Als Oliver Neuville in der 88. Minute den Siegestreffer erzielte, brach der Kanzler in Jubel aus und mit ihm die gesamte Republik. "Das Tor war herrlich heraus gespielt," sagte er hinterher und verschwieg, was offensichtlich war: Unsere Fußballer haben wieder einmal viel Glück gehabt.
Trotzdem ist das Urteil des Kanzlers klar: "Ein verdienter Sieg der deutschen Mannschaft". Denn Glück gehört immer dazu und kann dem Glücklichen kaum vorgeworfen werden. Das muss dem Kanzler sympathisch sein, denn es erinnert ihn an seine eigene Lage: Die Zeit läuft ab und ein Sieg der SPD bei der Bundestagswahl ist so wahrscheinlich, wie die Chance unserer Fußballer, das Halbfinale zu erreichen. Nicht unmöglich, aber schwierig.
Nur weil die Umfragewerte des Kanzlers selbst so gut sind, ist eine Wette auf den Sieg Stoibers mit einem gewissen Restrisiko verbunden. Doch ein Fußballspiel lehrt, dass vor allem am Ende, wenn der Gegner in seiner Siegesgewissheit unkonzentriert wird, die Fehler passieren. Denn eines ist sicher: Schröder beherrscht es ebenso wie Stoiber, blitzschnell Themen zu besetzen und für sich auszunutzen.
Jüngstes Beispiel: Bildung. Der Kanzler hält eine Rede, die schon deswegen als historisch eingestuft wird, weil es sie in solcher Form zuvor nicht gegeben hat. Und er verspricht Geld für Ganztagesschulen, damit "Bildung nie wieder ein Privileg für Reiche" wird. Dabei ist die Bildungsdebatte eine, die sich seit Bekanntgabe der Pisa-Studie vergleichsweise langsam entwickelt hat. Andere Debatten brechen über die Politiker herein wie Unwetter. Dazu gehört mit Sicherheit der Müllskandal der Kölner SPD.
Jüngst erwirkte die Staatsanwaltschaft Köln drei Haftbefehle gegen Schlüsselfiguren des Kölner Entsorgungs-Klüngels. Neben dem Unternehmer Hellmut Trienekens kamen der mächtige Sozialdemokrat Norbert Rüther und der Altsozi Karl Wienand hinter Gitter. Die Vorwürfe sind bekannt: Bestechung, Beihilfe zur Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung. Mit aller Macht versuchen die Genossen, den Skandal von der SPD abzuhalten. "In Köln geht es nicht um Parteispenden, sondern um den Verdacht auf kriminelles Handeln", sagt NRW-Ministerpräsident Wolfgang Klement.
Schlimm genug: Rüther war immerhin Vorsitzender der SPD-Fraktion im Kölner Rathaus und einer der großen Strippenzieher des Kölner Klüngels. Und die Machenschaften sagen schon jetzt einiges aus über die moralische Integrität der politischen Spitzenkräfte in der Rhein-Metropole aus. Kaum zu leugnen sind engen Verflechtungen, die es Leuten wie Rüther erst ermöglichten, bei Auftragsvergaben mit am großen Rad zu drehen.
Zwar haben Wirtschaftsprüfer gleich nach Bekanntwerden des Skandals Anfang März die Kassen der Kölner SPD durchleuchtet und nichts Verdächtiges gefunden. Doch es stehen noch mindestens zwei Millionen Mark aus, die bisher nirgends aufgetaucht sind - weder auf den Privatkonten der Verdächtigen, noch in den Kassen der SPD. Selbst eine Summe von 300 0000 Mark, deren Existenz Rüther schon zugegeben hat, sind bisher verschwunden. Die Wahlkampfstrategen in der Kampa können nur Stoßgebete zum Himmels schicken, dass das Geld nicht doch noch in den eigenen Kassen auftaucht.
Denn selbst wenn der Skandal auf die Domstadt beschränkt bleibt, wird der Medienzirkus so groß sein, dass alle weiteren Themen im Hintergrund bleiben und am Ende der Eindruck haften bleibt: Korruption = SPD. Sollte die Staatsanwaltschaft allerdings erst einmal in Ruhe ermitteln und in den nächsten Wochen keine weiteren Details ausgraben, könnten die Genossen noch einmal davon kommen. Glück gehört eben auch in der Politik dazu.
Der CDU zumindest wird es schwer fallen, ohne Zutun der Ermittler die Aufmerksamkeit auf die Skandale der SPD zu lenken. Satte 21 Millionen Euro an Staatszuschüssen müssen die Christdemokraten wegen ihres inhaltlich fehlerhaften Rechenschaftsberichtes zurückzahlen, entschied das Berliner Oberverwaltungsgericht. Für die CDU kann sich das Stillhalten in diesem Fall nur auszahlen. Denn sie kann sicher sein, dass auf den Fausthieb des Gerichts wegen der Spendenaffäre kein weiterer mehr folgt. Die Ermittlungen in diesem Fall sind weitgehend abgeschlossen.
Kein Wunder, dass Edmund Stoiber nach dem Fußballspiel gegen Paraguay nicht weniger gut gelaunt als der Kanzler aus seinem Haus in Wolfratshausen trat und den Journalisten mitteilte: "Ich bin begeistert von dieser Mannschaft. Ich bin überzeugt, dass wir nun alle Chancen auf das Endspiel haben." Das Endspiel, das er meint, findet allerdings erst am 22. September statt.
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