Fluter scheinen gnadenlos hell von unten an Wand und Decke und beleuchten Ecken, in die sonst nie die Sonne scheint. Spinnweben, Tabakgelb und Mörtelrisse werden sichtbar. Na dann: Mal locker flockig über fluter.de gesurft und geschaut, welch dunkel Örtchen die Bundeszentrale für politische Bildung in diesem Monat bestrahlen wird.
42 Sekunden später ist der User entweder weg - Lieber bleichgesichtiger Web-Designer, nach 10 Sekunden Ladezeit klickt der schonungslose Infomaniac weiter! - oder auf einer Seite, die - aber hallo! - stark an das Online-Magazin jetzt.de der Süddeutschen Zeitung erinnert. Macht aber nix, geklaut wird überall, und nirgendwo soviel wie im Kindernetz.
Schicke Twix-Community
Der erste Blick, ganz klar: Fluter.de will neudeutsch-schick Community und altdeutsch-traditionell Treffpunkt für politisch interessierte Pubertätsopfer sein, gebeutelt von der es-mag-zwar-zynisch-klingen-Frage, wie sich die nächste Handy-Rechnung mit dem 11. September (Glückwunsch übrigens zum Wort des Jahres!) rechtfertigen lässt.
Wir klicken uns geschmeidig von "Terror in der Welt" über "Die Welt rückt zusammen" (Regierungssprecher Heye ist sich sicher) bis zu der Frage "Warum Medien den Terror lieben (müssen)". Wir blättern uns im Heft behände vom "Höllenterror", "Massenmord" und "Gotteswille" zu "Todeswaffen" und "Good Bye". Und schauen bewundernd ins Impressum, wo sich die Perlenkette der deutschen Journaille von Kurt Kister über Hans Leyendecker bis Henryk M. Broder um den Hals des noch jungen Gratismagazins schmiegt.
Der Fluter leuchtet im Twix-Format oder Cross-Media-Like, wie wir ebenso bleichgesichtigen Online-Redakteure gern palavern. "Wir präsentieren Menschen, die im Mittelpunkt stehen, wir bieten Provokationen und verschweigen den Rat der Älteren nicht", rührt Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, die Werbetrommel.
Den Ältestenrat übernehmen in der Erstausgabe die am 26. November verstorbene Regine Hildebrandt, der Geißler-Heiner und Make-Peace-Not-War Erhard Eppler. Dass Fluter die Geißler-Meinung "die USA dürfen kritisiert werden" auch im Online-Auftritt verwurstet, ist legitim. Auch die Provokation des Journalisten und Schriftstellers Henry M. Broder ("Die Deutschen demonstrieren immer Mitleid, vor allem mit sich selbst") greifen die Online-Redakteure im Internet auf, das passt ins Konzept.
Der Mehrwert verduftet
Es gefällt und bringt guten Mehrwert. Der verduftet aber schnell in den Weiten des WWW wenn 15-Jährige mit Sätzen wie "Den aktuellen Formenvorrat der Präsentationen, die Wahlkampagnen, der Aufbau einer "Leitfigur"; des glaubwürdigen, charismatischen "Gruppenführers" oder "Alpha-Tieres" und seine durchkonstruierte Darstellung in den Medien; das Verschlagworten komplexer politischer Probleme - all diese Formen sind modifiziert aus dem Popgeschäft entnommen." (aus dem Artikel "Du bist das Alpha-Tier") klarkommen müssen. Upps: danach bist du nicht das Alpha-Tier, sondern draußen!
Gutes Layout (Print und - na, vielleicht doch geklaut? - Online), guter Themenmix (Online), aber Schwächen in der Web-Darstellung. Vielleicht, und das sei noch lobend erwähnt, versuchen die Flutlichter aus Bonn dem vernichtenden Urteil der PISA-Studie beherzt entgegenzutreten, und sich ihre Leserschaft zu erziehen. Und wenn es nicht klappt: Einfach noch mal einen Blick auf jetzt.de werfen. Viel Glück und Erfolg für die Zukunft.
Die Bundeszentrale für politische Bildung bei e-politik.de: Frischer Wind in der Bundeszentrale
Bild: Copyright liegt bei fluter.de