Undercover im US-Strafvollzug
Autor : Bert Große E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 19.04.2003
Ein New Yorker Journalist hat Undercover im Hochsicherheitsgefängnis Sing Sing recherchiert. Zwischen 1891 und 1963 ist Sing Sing als Hinrichtungszentrum landesweit berüchtigt. Insgesamt 614 Menschen finden hier den Tod. Im Jahr nach der Recherche hat das
Das Leben im Gefängnis kennen die meisten nur aus dem Fernsehen. Hollywoods bunte Bilder variieren vom unmenschlichem Vollzug a la "Die Flucht von Alcatraz", oder dem Versuch, den Menschen im Häftling zu entdecken, wie in "Brubaker", bis zur eindringlichen Anklage gegen die Todesstrafe in "Dead Man Walking".
Ted Conover, New Yorker Journalist, stieß bei seiner Recherche über den Beruf der Vollzugsbeamten auf eine Mauer aus Schweigen und Zensur. Im Versuch das Leben hinter den Mauern zu ergründen, trat er unter einem Decknamen in den Justizdienst ein. Sein Experiment, angelegt auf ein Jahr, sollte das Verhältnis von Häftlingen und Wärtern offen legen und ergründen, was den Job für die Beamten so hart macht, dass nur ein gutes Drittel die reguläre Rente erreicht.
Impressionen aus der Hölle
Der erste Tag in Sing Sing ist für Conover der Besuch im Vorhof der Hölle. Ein Eindruck, der sich in den folgenden Monaten verfestigt. 2.300 Häftlinge und 750 Wärter leben in der Festung am Ufer des Hudson Rivers, die seit mehr als 175 Jahren in Betrieb ist. Zwei völlig überfüllte Blocks beherbergen Mörder, Diebe und Dealer; ihr Leben verläuft strengstens reglementiert. Regelverstoß durch die Häftlinge wird mit Einzelhaft oder Besuchsverbot bestraft. Bandenkriege und Messerstechereien mit selbst gebauten Waffen sind an der Tagesordnung. Die Drogenquote ist enorm.
Die Aufgabe des Vollzugsbeamten Conover besteht in der Sicherstellung der Gefängnisordnung. Wachdienst, Eskorten und vor allem der gefürchtete Galeriedienst gehören zu den täglichen Pflichten. Als Galeriebeamter ist es an ihm, auf jeweils einer Etage für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Meist steht er allein gegen 60 bis 90 Gefangene, bewaffnet nur mit Schlagstock, Regelbuch und Funkgerät. Als Vertreter der verhassten Staatsmacht ist er Blitzableiter der Häftlinge und lebt immer mit der Gefahr des körperlichen Angriffs. Mit Exkrementen beworfen, beleidigt und verhöhnt zu werden, ist an der Tagesordnung.
Menschen und Gefangene
Als Journalist versucht Conover in den Monaten seines Dienstes, hinter die Fassade der Häftlinge zu schauen. Die Ergebnisse sind erschreckend. Überwiegend gehören sie ethnischen Minderheiten an, sind Mitglieder der amerikanischen Unterschicht und Wiederholungstäter. Für Schwarze oder Latinos aus den New Yorker Armenvierteln ist die Haftstrafe oft Bestandteil des Lebens. Vor allem die Entscheidung, Drogendelikte immer mit Gefängnis zu bestrafen, ließ die Häftlingszahlen in den letzten 25 Jahren geradezu explodieren.
Ted Conover vermittelt ein ungeschöntes Bild über das harte Leben hinter den Mauern. Ihm gelingt es, beide Seiten, Häftlinge und Wärter, fair darzustellen, und dabei die Menschen hinter den Uniformen zu sehen. Der Bericht verfällt dabei nicht ins idealistische, Conover muss schmerzhaft erfahren, dass er von Raubmördern und Vergewaltigern umgeben ist.
Seine Abrechnung mit dem US-Justizsystem fällt hart aus. Wegsperren statt Rehabilitierung, größere Gefängnisse statt Bildung und sozialer Sicherheit für die Unterschicht sind seine Vorwürfe. Die Unterhaltung mit einem Häftling öffnet ihm die Augen. Darauf angesprochen, dass die Regierung, größere Gefängnisse für die Zukunft konzipiert, versucht er die Position zu verteidigen. Den Vorwurf, dass der Staat die Kinder, für die diese Haftanstalten einst sein werden, bereits aufgegeben hat, statt in ihre Bildung zu investieren, um sie vor der Kriminalität zu bewahren, kann er nicht entkräften. Ted Conover ist ein beeindruckendes Buch gelungen. Es bleibt zu hoffen, dass es einen Denkprozess anregt.
Ted Conover
"Vorhof der Hölle, Undercover in Sing Sing"
(2001), Reinbek, Rowohlt Verlag,
ISBN 3-489-00922-2, 400 S., 24,90 Euro
Das Copyright liegt beim Rowohlt Verlag.
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