Es sind die gleichen Bilder wie damals aus Bagdad. Grünlicher Horizont durchbrochen von kleinen hellen Blitzen.
Mit zwei kleinen Unterschieden:
Erstens, die Qualität der Bilder - so sie sich bewegen - ist miserabel. Und zweitens, was im Golfkrieg CNN war, ist in Kabul im Oktober 2001 Al-Dschasira (=Die Insel).
Al-Dschasira sendete am 7. Oktober um 18.27 MEZ die ersten Aufnahmen der Tomahawk-Attacken auf Kabul. Erst in den Nahen Osten, dann mit Hilfe von CNN in die ganze Welt. Wenig später strahlte Al-Dschasira ein Video von Osama bin Laden aus. Die Hetze des Terroristen als archivierte Ohrfeige gegen die USA. Mediale Punktlandung.
Widerspenstiger Kanal
Al-Dschasira verfügt über beste Kontakte zu Osama bin Laden. Nicht erst seit den Terroranschlägen auf die USA. Schon in seinem Gründungsjahr 1996 baute Al-Dschasira ein feines Korrespondenten-Netzwerk auf. Mit hunderten Informanten in allen islamischen Ländern. Der Deal mit Osama bin Laden dürfte für Al-Dschasira eine Gratwanderung sein. Immerhin ist der Sender alles andere als ein fundamentalistisches Sprachrohr. Im Gegenteil, Al-Dschasira gilt als liberaler arabischer Fernsehsender.
Al-Dschasira wurde im November 1996 gegründet und siedelte seine Zentralredaktion ausgerechnet auf einem Fleckchen namens Doha an, der Hauptstadt des kleinen Katar am Persischen Golf. Das hatte seinen Grund: Hamad bin Khalifa Al-Thani, der Emir des Scheichtums, förderte den widerspenstigen Kanal. Der 47-jährige, der seinen Vater 1996 in einem unblutigen Palastputsch stürzte, wollte sich als Musterreformer der Region profilieren.
CNN zahlt Millionen
So löste er das Informationsministerium auf, eine Zensurbehörde, die in keinem arabischen Land fehlen darf. Für Hamad hatte das Wagnis einen schönen Nebeneffekt. Katar, das vorher nicht viel mehr als das Helgoland des Arabischen Meeres war, tauchte häufiger in den Medien des Nahen Ostens auf als je zuvor. Keine Werbeagentur hätte auch nur annähernd den gleichen Effekt erzielt.
Der Emir streckte das Startkapital von rund 140 Millionen Dollar für die ersten fünf Jahre vor. Jetzt sieht es so aus, als könne sich der Sender dank seiner Afghanistan-Berichterstattung refinanzieren. CNN und andere Networks weltweit zahlen für das Aufschalten auf den Wüstensender Millionen.
Ein wütender Jassir Arafat
Al-Dschasira ist populär und darf dafür auch gerne anecken. Der Emir sieht´s gelassen. Hauptsache es rentiert sich... und er selbst kommt ungeschoren davon. Al-Dschasira ist der einzige arabische TV-Sender, bei dem sich die Redakteure auf den Ethos des angelsächsischen Journalismus berufen. Kein Wunder: Die Kernmannschaft besteht aus Journalisten des arabischen Auslandsdienstes der BBC. Insgesamt 60 Journalisten sind in der Zentrale in Doha beschäftigt. 27 Auslandskorrespondenten berichten aus den wichtigsten Hauptstädten Arabiens, aber auch aus Washington, Moskau und Kabul.
Tabus gibt es bei Al-Dschasira keine. Halb Arabien guckt gespannt in die Glotze, wenn sich irakische Emigranten über den Kurs gegen Saddam Hussein streiten, wenn eine jordanische Frauenrechtlerin mit einem konservativen Ägypter über die "Vielweiberei" diskutiert und ein Jassir Arafat ob der kritischen Fragen des Reporters erzürnt das Gespräch beendet. Anstatt Staatspropaganda und orientalischen Seifenopern wird über Demokratiedefizite, die Verfolgung Andersdenkender und den Islam diskutiert.
Keine Zensur
Der Sender steht eindeutig hinter der Sache der Palästinenser. Das hält ihn aber nicht davon ab, israelische oder amerikanische Politologen zu interviewen. Zensur findet nicht statt. Auch nicht bei Osama bin Laden - obwohl man sich im Sender der Problematik durchaus bewusst ist, sagt Moderator Faisal Al-Kasem in einem Interview mit der New York Times. Und verweist auf CNN, BBC und alle anderen Stationen, die das Logo von Al-Dschasira mit ihrem eigenen überblendet haben, wenn Osama bin Laden aus seinem gebirgigen Versteck spricht.
In spätestens zwei Jahren will Al-Dschasira seinen zweiten weltweiten Satellitenkanal starten. In englischer Sprache. Die Chancen stehen heute besser denn je.
Logo: Copyright liegt bei Al-Dschasira
Hier geht es zum Überblick über das e-politik.de Dossier "Der Krieg in Afghanistan".