Wer in Europa kennt schon die "Internet Association for Assigned Names and Numbers"? Die Medien zumindest, sofern es sich nicht um Fachzeitschriften handelt, scheinen sie in der Berichterstattung zu meiden. Dennoch ist sie
mit erheblicher Macht ausgestattet. Gegründet wurde die ICANN vom
US-Wirtschaftsministerium im Oktober 1998 als nicht-kommerzielles und
regierungsunabhängiges Gremium. Sie kontrolliert fast alle Name Server des Internets, also die Computer, über die alle registrierten Adressen abgerufen werden können und müssen. Die USA lehnten es damals ab, die sensible Kontrolle über das Netz der Netze einer internationalen Organisation zu übergeben und bauten die ICANN unter ihrer Oberhoheit auf.
Kontrolle über die Infrastruktur des Internets
Die ICANN versteht sich heute als technischer Koordinator des Internets.
Dazu vergibt sie die Lizenz zur Bereitstellung von Top Level Domains wie
.com, .de oder neuerdings zum Beispiel auch .biz. Die Lizenznehmer verkaufe diese Endungen dann an Firmen und Privatpersonen. Das ICANN-Direktorium
besteht aus Vertretern der Firmen und Organisationen, die Domain-Namen
registrieren und Adressen und Übertragungsprotokolle verwalten. Normale
Internet-Nutzer können so genannte "At-Large-Mitglieder" der ICANN werden.
Welche Mitwirkungsrechte damit konkret verbunden sind, ist der ICANN selbst noch nicht klar; immerhin konnten im Jahr 2000 diese Personen in
zweifelhaften weltweiten Internet-Wahlen fünf der 19 Direktoren wählen. Für
Europa kam Andy Müller-Maguhn, Sprecher des Chaos-Computer-Clubs, in das
Direktorengremium.
Mangelnde Transparenz
Mangelnde Transparenz, die Macht über die Verteilung milliardenschwerer
Namenslizenzen und die versteckte Einflussnahme der amerikanischen Regierung lassen die ICANN in der Öffentlichkeit nicht immer gut dastehen.
Die
Entscheidung für neue Domains gerät oft zum Politikum, enttäuschte
Antragssteller klagen über eine Überschreitung des technischen Mandats der
ICANN und verlangen entsprechende Rechenschaftspflicht. EU-Parlament und
auch Stimmen im US-Senat rufen nach demokratischeren Verfahren bei
zukünftigen Entscheidungen.
"ICANNwatch" , ein privater Verein, der es sich
zur Aufgabe gemacht hat, die "oft chaotische Information" seitens der ICANN
durchschaubarer zu machen und ICANN-Vorgänge kritisch zu kommentieren, sieht
in der Zukunft der Vergabe von Domain-Endungen das "eigene konstitutionelle
Moment" des Cyberspace. Nichts sei wichtiger für die Zukunft des Internets
als wie sich die ICANN in ihrer Rolle als Verwalter verhalten wird.
Die Reform als Rückschritt
ICANN-Präsident Stuart Lynn hat jetzt einen Plan zur Reform vorgelegt. Nur
noch 15 Direktoren soll es geben, ein Drittel davon Regierungsvertreter, ein
Drittel Vertreter technischer Organisationen und der Rest wird von Komitees gewählt. Diese Komitees sind jedoch keineswegs mit Normal-Usern besetzt,
vielmehr sitzen dort Industrie-Lobbyisten, die sich in Geheim-Absprachen auf
ICANN-Posten einigen.
Der Versuch, die Internetverwaltung zu demokratisieren, sei eine Überreaktion gewesen auf die ursprüngliche Absicht, eine totale Regierungskontrolle zu verhindern, begründet Lynn das
Ausbooten der privaten Direktoriums-Mitglieder in seinem Vorschlag. Das
privatwirtschaftliche Modell habe sich als inoperabel erwiesen, weil es
ICANN von den Regierungen und ihren Unterstützungen isoliere. Deshalb wäre
eine "sanfte Regierungskontrolle" sinnvoller.
Da stehen sich nun zwei Seiten gegenüber: Lobbyvertreter, die selbst kaum an die ICANN glauben und
so wenig Öffentlichkeit wie möglich wollen, gegen Vertreter der User, die aus
der ICANN gerne eine post-nationale Cyberspace-Regierung machen würden. Am
10. März hält die ICANN in Ghana ein Treffen ab; dabei sollen sieben
Reformszenarien besprochen werden. Die Bandbreite reicht vom
Regierungsgremium à la Lynn bis zum reinen Beratungskreis.
Wer soll das Netz regieren?
Es stellt sich die Frage, wer das Internet "regieren" soll. Die
Bertelsmann-Stiftung beispielsweise plädierte vergangenes Jahr für ein
Modell der supranationalen Ko-Regulierung in Form von globalen Netzwerken.
Die ICANN könnte hierfür ein erster, aber durchaus noch weit auszubauender
Ansatz sein. Insgesamt sollte der Rechtsrahmen für das Internet
international harmonisiert werden, kulturspezifischen Differenzen müsse mehr
Rechnung getragen werden. Doch die Hauptsache wäre ein System mit
marktgerechten, transparenten und demokratischen Lösungen für eine
Verwaltung des Ausbaus beim Massenmedium der Zukunft, so die Stiftung. Eine Anforderung, von der die ICANN derzeit noch weit entfernt scheint.
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