besagtem Telefonat teilte Mr.
Weasley auch "streng vertraulich!" mit, dass sich der
Zaubereiminister, Mr. Cornelius Fudge, persönlich um die Angelegenheit bemühe.
Allerdings möchte Minister Fudge im Gegenzug erreichen, dass auch bei den Muggel das
höchst beliebte Spiel Quidditch eingeführt wird. Eine informelle Anfrage
zur Ausrichtung eines ersten Quidditch-Spieles an die Gemeinde Ismaning wurde
an den FCI weitergegeben, der sich dieser neuen Sportart gegenüber offen
zeigte. So wurde bei der Gemeinde beantragt, für den Ankauf von 14 Besen die
notwendigen Mittel im nächsten Haushalt einzuplanen. Die betragsmäßige
Bezifferung des Antrags war allerdings bis heute nicht möglich. Nachdem die erste
Mannschaft des FCI in der Bayernliga spielt, kommt selbstverständlich nur der
Ankauf eines "Nimbus 2000" in Frage; die anderen,
preisgünstigeren Modelle sind abzulehnen. Die anhaltende Euro-Schwäche hat allerdings
noch nicht erlaubt, den Umrechnungskurs in Galleonen, Sickel oder Knuts zu
fixieren. Nachdem auch die Kreissparkasse München-Starnberg keinen Umtausch
vornehmen konnte, wird sich der Kämmerer der Gemeinde nach London in die
Winkelgasse begeben, um persönlich mit einem zuständigen Kobold von Gringotts zu
verhandeln.
Als Spielfeld kann leider der Hauptplatz des FCI in Ismaning an
der Lindenstraße nicht verwendet werden. Durch die umstehenden Häuser sind die
Spieler im Flug beengt. Auch steht zu befürchten, dass die Klatscher beim
Verfehlen eines Spielers Fensterscheiben einschlagen. Schließlich könnte sich
der Schnatz in den Isarauen verstecken, sodass mit einer Spieldauer von
mehreren Wochen, gar Monaten zu rechnen wäre. Bei diesem Ministergespräch
beabsichtigt Mr. Cornelius Fudge, gegenüber dem bayerischen Staatsminister des
Innern auch darauf hinzuweisen, dass das neue Münchner Stadion im
Olympiagelände keinesfalls in der jetzt gefundenen "Kompromiss-Form" gebaut
werden sollte: Es ist damit zu rechnen, dass Quidditsch, wie in Zauberer-
und Hexenkreisen, sich alsbald größter Beliebtheit erfreuen wird. Andererseits
ist die aus dem Jahre 1972 vorhandene Konstruktion des Daches keinesfalls
geeignet, einem Klatscher aus dem Jahr 2000 hinreichenden Widerstand
entgegenzusetzen; das Dach dürfte früher oder später einstürzen. Schließlich kann
aus fachlich kompetenter Sicht das geplante Stadion keinesfalls als
"Hexenkessel" bezeichnet werden, weil es für das einzig hexenmäßig
interessante Spiel, Quidditsch, ungeeignet ist. Um einen echten Hexenkessel zu
errichten, wird angeboten, dass Mrs. Minerva McGonagall, stellvertretende
Schulleiterin von Hogwarts, an den Architektengesprächen beratend teilnimmt. Mrs.
McGonagall war es schließlich auch, die als Hauslehrerin von Gryffindor
diese Mannschaft nach mehreren Jahren zum Quidditsch-Meister in Hogwarts
gebracht hat.
Die englische Quidditsch-Mannschaft würde mit dem Hogwarts-Express
anreisen. Bei dieser Gelegenheit konnte seitens der Gemeinde auch in Erfahrung
gebracht werden, dass sich besagter Zug derzeit im Großraum München
aufhalten dürfte. Unter Ausnutzung des Ärmelkanal-Tunnels ist der Express auf das
Festland übergesetzt. Dies dürfte auch der Grund für die ständigen, seitens
der Bundesbahn unerklärlichen Verspätungen der S-Bahn sein! Eine Sichtung des
feuerroten Zuges war bisher, wohl auf Grund der kräftigen Rauchentwicklung,
nicht möglich. Sobald der Express im Ismaninger S-Bahn-Tunnel einfährt,
wird unter Einschaltung der örtlichen Feuerwehr versucht, ein Foto vom Zug
anzufertigen. Möglicherweise muss jedoch der S-Bahn-Tunnel erst um ein
zusätzliches Viertelgleis erweitert werden.
Aus alledem mögen Sie erkennen, dass die
Gemeindeverwaltung das "Harry-Potter-Symptom" sehr ernst nimmt;
zu gegebener Zeit, insbesondere bei Erscheinen von Band fünf, können weitere
Erkenntnisse übermittelt werden. Sollten andere Gemeinden im Landkreis
München nicht über vergleichbare detaillierte Erkenntnisse verfügen oder Sie den
Eindruck haben, Ihnen werde nicht die volle Wahrheit übermittelt, mögen Sie
sich vertrauensvoll an Mr. Dobby, den gequälten Hauselfen der Familie
Malfoy, wenden. Trotz des finsteren Charakters seines Besitzers, der nach wie vor
mit "Sie-wissen-schon-wem" zusammenarbeitet, hilft Dobby gerne weiter, zumindest, solange sein Meister nicht in der Nähe ist (hierauf wäre zu achten).
Michael Sedlmair
Erster Bürgermeister
Ismaning
Foto: Copyright liegt bei der Gemeinde Ismaning