"Es steht Euch frei, in Eure Tempel zu gehen; es steht Euch frei, in Eure Moscheen zu gehen. Woran Ihr glaubt hat nichts mit dem Staat zu tun. Ihr müsst lernen Pakistani zu werden."
(Ali Jinnah – Gründer des Staates Pakistan)
Der Krieg in Afghanistan hat den Fundamentalisten in Pakistan neuen Aufwind verschafft:
Vertriebene Talibankämpfer aus Afghanistan importieren eine zum Freiheitskampf stilisierte Ideologie und extreme Mullahs predigen den Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen. Die schlechte Wirtschaftssituation des Landes steigert die Empfänglichkeit arbeitsloser Jugendlicher für diese Ideen. Dem steht eine schwache Militärregierung gegenüber, die durch die Unterstützung der USA ihre Machtposition bei den Extremisten verspielt hat.
Geschichte der Radikalisierung
Als 1977 General Ziaul Haq an die Macht kam, führte er eine rigide Islamisierung des Landes durch. Die Härte seiner Maßnahmen zeigte sich, als er zwei Jahre später seinen Vorgänger Zulfar Ali Bhutto im Interesse der Hardliner exekutieren ließ, da dieser eine Säkularisierungspolitik betrieben hatte. Die Einführung islamischer Gesetze beinhaltete unter anderem das so genannte Blasphemiegesetz, auf dessen Grundlage jeder, der direkt oder indirekt den Namen des Propheten schändet, zum Tode verurteilt werden kann.
Diese lakonische Regelung ist bis heute eine gefährliche Waffe der Fundamentalisten gegenüber jedem, den sie als Ungläubigen erachten oder der ihnen im Wege steht. So werden nicht nur Christen und Hindus, sondern auch Mitglieder der shiitischen Minderheit, zum Beispiel die Ahmadia als muslimische Konkurrenz Opfer regelrechter Hetzjagden.
Nicht-Muslime besitzen keine vollen Bürgerrechte in der islamischen Republik Pakistan: sie sind nicht wahlberechtigt und vor Gericht haben ihre Aussagen, wie die der Frauen nur den halben Wert von denen eines Mannes. Während der Amtszeit Ziaul Haqs konnte die Partei Jamat-e Islami, der parlamentarische Arm der Fundamentalisten in vielen Moscheen ihre radikalen Glaubensgelehrten, die Mullahs, platzieren. Diese konnten in den letzten Jahren vor allem arbeitslose Jugendliche für sich gewinnen. Seit Ali Bhutto hat keine Regierung ernsthaft den Versuch unternommen, die Fundamentalisten unter Kontrolle zu bringen. Zum einen, weil man sich ihre Unterstützung sichern wollte, zum andern weil sie durch Unruhen und Terroraktionen sowie Drohungen der Hardliner in militärischen Spitzenpositionen stets Druck auf die Machthaber ausüben konnten.
Gewehr und Lautsprecher
Die Fundamentalisten sind zahlenmäßig in den nordwestlichen Provinzen Pakistans, an der langen Grenze zu Afghanistan entlang, sowie in der Region um Kaschmir und Belutschistan am stärksten vertreten.
Es gibt zwei Arten von Extremisten: die einen propagieren General Ziaul Haq, die anderen kämpfen den Djihad in Afghanistan und im indischen Teil Kaschmirs. Viele der Kämpfer gehören zur Gruppe der Paschtunen und ein großer Teil hat als Nomadenvolk die Grenzen nie anerkannt, die von den britischen Kolonialherren Ende des 19. Jahrhunderts zwischen Indien und Afghanistan gezogen wurden und ihr Volk geteilt haben. In ihrem eigenen Rechtssystem, der Sharia oder speziell bei den Paschtunen das Paschtunwali, bilden Schande und Ehre die zentralen Begriffe wobei es oberste Pflicht ist die Ehre der Familie und des Stammes zu verteidigen. Die Regierung hat soweit stillschweigend akzeptiert, dass unter ihnen pakistanische Gesetze keine Anwendung finden.
Die andere Gruppe der Islamisten verhält sich den Gotteskriegern gegenüber solidarisch und versucht ihrerseits durch den Glauben auf die Gesellschaft einzuwirken. Sie wollen aus Pakistan einen rein islamischen Staat machen, und die extremen Mullahs fordern von ihren Anhängern ebenfalls, den Djihad zu kämpfen. Die Macht des Mullahismus ist die "Macht über die Lautsprecher".
Sie bringen die Bevölkerung gegen anders denkende auf und propagieren ihre Ablehnung, die nicht auf sozialen oder politischen Ideen beruht, sondern auf religiöser Überzeugung. Die Anzahl der Sitze der Fundamentalisten im Parlament ist gering, ihre eigentliche Einflusszone ist daher die Straße. Auch kleinere Geschäftsleute, die unter der schwachen Wirtschaft zu leiden haben, sowie Angehörige der Militärs gehören zum Sympatisantenkreis. Musharrafs Armee übt sich jedoch in Zurückhaltung, um international nicht ihr Gesicht zu verlieren.
Die Geister die ich rief...
Ob Taliban in Afghanistan, Fundamentalisten im eigenen Land oder die Mudschahidin Kaschmirs - immer hatte das pakistanische Militär seine Hand im Spiel, immer dienten die Fundamentalisten einem Zweck: In Afghanistan sollten die Taliban auf lange Sicht die Unterstützung des Landes gegen den Erzfeind Indien garantieren. Im Inland sollten die Fanatiker die demokratische Opposition in Schach halten, in Kaschmir einen Konflikt am Laufen halten.
Pervez Musharraf befindet sich aufgrund der desolaten wirtschaftlichen Situation des Landes auf einem Kurs der ökonomischen Sanierung. Hierzu benötigt er die Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft, die ihm nur gewährt wird, wenn er sich am Kampf gegen den Terrorismus beteiligt. Hinzu kommt, dass ein Krieg mit Indien die wirtschaftliche Situation des Landes wesentlich verschlechtern würde. Dessen ist der selbsternannte Chief Executive sich bewusst und versucht die Beziehungen mit Indien soweit als möglich zu normalisieren. Auch diesem Ziel stehen die muslimischen Fundamentalisten im indischen Teil Kashmirs im Wege. Indien fordert von Pakistan ein Vorgehen gegen diese Gruppen.
So befindet sich Musharraf in dem Dilemma, die Extremisten, die sein Land jahrelang unterstützt und gefördert hat, gegen sich aufbringen zu müssen. Dabei muss er feststellen, dass man sie nicht so einfach wieder los wird, nachdem man sie jahrelang großzügig mit Waffen versorgt hat, um ihre Dienste in Anspruch zu nehmen.
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