Tagebuch einer Magisterkandidatin - Folge 6
Autor : e-politik.de Gastautor E-mail: redaktion@e-politik.de Artikel vom: 06.09.2002
Neben dem Schreiben der Magisterarbeit, lauern auch die Gefahren der Bewerbung um einen Job auf die Magisterkandidatin Joyce Mariel. Heute nur für Mädchen.
Das habe ich jetzt von meinem Emanzipationsgetue. Normalerweise bin ich doch gar nicht so. Was ist mit mir passiert? Normalerweise halte ich Frauenzeitschriften für Zeitverschwendung. Normalerweise ist schon mancher Mann an meinem Mundwerk verzweifelt, wie ich aus vertrauenswürdigen Quellen weiß. Normalerweise hege ich tiefe Verachtung für jedes Weibchen, das ihren hübschen Kopf nur darum hat, damit es ihr nicht in den Hals regnet. Und jetzt? Ich hatte einen ersten Termin für ein Bewerbungsgespräch, von dem ich mir für meine postuniversitäre Karriere viel versprach. Und was schoss mir als erstes durch den Kopf? "Oh Gott, was ziehe ich nur an?" Mein Freund Thomas war mir bei der Entscheidung eine unglaublich große Hilfe; riet er mir doch geschmacklich versiert, "Klamotten" anzuziehen. Und so war ich allein mit der Frage nach dem richtigen Outfit. Und dass dies eine wohlüberlegte Antwort erfordert, erscheint doch wohl klar. Wie heißt es doch so schön? Kleider machen Leute.
Kleidung, die die Qualifikation betont
Versteht mich jetzt nicht falsch; ich habe weder einen begehbaren Kleiderschrank, noch jage ich jedem Trend nach. Für mich ist die Frage "What´s hot and what´s not?" nicht weltbewegend. Nur müsst ihr mir wohl zustimmen, wenn ich behaupte, dass man allein durch Auftreten eine Botschaft rüberbringen kann. Und - siehe oben - Kleider machen Leute machen Botschaften. Für den Termin hieß sie "Stell! Mich! Ein!" Dumm nur, dass der Knopf am "Stell!" fehlte, das "Mich!" war in der Wäsche und "Ein!" konnte man unmöglich bei diesem Wetter anziehen. Und da beginnt das weibliche Selbstbewusstsein bei der altbekannten Aktion mit dem Namen "Ich reiße alles was ich habe aus meinem Schrank und versuche es irgendwie zu kombinieren" langsam aber sicher zu bröckeln wie schlecht aufgetragenes Makeup. Dabei ist alles ein so einfacher Dreisprung: Schuhe passen zu Klamotten und die passen zur Kriegsbemalung. Letztendlich konnte ich mich für eine Schurwolle-Nadelstreifenkombi entscheiden. Was macht es schon, wenn ich bei schwülen Temperaturen schweißgebadet bei meinem Vorstellungstermin ankomme.
Und da sind wir auch schon beim nächsten Problem. Wie schafft man es, die "Stell!-Mich!-Ein!"-Botschaft auch verbal rüberzubringen? Wie schafft man es, dem Personalverantwortlichen klar zu machen, dass hier die Erfüllung aller seiner Angestelltenträume zur Tür hereinkommt? Richtig, man betont dezent seine Qualifikationen. Die Kunst dabei ist, zu wissen, auf welche Stärken es dem Gegenüber ankommt. Leider stellt sich das erst im Laufe des Gespräches heraus, wenn man nicht gerade Kontakte zur italienischen Mafia pflegt. Mit einem "Luigi, finde alles über ihn heraus" wäre man manchmal wirklich leichter dran. So hätte ich zum Beispiel auch erfahren, dass für den Job, auf den ich gehofft habe, Kenntnisse der russischen Sprache in Wort und Schrift unbedingte Voraussetzung waren.
Drei Typen von Personalverantwortlichen
Wirklich sicher kann man nur bei der Einschätzung der Grundkategorien von Personalverantwortlichen sein.
Da gibt es zum einen den Typ A, ich nenne sie die "Mach-mir-das-erstmal-nach"-Frau. Ich habe mich mal bei einer PR-Agentur als Volontärin auf Teilzeitbasis beworben, die von einer Typ-A-Dame mittleren Alters und riesengroßer Arroganz geführt wurde. Das Vorstellungsgespräch bestand eigentlich nur daraus, dass sie mir von ihrer Unternehmerherkunft (Baubranche), ihrem Elite-Studium (Princeton) und ihrer eigenen Schaffenskraft (2-Frau-Betrieb) erzählte. Und leider gibt es Typ A öfter als man denkt. Die weibliche Variante wird dadurch noch gefährlicher, weil sie an einer jüngeren Angestellten die eigene Vergangenheit (verflossene Jugend) erkennt. Die männliche hingegen ist harmloser, solange man sie nicht in ihren "Mein Haus, mein Auto, meine Yacht"-Höhenflügen stört. Die werden erst gefährlich, wenn sie herausfinden, dass man selbst fähiger ist als sie.
Typ B ist der Auf-die-Probe-Steller. Mit ihm oder ihr ist es so ähnlich wie mit Odysseus an den Klippen von Skylla und Charybdis. Umschifft der Bewerber die Klippen vor ihm, so ist er mit im Boot. Wenn nicht, soll er weiter auf seiner Schiffsplanke auf dem offenen Meer herumtreiben. Der Klippenparcours beginnt meistens bei der Frage, ob man etwas trinken möchte. Wobei ich bis heute nicht verstanden habe, weshalb manche Personalchefs auf Bewerber stehen, die die Frage immer verneinen. Hey, so eine Schurwolle-Jacke ist heiß im Juli! Meistens hilft bei Typ B, selbst Köder auszulegen und so den Spieß einfach umzudrehen.
Typ C, der "Was-willst-Du-schon"-Personalchef ist mit Typ A verwandt, zumindest was die Arroganz betrifft. Der Geheimtipp, um mit solchen Wesen klarzukommen, ist Geduld und gespielte Naivität, was wiederum für männliche Bewerber weniger zu empfehlen ist. Und so kann man ihm (ich habe bisher noch keinen weiblichen Typ C kennen gelernt) geduldig über die Studienordnung für Politikwissenschaftler aufklären, wenn mal wieder der Nutzen dieses Faches in Frage gestellt wird. Diese Strategie empfiehlt sich übrigens auch für spätere Gehaltsverhandlungen.
Gott sei Dank war ich an eine D-Type geraten: nett, verständnisvoll, interessiert und voll des Lobes über meinen bisherigen Lebenslauf. Leider wurden wir uns nicht in vollem Maße handelseinig. Aber sie schaut mal, was sie für mich in meinem heißen Jackett so tun könnte.
Hat sie mir beim Rausgehen versprochen. Sympathisch, wirklich sehr sympathisch.
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