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e-politik.de - Home  Brennpunkt  Politik in Deutschland   Zuwanderung und Ausweisung


Da ist nichts zu machen... - vorläufige Chronik einer Ausweisung

Autor :  e-politik.de Gastautor
E-mail: redaktion@e-politik.de
Artikel vom: 20.03.2002

In München unerwünscht- im Kosovo chancenlos. Jeden Monat werden Tausende Kosovo-Albaner ausgewiesen. Gazmend Ibrahimis Geschichte steht stellvertretend für das Schicksal vieler seiner Landsleute. Ein Artikel von Jan Lindemann.


‚...Herr Ibrahimi erledigte seine Aufgaben stets mit äußerster Sorgfalt und größter Genauigkeit. Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Gästen war stets einwandfrei. Herr Ibrahimi muss am 12. März 2002 Deutschland verlassen. Wir bedauern sein Ausscheiden zutiefst. Wir bedanken uns für seine Mitarbeit und wünschen ihm alles Gute für die Zukunft.' - Arbeitszeugnis Kunstpark Ost

Fromme Wünsche, eine hervorragende Beurteilung. Aber Gazmend Ibrahimis Zukunft liegt im Kosovo. Gewalt, Willkür und Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung sind dort noch immer an der Tagesordnung.

Im Herbst 1996 floh der 17-jährige Gazmend vor der serbischen Miliz. Seine Flucht führte ihn in die bayerische Landeshauptstadt. Gazmends Asylantrag wurde abgelehnt. Seither ist er in Bayern lediglich geduldet. Seinen Lebensunterhalt bestreitet Gazmend als Küchenhilfe und Thekenkraft.
Er lernte selbstständig deutsch, mietete eine Wohnung und war sich für keine Arbeit zu schade. Er arbeitete sechs Tage die Woche, oft vierzehn Stunden täglich. Er nahm zu keiner Zeit Sozialleistungen in Anspruch.

Das Lachen ist dem 22- jährigen Anfang März vergangen. Sollte er Deutschland bis zum 12. März nicht freiwillig verlassen, wird eine Zwangsabschiebung verfügt. Nicht nur Gazmend, auch seine Freunde, Vorgesetzten und Kollegen waren bestürzt und boten spontane Hilfe an. Die folgende Aufstellung dokumentiert den Zeitraum vom fünften bis zwölften März:

Dienstag, der fünfte März

Der Bayerische Flüchtlingsrat kennt die Problematik. In Gazis Fall helfe ausser einer Blitzheirat nichts mehr.
Das Gespräch mit einer Anwältin gibt ebenfalls wenig Anlass zu Optimismus: Die Gesetzeslage sei eindeutig, am besten solle er seine Sachen packen und freiwillig ausreisen.
Der Kontakt zu diversen Hilfsorganisationen führt auf Holzwege und bleibt erfolglos. Gazmend hat seine Anfangseuphorie eingebüßt, er wirkt niedergeschlagen, möchte seine Koffer packen. Nach einigem Zureden lässt er sich überzeugen, bis zum zwölften März weiter für sein Bleiberecht zu kämpfen.

Mittwoch, sechster März

Neue Möglichkeiten tun sich auf: Eine Eilpetition an den bayerischen Landtag und eine psychologische Stellungnahme. Dafür müssen Referenzschreiben erstellt, ein Fürsprecher aus der Politik- und ein Psychologe gefunden werden.
Eine Aufenthaltsgenehmigung als Vollzeitbeschäftigung; alle Beteiligten vernachlässigen mittlerweile ihr normales Tagwerk.
Die vage Aussicht auf Erfolg bietet jedoch Anlass zur Hoffnung, das Stimmungsbarometer steigt wieder.

Freitag, achter März

Gazmends Arbeitgeber kommen der Bitte nach Arbeitszeugnissen sofort nach, für Samstag ist ein Termin bei einer Psychologin einberäumt. In der Discothek, in der Gazmend arbeitet, werden Unterschriftslisten ausgelegt, die der Petition beigelegt werden sollen. Anne Hirschmann, SPD, MdL, erklärt sich bereit, mit ihrem Namen eine Aussetzung der Abschiebung zu unterstützen.

Samstag, neunter März

Gazmend ist vor seinem Termin beim Psychologen wortkarg, auf seltsame Weise in sich gekehrt. Das Gespräch mit der Therapeutin gerät zum haarsträubenden Monolog des verzweifelten Kosovaren. Gazmends drastische Schilderung der Willkür und Grausamkeiten der Serben in seiner Heimat verschlägt selbst der Psychologin kurzzeitig die Sprache. Er wurde schon als vierzehnjähriger Zeuge bestialischer Hinrichtungen. Gegen Ende seiner Erzählung weint Gazmend zum ersten Mal. Die Therapeutin sieht in Gazmends Verhalten viele Anzeichen für eine Retraumatisierung. Sie verspricht, eine entsprechende schriftliche Stellungnahme zu verfassen.

Fast möchte man sich über diesen Befund freuen. Alle Beteiligten sind übernächtigt, die Nerven liegen blank.

Sonntag, der zehnte März

Immerhin. Über tausend Kollegen und Gäste haben sich in die Unterschriftslisten eingetragen. Wolfgang Nöth, der Betreiber des Kunstpark Ost in München hat ein persönliches Anschreiben an OB Christian Ude beigelegt.

Montag, elfter März

Gazmend hat Geburtstag, die Feier beschränkt sich auf ein schnelles gemeinsames Frühstück in der Münchner Innenstadt. Arbeitszeugnisse, psychologische Stellungnahme, Frau Hirschmanns Zuspruch, die Unterschriftenaktion und der Brief an Herrn Ude müssen in eine vertretbare Form gebracht werden. Am Nachmittag sind der Landtag, das Rathaus und das Kreisverwaltungsreferat bemustert. Es bleibt Zeit, abends mit dem sichtlich erschöpften Gazmend und ein paar Freunden auf seinen Geburtstag anzustoßen.

Ein Teilerfolg, nicht mehr, nicht weniger. Bis zur Entscheidung über die Eilpetition darf Gazmend nicht abgeschoben werden und weiterhin arbeiten- denken alle.

Dienstag, zwölfter März

Gazmend kontaktiert eine Anwältin, die mit ihm zum Kreisverwaltungsreferat geht. Ihm droht ein Entzug der Arbeitserlaubnis. In Bayern wird Ausländern, die sich gegen ihre Ausweisung sträuben, das Recht auf Arbeit genommen. Folglich können sie nicht mehr selbstständig für ihren Lebensunterhalt aufkommen und sind gezwungen, Sozialhilfe zu beantragen. Die Inanspruchnahme von Sozialleistungen führt wiederum zum Erlöschen der Aufenthaltsberechtigung.

Gazmend ruft an, er wirkt aufgelöst, fahrig und nervlich am Ende.

Die Anwältin erklärt sich bereit, den Fall an das Bundesamt weiterzuleiten. Gazmends Duldung in München wird bis zum neunten April verlängert. Sollte er bis zu diesem Termin eine Therapie begonnen haben, kann er auf eine weitere Verlängerung seines Aufenthaltes in seiner Wahlheimat München hoffen. Auf längere Sicht hat er jedoch kaum Hoffnung, sich hier eine Existenz aufbauen zu dürfen.



   

Weitere Informationen:
   jan.lindemann@gmx.net



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