Ein Weihnachtsmann ist eine tragische Figur. Bei Gerhard Polt jedenfalls. Eigentlich macht Polt uns alle tragisch - deswegen ist er auch so wahnsinnig komisch. Mit Abfent, Abfent...! haut uns der Nikolaus aus dem Oberland jetzt eine geballte Ladung Weihnachten um die Ohren. Das Fest der Liebe in all seinen boshaften Fratzen. Der Tonträger beherbergt das "Best of" der polt'schen Weihnachtsgeschichten. Gute alte Bekannte, denen man bei Live-Auftritten immer wieder begegnet ist. Doch nie in so gebündelter Form.
Alle Jahre wieder...
Alle sind sie gekommen, um zu feiern: Der Nikolaus, der ohne Gewerbeschein Jahre lang an der Steuer vorbei sein Geschäft getätigt hat. Der dumme Bengel, der den Nikolaus nicht vom Osterhasi unterscheiden kann. Erwin und Käthe Böhm, die sich zu Weihnachten einen anständigen Einsamen ins Haus holen wollen. Der lebenslustige Brandstifter, der Weinnachtsneger und der Schuldeneintreiber. Gemeinsam sind sie unausstehlich.
Allen voran Jean-Claude, der von seiner Mutter ums Verrecken kein pädagogisches Spielzeug geschenkt haben will. "Er hat ein derartiges Misstrauen, dass er beim Spiel was lernen muss - ohne dass er's merkt." Oder dieser Weihnachtsmann, der unbedingt während eines schönen Fernsehnachmittags in den Festtag hineinplatzt. So was gehört sich doch nicht. Macht einem die ganze schöne Stimmung kaputt. Und die muss man sie sich dann wieder mühsam ansaufen. Am besten mit Glühwein. Aus Tabletten. Die Nebenwirkungen zählt Polt alle genüsslich auf. Von inneren Blutungen, bis hin zu einem Magendurchbruch. Na dann, Prost.
Oh, Du Fröhliche
Polt macht aus Weihnachten ein Schlachtfest. Er zerhackt die besinnliche Zeit in Einzelteile. Lächerliche Einzelteile. Genüsslich, gemein. Seine Reibeisenstimme zerreibt die Christmas-Idylle zu hauchdünnen Flocken. Leise rieselt der Schmarrn. So ein Hund. Insgeheim wünscht man sich, dass diese CD zu Weihnachten auf dem Gabentisch all jener liegen möge, die sie abstoßend finden würden. Beim Spießer von nebenan, beim Biedermeier von gegenüber, beim Besserwisser, beim Gefühlsduseligen oder beim gefühlskalten Waffenhändlerehepaar.
Man stelle sich nur mal vor: Schön eingewickelt - läge sie da. Die CD. Das ahnungslose Opfer würde sich ans Auspacken machen, dem harmlosen Cover auf den Leim gehend den Silberling in den CD-Spieler legen und letztlich frohen Mutes den Start-Knopf drücken. Ha! Den Lametta ertränkten Weihnachtsbaum würde es erschüttern, den Aldizehnerpackweihnachtsliederstapel umhauen und... oder auch nicht. Vielleicht würde gar nichts passieren.
Womit die Hilflosigkeit der Kunst wieder einmal bestätigt wäre. Aber man kann eben niemanden dazu zwingen, sich zu erkennen. Was bleibt ist die Gewissheit, dass man selbst damit nicht gemeint ist und dass der Weihnachtsmann eine verdammt tragische Figur ist. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Abfent, Abfent...
Gerhard Polt: "Abfent, Abfent...!"
Aufgenommen im Theater Neumarkt, Zürich
Alle Texte von Gerhard Polt
("Der Weihnachtsneger, Die Weihnachtsgratifikation, Nikolausi, Der Einsame, Sankt Nikolaus und Abfent, Abfent...! in Zusammenarbeit mit Hanns Christian Müller)
KEIN & ABER Records
Vertrieb über Buchhandel durch Eichborn AG
Foto: Copyright liegt bei KEIN & ABER Records