Im Jahr 1998 trat der Kandidat der Konservativen, Andrés Pastrana, mit der einfachen Losung "No más guerra" ("Kein Krieg mehr") zu den kolumbianischen Präsidentschaftswahlen an. Und er gewann. Selbst die Guerillabewegungen FARC und ELN hatten ihn schon frühzeitig als ihren "Favoriten" bezeichnet, es herrschte Aufbruchstimmung im ganzen Land. Bereits im Wahlkampf hatte Pastrana vor allem eines demonstriert: Gesprächsbereitschaft.
Sogleich im Anschluss an seine Amtsübernahme reiste der Präsident im August 1998 zu einem symbolträchtigen Treffen mit dem FARC-Kommandanten Manuel Marulanda in den kolumbianischen Urwald. Es folgten Gespräche zwischen hochrangigen Regierungsvertretern und Abgesandten der Guerilla-Gruppen und im November 1999 erzielten die FARC ihr langjähriges Ziel: die Einrichtung einer "Entmilitarisierten Zone" als Rückzugsgebiet für die verhandelnden Guerilleros. Dort verzichtet der kolumbianische Staat auf seine Hoheitsrechte. Diese Zone, im Volksmund Farclandia genannt, umfasst etwa 41.000 Quadratkilometer und liegt in Zentralkolumbien.
Die USA und der Plan Colombia
Gleichzeitig bemühte sich Andrés Pastrana um Hilfe aus den USA. Mit Erfolg: bereits bei seinem ersten Besuch in den Vereinigten Staaten im September 1999 sagte die amerikanische Clinton-Regierung dem kolumbianischen Präsidenten 1,5 Milliarden US-Dollar Finanzhilfe zu. So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass Pastrana just diesen Besuch in den USA wählte, um seinen Plan für Frieden, Wohlstand und Stärkung des Staates, kurz Plan Colombia, vorzustellen.
Für was steht dieser angeblich in enger Zusammenarbeit mit US-Militärberatern ausgearbeitete Plan? Zum einen forderte er die Schaffung neuer Arbeitsplätze, die Stärkung der Justiz, die Förderung von rentablem Produktanbau im Agrarsektor sowie weit reichende Verbesserungen im Gesundheits- und Bildungswesen. Zum anderen spricht er von "Befriedung", "Drogenbekämpfung" und "Nationaler Verteidigung". Darunter ist die Modernisierung von Polizei und Armee zur Wiederherstellung des staatlichen Gewaltmonopols gemeint.
Das Stocken des Friedensprozesses
Doch schon bald nach der Verkündung geriet Pastrana ins Kreuzfeuer der Kritik. Vor allem aus den mächtigen Kreisen der Armee hieß es, der Präsident habe es von Anfang an versäumt, den Guerilleros Bedingungen zu stellen. Insbesondere die Einrichtung der "Entmilitarisierten Zone" lehnten die obersten Militärs des Landes strikt ab. Um die zunehmend kritischen Militärs zu besänftigen, erlaubte er zum Beispiel Militärflüge über die "Neutrale Zone". Dies war jedoch nicht Teil der Vereinbarung mit den FARC gewesen, die im Gegenzug vorübergehend die Verhandlungen abbrachen.
Außerdem beschuldigten die Guerilleros den Präsidenten, er habe lediglich die marode kolumbianische Armee sanieren wollen. Und in der Tat flossen rund 70 % des US-"Hilfspakets" alleine in die "Nationale Verteidigung". Diese Aufrüstung hatte die fatale Folge, dass nun auch Paramilitärs und Guerilla-Bewegungen versuchten, ihre Kampfesstärke zu erhöhen - mit Erfolg. Zugleich verfolgte die Guerilla von Beginn an eine undurchschaubare Doppelstrategie aus Gesprächen einer-, Entführungen, Erpressungen, Überfällen und so genannten Strafexpeditionen andererseits.
Das Scheitern
Ende 2001 machte die Armeeführung dem Präsidenten unmissverständlich klar, sie werde dem Treiben der Guerillas nicht mehr lange tatenlos zusehen. Auch internationalen Vermittlern gelang es in der zunehmend aufgeheizten Situation nicht mehr, die Konfliktparteien zu einem Ende der Gewaltaktionen zu bewegen. Ein in die Enge getriebener Pastrana ließ daraufhin Truppen in die Nähe von Farclandia vorrücken, gleichzeitig versuchte er jedoch in einem letzten Kraftakt, die FARC ultimativ zu erneuten Verhandlungen aufzufordern, an deren Ende am 7. April 2002 ein Waffenstillstand stehen sollte.
Als Antwort jedoch entführte die Guerilla-Bewegung die Präsidentschaftskandidatin und ehemalige Senatorin Ingrid Betancourt, die Vizepräsidentschaftskandidatin Clara Rojas, die Senatorin Martha Catalina Daniels, mehrere Abgeordnete, einen Provinzgouverneur und mehrere hochrangige Geistliche. Daraufhin musste Pastrana - laut Meinungsumfragen mit der Unterstützung von rund 90 % der Kolumbianer - sein endgültiges Scheitern eingestehen und gab den Befehl, die "Neutrale Zone" mit Militärgewalt zu räumen.
Ob und wann es angesichts dieser Entwicklungen wieder zu Verhandlungen kommen wird, ist mehr als ungewiss. Fest steht nur: der Friedensprozess, auf den viele Kolumbianer 1998 noch große Hoffnungen setzten, ist endgültig gescheitert. Wieder einmal sind Waffen stärker gewesen als Worte. Und wieder einmal haben sich diejenigen durchgesetzt, die im Falle eines dauerhaften Friedens und einer Umgestaltung der Verhältnisse in Kolumbien um ihre Macht bangen.
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