„Soldaten sind vorbeimarschiert / die ganze Kompanie / Und wenn wir groß sind, wollen wir / Soldat sein so wie sie / Gute Freunde, gute Freunde / gute Freunde in der Volksarmee / Sie schützen unsre Heimat / zu Land, zur Luft und auf der See.“
Das Lied aus dem Lesebuch der zweiten Klasse der DDR-Schulen ist nur eines von vielen Beispielen, die zeigen welches Ziel die sozialistische Schulerziehung verfolgte.
Nicht nur ideologische Indoktrination im Sinne des Marxismus-Leninismus stand an oberster Stelle des Lehrplans an DDR-Schulen. Die Wehrbereitschaft sollte von Kindesbeinen an als selbstverständlich anerzogen werden. Deswegen wurden schon im Kindergarten Patriotismus und Feindbilder in den Köpfen der Kinder aufgebaut. Es gab Lerneinheiten, die das Basteln von Landesfähnchen vorschrieben und den Feind, der das Elternhaus überfallen will, ins Spiel brachten. Neben dem normalen Sportunterricht in den Schulen wurden auch noch Handgranatenweitwurf und das Überwinden von Hindernisbahnen geübt.
In allen anderen Unterrichtsfächern fand sich ebenfalls immer wieder die thematische Anbindung an die „sozialistische Wehrerziehung“ (SWE). Zum Beispiel in Form von mathematischen Textaufgaben.
Theoretische Untermauerung der Aggression
Doch Hauptinstrument der politisch-ideologischen Beeinflussung war der Geschichts- und Staatsbürgerkundeunterricht an den Schulen. Hier wurden die für die Wehrbereitschaft notwendigen theoretischen Grundlagen der marxistisch-leninistischen Ideologie vermittelt und das „sozialistische Geschichtsbewusstsein“ eingeimpft. Die Geschichte in den Lehrbüchern der DDR verfolgte die vorgeschriebenen Stationen des Marxschen Histomat (Historischer Materialismus). Sie veranschaulichten, dass die Menschheit schon immer zweigeteilt war: in eine Gruppe von Unterdrückern und eine von Unterdrückten. So war das schon in der „ersten Klassengesellschaft im alten Orient“ (Geschichte, 5. Klasse) bis zum zweiten Weltkrieg, der die „allgemeine Krise des Kapitalismus“ darstellte (Geschichte, 9. Klasse). Sodann wurde die hohe Aggressivität der „BRD“ und der USA vorgeführt.
Krieg als Schulfach
1978 wurde das Fach Wehrkunde als Pflichtfach an den Schulen für die Klassen 9 und 10 eingeführt. Es sollte systematisch auf die Anforderungen des Wehrdienstes vorbereiten. In der 9. Klasse umfasste der Unterricht vier Doppelstunden zu Fragen der sozialistischen Landesverteidigung und eine zwölftägige Wehrausbildung für Jungen in Lagern. Dabei lernten sie das militärische Tarnen und Täuschen, mit Gewehren umzugehen und erhielten eine Nahkampfausbildung.
Mädchen mussten derweil einen siebentägigen Lehrgang in Zivilverteidigung belegen – ebenfalls in Lagern. Bei ihnen lag der Schwerpunkt des Lehrprogramms mehr im Bereich der Sanitäterausbildung. Das begleitende Lehrbuch „Zivilverteidigung Klasse 9“ zum Beispiel versuchte den Schülern ein Gefühl realer Bedrohung zu vermitteln, indem es die „hohe Aggressivität der Imperialisten“ und deren „unmenschliche Methoden der Kriegsführung“ erörterte. Letzten Endes diente diese Unterrichtstaktik dazu, den Hass der Jugendlichen auf den „imperialistischen Feind“ zu steigern. Hass auf den Klassenfeind war ein offiziell gewolltes Ziel der ideologischen Erziehung in der DDR. Er wurde als gerecht empfunden, weil der Marxismus-Leninismus den sozialistisch-revolutionären Krieg gegen die imperialistische Bedrohung als gerecht definierte.
Einbindung in paramilitärische Verbände
Unterstützt wurde die SWE durch die paramilitärische Gesellschaft für Sport und Technik (GST) sowie die Thälmannorganisationen Junge Pioniere, Thälmannpioniere und Freie Deutsche Jugend (FDJ). Sie hatten die Aufgabe, „... alle Kinder und Jugendlichen zur Liebe und Achtung gegenüber den Soldaten der NVA, der Sowjetarmee und der Armeen der sozialistischen Verteidigungskoalition ...“ zu erziehen, so das Kleine Politische Wörterbuch der DDR. In der ersten Klasse wurde man schon durch den Klassenverband Mitglied der Jungen Pioniere und in der vierten Klasse Mitglied der Thälmannpioniere. In der achten Klasse trat man der FDJ bei. Die FDJ war per definitionem die „Kampfreserve der SED“.
Gewaltsame Konfliktlösung als Lernerfolg
Die Wehrerziehung führte unter anderem möglicherweise zu der Ansicht, Konflikte mit Gewalt lösen zu können und einer erhöhten Tendenz, sich Autoritäten kritiklos anzuschließen. Doch trotz der angepassten Jugend der DDR in den 80er Jahren und den zahlreichen Werbekampagnen der FDJ, erfreuten sich NVA und Polizei keiner großen Beliebtheit bei der Berufswahl.