Timothy McVeigh ist ein Mörder. Ein Mörder, der am 19. April 1995 mit einer 5000 Pfund schweren Bombe aus Ammoniumnitrat und Benzin ein Verwaltungsgebäude in Oklahoma City in die Luft sprengte. Der heute 32-jährige bezeichnet die 168 Angestellten der Bundesbehörde, die Opfer seines Anschlags wurden, als "Tyrannen". Die 19 Kinder, die durch den Bombenanschlag starben, nennt er "Kollateralschäden". Für McVeigh muss "die Pflanze der Freiheit von Zeit zu Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen begossen werden". Diesen Satz hat er von Thomas Jefferson, dem dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Injektion online
Für das Attentat im April 1995 wurde Timothy McVeigh zwei Jahre später zum Tode verurteilt. Der Hinrichtungstermin ist auf den 16. Mai 2001 festgesetzt. Um sieben Uhr morgens Ortszeit wird ihm in der Haftanstalt in Terre Haute im US-Bundesstaat Indiana eine Mischung aus Natriumthiopental, Pancuroniumbromid und Kaliumchlorid intravenös injiziert. Das amerikanische Internet-Unternehmen Entertainment Network Inc. (ENI) möchte, das sich die Netzwelt von der Wirkung der Giftspritze selbst überzeugt: Die Bewusstlosigkeit des Verurteilten, die Lähmung der Muskulatur und der Atemstillstand McVeighs soll für 1,95 Dollar per Videostream die Bildschirme füllen. "Die US-Öffentlichkeit hat ein großes Interesse daran, sicher zu gehen, dass diese schreckliche Episode abgeschlossen ist", erklärt David Marshlack, Chef des ENI. Das Unternehmen, das Marshlack leitet, betreibt hauptsächlich Porno-Websites wie VoyeurDorm.com und DudeDorm.com. Aber wird McVeigh tatsächlich nackt auf der Pritsche liegen?
Das Los entscheidet
US-Justizminister John Ashcroft hatte den Angehörigen der Opfer und Überlebenden des Anschlags zugebilligt, die Exekution auf einer Videoleinwand mitzuverfolgen. Ein Novum in der amerikanischen Justiz- und Exekutionsgeschichte: Nach US-Bundesgesetz dürfen Medienvertreter bei einer Hinrichtung zwar zugegen sein, audiovisuelle Aufzeichnungsgeräte sind aber nicht erlaubt. Bei McVeighs Tod wird das anders sein: Der folgenschwerste terroristische Anschlag auf amerikanischem Boden hat Ashcroft dazu veranlasst, das Recht auf Live-Übertragung einzuräumen. In Farbe, mit Ton, jedoch verschlüsselt nur für die Leidtragenden. Denn die Zuschauertribüne in Terre Haute bietet nur Platz für zehn Zeugen und zehn Journalisten, die hautnah in einem Nebenraum dem Sterben eines Menschen beiwohnen dürfen. Kritik wurde laut: Aus den Reihen der Hinterbliebenen werden jetzt die zehn glücklichen Zuschauer per Los bestimmt.
Diese Hinrichtung wurde Ihnen präsentiert von ...
Der Porno-Website-Betreiber ENI, der mit Bildern junger Frauen in Big-Brother-Manier mehrere Millionen zahlende User vor die Rechner lockt, entdeckt mit Ashcrofts Novelle ein lukratives Schlupfloch: Für Derek Newman, Rechtsanwalt der ENI, handelt es sich im Falle von McVeigh um ein "großes Regierungsereignis", bei dem eine "vorurteilsfreie Kamera" ein wesentlich objektiveres Bild vermitteln würde als die Berichte der anwesenden Journaille. Ähnlich heuchlerisch stößt dann gar die deutsche Internet-Firma Absolutfilm aus Düsseldorf ins selbe Horn: Geschäftsführer Harald Thoma, Sohn des ehemaligen RTL-Patrons Helmut Thoma, verhandelt mit den amerikanischen Kollegen: "Wir sind guter Hoffnung, uns einig zu werden", hofft Thoma junior, beschwichtigt aber gleich: "Uns geht es nicht um Sensationshascherei, man muss den Leuten doch zeigen, wie grausam die Todesstrafe ist". Im Internet soll das aufklärerische Ziel der Thoma-Seilschaften kostenlos angeboten werden. In Terre Haute indes sind schon heute die Hotels ausgebucht, Souvenirhändler verkaufen T-Shirts mit dem Foto des Verurteilten und dem Datum der Hinrichtung: am 16. Mai ist zudem schulfrei.
Gute Bilder
Noch müssen sich aber amerikanische wie deutsche Internet-Aufklärer in Geduld üben: Die 31-Seiten lange Urteilsbegründung des US-Bundesrichters John D. Tinder aus Indianapolis lässt keinen Zweifel über die Unrechtmäßigkeit einer Internetübertragung der Hinrichtung aufkommen. Das Engagement der Entertainment Network Inc. gründet auf reiner Sensationslust und nicht auf presserechtlicher Motivation, so der Tenor des Urteils. David Marshlack, Derek Newman und das ENI werden sich damit nicht abfinden und vor den Supreme Court ziehen. Den Segen McVeighs haben sie: Der 32-jährige wird keine Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen und sei, als er von einer möglichen Fernsehüberragung hörte, begeistert gewesen. Schon während des Prozesses hatte McVeigh betont, er habe das Gebäude in Oklahoma vor allem deswegen ausgesucht, damit es gute Fernsehbilder zu sehen gebe.
zurück zum Dossier-Überblick