Ganz sicher ist dies nicht das letzte Buch, das über die DDR und ihren Alltag geschrieben wurde. Der Historiker Stefan Wolle beginnt mit einem sehr ausschweifenden Prolog, in dem er sein Anliegen erläutert. Es folgen sieben Teile und ein Epilog. Schon beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses merkt man, dass der Verfasser wohl alle Bereiche des Alltags und der Herrschaft in der DDR irgendwie bedienen wollte, von der "Partei als Mutter der Masse" über politische Witze, Kirche im Sozialismus und Kleinanzeigen, auch "Liebe, Sex und Zärtlichkeit" fehlt als Überschrift nicht.
Die "heile" Welt und deren fröhliche Aufarbeitung
Eine Diktatur ist nicht heil, doch es ist durchaus legitim, einen ironischen Titel zu wählen, für eine Erzählung oder einen Roman beispielsweise. Das Buch soll "ein Stück des fröhlichen Kampfes gegen die Macht des Vergessens" sein. Spaßig sind tatsächlich viele Schnappschüsse aus dem DDR-Alltag, mit denen das Werk illustriert wurde. Ehemalige DDR-Bürger zumindest werden herzhaft darüber lachen, ebenso wie über einige der Geschichten. Doch manches, was wir lesen, ist keineswegs spaßig.
Der Ton macht die Musik
An Mißtönen fehlt es in dem Werk wahrlich nicht. Selbstverständlich darf der Leser auch provoziert werden, um ihn zum Nachdenken anzuregen. Doch der Autor vergreift sich manchmal arg im Ton. So charakterisiert er Honecker auf Seite 52 als "langweilig, phantasielos usw." Das mag sein. Dann folgt sogleich starker Tobak: "... dass jedes Volk die Regierung besitzt, die es verdient ..." und schließlich die Feststellung: "Aber sie haben ihn verdient", also die Ostdeutschen?
Doch kein Deutscher konnte sich 1945 die Besatzungsmacht aussuchen. Und nicht alle 17 Millionen konnten bis 1961 in den Westen gehen. Spricht hier der aus politischen Gründen im Jahre 1972 relegierte Student? Zu "Kontrolle der Öffentlichkeit" lesen wir auf Seite 152: "Die Gesellschaft der DDR war bis ins Innerste vergiftet." Zu beweisen versucht der Autor diese sonderbare These mit allgemein bekannten Stasi-Geschichten.
Von "Goldbroilern" und "Schweinsaugen"
Mit lockerer Feder werden viele Geschichten zum DDR-Alltag festgehalten. So wird von "zähen Goldbroilern" und "fetter Margarinetorte" berichtet, die den NVA-Soldaten aufgetischt wurden, wenn Honecker kam. Doch zu "Broilern" wurden auch in der DDR keine alten Suppenhennen verarbeitet, sondern industriell gemästete junge Hühner, die keineswegs zwingend zäh waren.
Unerwartet sachlich sind die Ausführungen zum "Waffenhandel": Mörderische Kriegswaffen sind für bestimmte Leute, auch für "Waffenschieber", reine Handelsware, mit der viel Geld verdient wird. Doch die Tatsache, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten der DDR auf diesem Gebiet geradezu lächerlich gering waren im Vergleich zum Waffenexporteur BRD, wird natürlich nicht erwähnt.
Auf die unlösbaren Wirtschaftsprobleme der DDR wird immer wieder eingegangen. Aber eine komplexe Erklärung, warum die Planwirtschaft und DDR-Ökonomie nicht funktionieren konnte, sucht man vergebens. Statt dessen werden auch hier viele pauschale Aussagen getroffen, die inhaltlich nicht selten schlicht falsch sind. Nur ein Beispiel: Dass "trotz Dumpingpreisen niemand auf dem Weltmarkt auf die Produkte aus volkseigenen Betrieben wartete", ist Unfug, denn Erdölprodukte, gewonnen aus sowjetischem Rohöl, und andere Rohstoffe, wie Kali usw. wurden in großen Mengen gern in Westeuropa zu durchaus normalen Marktpreisen abgesetzt.
Fakten, Dichtung und Wahrheit
Informationsgehalt und Stil wechseln häufig von Kapitel zu Kapitel. Was beispielsweise zu den Blockparteien oder dem FDGB ausgeführt wird, ist sachlich und informativ, um auch positive Beispiele zu nennen. An vielen Stellen haben sich aber mehr oder minder kleine Fehler eingeschlichen. Dass für die DDR-Bürger nach 1972 die Devisen für die CSSR und Polen bei Einführung des visafreien Grenzverkehrs sofort kontingentiert waren, stimmt einfach nicht. Zloty konnte man immer bei der Staatsbank zum überbewerteten Kurs, günstiger jedoch auf dem polnischen Schwarzmarkt erwerben. Wir finden auch keine Erklärung dafür, warum es immer wieder zu Problemen beim Reiseverkehr zwischen den RGW-Staaten kam. Die Bäcker in der DDR haben ihre Brötchen tatsächlich für 5 Pfennige verkauft, aber nicht mit "Verlust", sie erhielten dafür Subventionen. Die Liste der kleinen Fehler und Oberflächlichkeiten ließe sich beliebig erweitern. Die Mitgliedschaft in der SED war keineswegs zwingende Voraussetzung für die Auswahl der Reisekader. Zu solchen Themen hätte man vom Autor wegen seiner Tätigkeit nach 1990 mehr sachliche Hintergrundinformationen erwarten dürfen.
Bei vielen Abschnitten des vorliegenden Werks hat man das Gefühl, dass "offene Rechnungen" mit dem DDR-Regime beglichen werden sollen. Leuten, die nicht in der DDR gelebt haben, oder jungen Menschen, die an sachlicher politischer Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit interessiert sind, kann dieses Werk jedoch nicht empfohlen werden.
Stefan Wolle: "Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971 - 1989"
Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), Schriftenreihe Band 349, Bonn, 2. durchgesehene Auflage 1999, 423 Seiten
gratis bei Bezug über die BpB zuzüglich Porto
ISBN 3-89331-349-4